4-wheel-nomads: Der Sudan empfängt uns herzlich

Juliane, Mischa und die beiden Töchter Anouk und Sóley sind die 4-wheel-nomads. Die Vier leben auf Spiekeroog und starteten von dort ihre große Afrika-Reise mit dem Land Rover: 388 Tage – 27 Länder – 4 Personen – 1 Land Rover.

Sudan: Teil 1

Der große unbekannte Sudan empfängt uns herzlich. Direkt vor dem Tor der Grenze holt uns Magdi Boshara, unser Fixer für die sudanesische Seite der Grenze ab. Er wirkt gleich auf den ersten Blick sehr sympathisch, organisiert und professionell. Während der drei Stunden Grenz-Wartezeit konnte ich den Umgang der Sudanesen untereinander beobachten, der mich an die Menschen Äthiopien erinnert ... ein brüderliches bzw. schwesterliches Miteinander zwischen Kollegen und Freunden. Es wird gelacht, Arm-in-Arm oder händchenhaltend gegangen ... einfach herzlich.

Die erste Nacht verbringen wir in Magdis Haus und lernen seine Familie kennen. Auch er hat kleine Kinder mit denen sich unsere Mädels schnell anfreunden. Wir werden bekocht, besorgen zusammen mit Magdi eine sudanesische SIM-Karte und ich bekomme eine Einführung in das Wickeln einer »Thob«, dem traditionellen Kleid sudanesischer Mütter. Schweren Herzens verabschieden wir uns schon am nächsten Morgen. Eine meist gerade verlaufende Asphaltstraße führt uns durch die Sahara parallel zum Nil, den wir jedoch nur hin und wieder sehen. Im heißen Wüstensand entdecken wir ab und zu Baumstämme und Wurzeln, versteinerte Zeugen längst vergangener Zeiten als hier noch ein Wald stand ... fast unvorstellbar ... spannend!

Vorbei an Dongola erreichen wir am späten Nachmittag die Pyramiden bei Gebel Barkal in der Nähe der Stadt Karima. Wir bauen uns ein Wildcamp hinter ein paar Dünen. Die Dunkelheit kommt schnell und der Wind sandet uns ordentlich zu. Die Benzinmischung im Coleman Kocher produziert eine zu schwache Flamme um vernünftig kochen zu können. Doch nach einiger Zeit bringt Mischa tatsächlich wie versprochen mit viel Geduld Nudeln mit selbst gemachter Tomaten-Gemüsesoße auf den Tisch. Verstaubt aber glücklich schlafen wir ein.

Am nächsten Tag schauen wir uns die Pyramiden genauer an und fahren anschließend weiter Richtung Atbara. Die Pyramiden hier haben einen etwas anderen Charakter als die großen Pyramiden von Gizeh bei Cairo ... sie sind spitzer, kleiner, älter und mehr auf einem Haufen. Sudan hat mehr Pyramiden als Ägypten, erfahren wir.

In unserem Navigationsprogramm »Tracks for Africa« stehen wir zwei campsites in der Nähe der berühmten Pyramiden von Meroe südlich von Atbara. Dafür nehmen wir sogar in Kauf in die Dunkelheit hineinzufahren, wovor uns von Allen immer abgeraten wurde. Die nächsten ca. 5 Kilometer folgen wir den Reifenspuren im Sand und mit etwas Hilfe von »locals« finden wir endlich das italienische Camp, strohgedeckte Häuser, große Zelte und einen Fuhrpark weißer Toyota Landcruiser. Hier können wir sicher stehen, denken wir. Aber tatsächlich werden wir abgewiesen ... Enttäuscht davon suchen wir uns in der Nähe ein windgeschütztes Wildcamp und genießen den Sternenhimmel. Beim Sonnenaufgang sehen wir in bunten Farben in welch schöner Landschaft wir uns niedergelassen haben. Vom italienischen Camp kommt nach kurzer Zeit ein traditionell gekleideter Mann zu uns gelaufen. Er setzt sich zu uns und packt Souvenirs aus. Anouk ist begeistert vom Schmuck und kauft von ihrem Taschengeld für sich und ihre Schwester jeweils ein Armband und auch ich bekomme einen Armreif von Mischa. Nun gesellt sich noch ein Kamelreiter mit seinem Tier dazu. Einen Ritt am frühen Morgen lehnen wir ab, aber er spielt uns noch ein Lied auf dem hier typischen leierartigen Saiteninstrument vor.

Nach einem schnellen Frühstück fahren wir zu den beeindruckenden Meroe Pyramiden. Eifrig scheint an den Pyramiden renoviert zu werden, allerdings mit Zement, was für unser Auge nicht so recht zur Bauweise passen möchte. Fasziniert schauen wir uns um, aber nach einer Weile treibt uns die Mittagshitze weiter. Außerdem würden wir heute gerne im Hellen in der Hauptstadt Khartoum ankommen. Daraus wird jedoch nichts, da ein Kind spuckt und das Gröbste beseitigt werden muss, bevor es weitergehen kann. Essen und Trinken bei Hitze und ungewohnten Nahrungsmitteln stellt für unsere Kinder leider immer wieder eine Herausforderung dar. So war es kein Keim, der zur Übelkeit führte, wie man schnell annehmen könnte. Da beim Frühstück nur der Orangensaft und nicht das gute Fladenbrot schmecken wollte, war der Magen nun übersäuert. Die Träume von Käsespätzle (á la Christina!) waren einfach verlockender.

Die Meroe Pyramiden

An der Nil Straße in Khartoum treffen wir uns mit Tyseer, einer Freundin unseres äthiopischen Freundes Samuel, der uns im Frühjahr dieses Jahres auf Spiekeroog besucht hat. Als DAAD-Stipendiatin hatte sie vier Jahre in Deutschland (Gießen) studiert, jetzt lehrt sie an der Universität von Khartoum. Tyseer bringt uns zu einer Wohnung, die sie für uns organisiert hat. In Khartoum verbringen wir eine Woche, für die sich Tyseer schon ein buntes Programm überlegt hat. Wir besuchen das Naturhistorische Museum, den alten englischen Palast und das National History Museum of Sudan.

Der untere Teil dieses Tempels in hier in Khartoum im National History Museum – der schönere obere Teil fehlt leider, da er im British Museum in London ausgestellt wird.

Die turbulente Geschichte des Sudan mit dem Widerstand gegen die türkischen und englischen Besetzer wird lebendig. Immer wieder machen wir Pause, sitzen auf Plastikhockern in kleinen Straßencafés auf dem Bürgersteig und reden und reden unheimlich viel und offen. Bei einer Motorbootfahrt auf dem Nil können wir beobachten wie der Blaue Nil (der eigentlich ziemlich braun ist) und der Weiße Nil (der eigentlich grau ist) zusammenfließen, ohne sich dabei sofort zu vermischen. Wasserproben sollen zeigen, dass sie sich selbst in einer Flasche nach Schütteln nebeneinander anordnen (was natürlich nicht klappt). Den Spaß, der hauptsächlich zur Erheiterung der Crew beiträgt, lässt sich aber keiner auf dem Boot entgehen.

Unser absolutes Highlight, das alles übertrifft, ist der Besuch der Moschee in Omdurman am heiligen Freitag zum Gebet der Sufi und dem Derwischtanz. Um die märchenhaft bunte Moschee breitet sich ein riesiger Friedhof aus, dessen Gräber zum Teil wie Maulwurfshügel mit einem kleinen selbstgebastelten Schildchen aussehen. Auf dem Platz vor der Moschee tummeln sich viele Sudanesen in ihren typischen Gewändern, aber auch ein paar Touristen mischen sich darunter. In einem Menschenkreis tanzen und singen zwei Männer mit Turban und trommeln dazu. Immer wieder gesellen sich Tänzer zu den Beiden und genießen ein paar Runden, in denen sie Allah näher zu sein scheinen als sonst ... Dann stecken sie einen Geldschein in die Trommeltasche und verlassen glücklich den Kreis, um für die nächsten Gläubigen Platz zu machen. Fasziniert beobachten wir das Schauspiel. Uns stört ein wenig, dass manche den Tanzenden ihre Kameras direkt vors Gesicht halten und fotografieren. Sicher sind sie ähnlich fasziniert wie wir, doch wir finden es in diesem Moment unpassend. Anouk ist besonders von dem Tanz gefesselt und traut sich in die erste Reihe, um alles ganz genau sehen zu können. Echt mutig für sie in dieser lauten und für sie fremden Umgebung. Sóley, die während der Zeremonie auf Mischas Arm aus ihrem Mittagsschlaf aufgewacht ist, lässt sich nicht lange beeindrucken. Sie will lieber im dichten Gedränge der Füße Bilder in den Sand malen, was nach kurzer Zeit einen Nebenschauplatz eröffnet. Ein kleiner Menschenkreis von begeisterten Sudanesen formiert sich um sie, um auch etwas dazu malen. Schnell kommen wir ins Gespräch und sitzen wieder beim Tee mit interessierten Sudanesen zusammen. In einem Gespräch kommt die Frage auf, ob die Deutschen wirklich so fremdenfeindlich sind, wie es die Medien berichten ... medienbegründetes Informationschaos und Angststeuerung auf allen Seiten!

Was wir bisher gesehen haben war jedoch erst das »Vorspiel«. Ein LKW mit tanzenden, singenden und trommelnden Menschen an Bord kommt an der Moschee an. Ein Umzug mit Fahnen und großen Trommeln nähert sich der Moschee mehrfach. Nun wird ein riesiger Kreis gebildet, die Intensität der Trommel steigert sich. Alle Männer und Frauen (!) in der ersten Reihe des Kreises wiegen sich rhythmisch vor- und zurück, als wären sie in Trance und summen dazu. Einige sind mit grünen Häkelkappen und einem für die Sufiya typischen grünen Gewand bekleidet. Manche strecken ihre Arme aus und drehen sich schnell um die eigene Achse, wie man es häufiger im Zusammenhang mit dem Begriff »Derwisch« hört. Dieser Hauptteil der Zeremonie wird Ziki genannt. Wahnsinn, mit welch einer seeligen Fröhlichkeit diese Menschen einmal pro Woche ihren Glauben feiern. Ein Vergleich zu einem gewöhnlichen christlichen Gottesdienst ist nur schwer vorstellbar, vor allem, wenn man diese Stimmung auf sich wirken lässt. Hier wird bei Sonnenuntergang ausgelassen gefeiert, geredet, gegessen und Gemeinschaft gelebt.

Khartoum ist für mich keine Liebe auf den ersten Blick, doch die Menschen, die wir hier kennenlernen, eröffnen uns einen anderen Blick auf die spannende Vielfalt dieser Stadt und dieses Landes. Wir erfahren hier eine immense Gastfreundlichkeit und Offenheit, die niemand vermutet, der westlichen Medien Glauben schenkt. Der Sudan ist definitiv einer der Höhepunkte unserer bisherigen Reise - wir müssen unbedingt wiederkommen!

Vielen Dank an Juliane für den Text und die Fotos.

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