4-wheel-nomads: »Allah Karima« und »Insh'Allah«

Juliane, Mischa und die beiden Töchter Anouk und Sóley sind die 4-wheel-nomads. Die Vier leben auf Spiekeroog und starteten von dort ihre große Afrika-Reise mit dem Land Rover: 388 Tage – 27 Länder – 4 Personen – 1 Land Rover.

Sudan: Teil 2

In Khartoum sind es weiterhin die intensiven Begegnungen mit den Menschen, die interessant und anregend sind. Nicht nur unsere Freundin Tyseer, die ein ganzes Programm für unsere Woche in Khartoum ausgearbeitet hat, erläutert uns Aspekte dieser, für uns neuen, Kultur. Tyseer beeindruckte mich übrigens andererorts mit ihrer warmherzigen Reaktion auf Bettler, wofür ich bisher noch keinen adäquaten Umgang finden konnte. Meist vermischt sich in mir großes Mitleid mit dem Wissen, dass etwas Geld nicht nachhaltig helfen wird, manchmal sogar das Leid verschlimmert. Diese Unsicherheit ist sicherlich spürbar. Tyseer meistert diese Situation mit dem hier üblichen Segen »Allah Karima«, was bedeutet: »Allah wird für Dich sorgen.« Und dieser Spruch scheint ein klein wenig Hoffnung zu geben. Ist es nur eine Floskel? Hilft es? ... »Insh' Allah!« »So Gott will!«

Gegen Ende unserer Woche in Khartoum mischen sich natürlich nun auch praktische Besorgungen und Planung der Weiterreise im Sudan. So musste u.a. in einer Werkstatt ein Bolzen aus einem Reifen entfernt und wieder geflickt werden. Mischa ging zum Barber und ich in ein Kosmetikstudio, in dem ich die entspannte Atmosphäre der Frauen hinter den Türen und Vorhängen genoß. Fröhlich tratschend werden hier viele Stunden mit Körperpflege von Kopf bis Fuss verbracht. Ich hatte leider nur Zeit für ein Kurzprogramm, sonst hätte ich zu gerne noch die wunderschönen und für verheiratete Frauen im Sudan typischen Henna-Tattoos an den Füßen machen lassen.

Wir bekommen mehrfach Gelegenheiten, in das private Leben der Khartoumer Einblick zu erhalten. Tyseer lädt uns zu ihrer Familie nach Hause ein, wo auch Kinder in Anouks und Sóleys Alter wohnen. Auch lernen wir so Tyseers Bekannten Sheikh Mohammad Mubarak, einen Führer der lokalen Sufi-Bewegung, kennen. Dieser hatte uns geholfen, eine Wohnung zu finden und seine Hilfe für die Weiterreise in Richtung Äthiopien angeboten. Er wollte nicht nur seine familiären Kontakte auf dem Weg spielen lassen, sondern entschied kurzerhand uns persönlich zu begleiten.

Unser Defender hat jedoch durch den Umbau nur vier Sitzplätze. Für die Weiterreise zu Fünft ersetze ich »einfach« Sóleys Kindersitz und quetsche mich mit zu den Kindern nach hinten. Bequem ist das nicht und nach europäischen Standards auch nicht sicher und empfehlenswert. Aber diese Chance, die so von Herzen kommt, wollen wir nicht ausschlagen und nehmen gedrängt sogar insgesamt fünf Stunden holprige Pistenfahrt zum Hüttendorf seiner Familie in Kauf.

Mit einem »local«, wie Sheikh Mohammad, im Auto brauchen wir an den Checkpoints keine Dokumente mehr vorzuzeigen. Ein kleiner Smalltalk von uns auf English und Sheikh Mohammads Arabisch reicht, um durchgewunken zu werden. Zwischendurch singt Mohammad für Sóley wie ein Muezzin. Sie liebt Moscheen und wenn der Muezzin singt, kommt immer ein verklärtes »Mein Freund!« aus Sóley's Mund. Mohammad lernt von Mischa Englisch und Deutsch und Mischa im Gegenzug etwas Arabisch.

Mit untergehender Sonne kommen wir bei Mohammads Onkel in Sennar an. Einige Kinder spielen im Innenhof mit einer Plastikflasche, die vom Baum hängt. Sóley und Anouk machen sofort mit und lachen so laut, dass es die ganze Nachbarschaft hören kann. Mittlerweile wird uns ein üppiges typisch sudanesisches Abendessen auf einem großen Blechtablett gebracht, was wir alle mit unserer rechten Hand essen. Uns wird ein Zimmer mit zwei Betten für die Nacht freigemacht, obwohl wir auch im Auto hätten schlafen können. Am nächsten Morgen werden die Kinder des Hauses hübsch gemacht für die Schule, wohin sie mit dem Bajaj (indisches TukTuk) gebracht werden.

Wir machen uns auf den Weg zum Dorf, in dem Mohammads Vater lebt. Zu erst besuchen wir die Dorfschule, die schlecht ausgestattet und völlig überfüllt ist. Wir überlegen, wie wir Geld akquirieren könnten, um die Zustände für die Schüler hier zu verbessern. Wir knüpfen Kontakte um sicherzustellen, dass die benötigten Materialien auch wirklich direkt ankommen und kein Geld in unsicheren Kanälen versickert.

Im Dorf bekommen wir ein eigenes Zimmer, eigentlich eine Hütte, diesmal sogar mit drei Betten. Wir werden vielen Dorfbewohnern vorgestellt und wieder umfangreich beköstigt. Mischa gesellt sich zur Teerunde der Männer und ich mische mich unter die Frauen an der Feuerstelle in einer anderen Hütte. Verbal können wir uns kaum verständigen. Das ist schade, da gegenseitig so großes Interesse besteht. Allein die Gesichter der Frauen erzählen viele Geschichten. Sie wirken schüchtern, freuen sich aber scheinbar riesig über meine Versuche der Kontaktaufnahme.

Mohammad möchte mit uns zu Nomaden fahren, ein Angebot, das wir begeistert annehmen. Mit einem Verwandten von Mohammad, der auf dem Dach Platz findet, geht's über holperige Feldwege bis wir die einfachen Zelte der Nomaden erreichen. Riesig wirken daneben ihre Dromedare. Stolz zeigen uns die Bewohner ihre multifunktionalen Zelte und laden uns zum Tee ein. Schnell vergrößert sich die Runde und als wir mit untergehender Sonne das Camp verlassen wollen, stehen alle Männer auf und beten gemeinsam. Auf dem Rückweg schleppen wir noch einen mit Menschen überfüllten Pick-up ab, den wir bereits auf dem Hinweg entdeckt hatten. Kein Wunder, dass dieses Himmelfahrtskommando stehen geblieben ist: der Tank besteht aus einer 1,5 Liter Colaflasche, die am linken Außenspiegel hängt und das ganze Fahrzeug scheint nur mit Draht zusammengehalten zu werden. Eine Reise in diesem Auto!? Insch'Allah!

Zurück im Dorf stärken wir uns mit frischer Kamelmilch. Wir geben ehrlich zu, es hat uns etwas Überwindung gekostet, doch als wir sicher gestellt haben, dass sie abgekocht ist, nehmen wir sie an. Wir sind überrascht, wie lecker sie tatsächlich ist, was dazu führt, dass uns ständig nachgefüllt wird.

Da wir am nächsten Tag Äthiopien erreichen wollen, stehen wir früh auf und nehmen Mohammad (nach einem Kamelmilchtee und der herzlichen Verabschiedung von seinen Verwandten) zwei Stunden über Schlagloch-Pisten zur nächsten Asphaltstraße mit. Dann trennen sich unsere Wege. Er nimmt einen Bus zurück nach Khartoum und wir nehmen Kurs auf den Grenzübergang bei Gallabat. Durch den Dindir-Nationalpark ist die Straße noch wunderbar und wir sehen unsere ersten Affen, die so aussehen wie Pippi Langstrumpfs Herr Nilson. Etwa 80 km vor der Grenze wird die Straße jedoch zu einen reinen Ansammlung riesiger Schlaglöcher. Die Ortschaften wirken deutlich ärmlicher. Im Grenzort selbst herrscht ein wuseliges, unschönes Wirrwarr mit düsteren Gestalten, die uns irgendwohin locken wollen, und Bettlern, die aggressiv an die Scheibe klopfen. Von einer hoch gelegenen Straße geht es steil hinab zu den notwendigen Behörden, vor denen jeweils "Grenzhelfer" der unangenehmeren Art herumlungern und einem ihre Dienste versuchen aufzudrängen. Die Offiziellen arbeiten schnell, sodass tatsächlich nach nur 1,5 Stunden alle Formalitäten erledigt sind und wir die improvisierte Grenzanlage passieren können. Es ist bereits später Nachmittag, wir fahren jedoch weiter, da wir in dieser Gegend Äthiopiens nicht unser Camp aufschlagen wollen.

Nach einigen Kilometern müssen wir abrupt in der Dämmerung eine Vollbremsung machen, da ein kaum sichtbarer Strick über die Straße gespannt ist: Customs Checkpoint. Männer mit Waffen. Das heißt, im schlimmsten Fall, jetzt und hier in der Dunkelheit alles auspacken! Wir verweisen auf die Kinder und erklären, dass wir noch einen weiten Weg bis zu unserem Quartier haben. Wir sind heilfroh, dass wir wenig später ohne Kontrolle weiterfahren können. Viele zu umfahrende Hindernisse, wie auf der Straße schlafende Tiere und Menschen, aber auch kaum sichtbare Schlaglöcher und Spurrillen, sorgen dafür, dass unsere Fahrt noch über vier Stunden dauern wird ... 

Am Tanasee im "Kim-und-Tim-Village" wollen wir wohlverdient vier Tage lang ohne Telefon- und Internetempfang entspannen. Insch'Allah!

 

Vielen Dank an Juliane für den Text und die Fotos.

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