4-wheel-nomads: Zurück in Zik'allay – Anouks Lieblingsdorf in Äthiopien

Auch Sóley freut sich, wieder in Zik'allay zu sein © 4-wheel-nomads

Juliane, Mischa und die beiden Töchter Anouk und Sóley sind die 4-wheel-nomads. Die Vier leben auf Spiekeroog und starteten von dort ihre große Afrika-Reise mit dem Land Rover: 388 Tage – 27 Länder – 4 Personen – 1 Land Rover.

 

Äthiopien: Zurück im einsamen Bergdorf Zik'allay

»Ich wünsche uns, dass wir so alt werden um miterleben zu können, dass ihr wieder kommt!« sagte der Priester des Bergdorfes Zik'allay in seinem Abschiedssegen als wir uns vor 10 Monaten von den schnell lieb gewonnenen Bergdorfbewohnern für unbestimmte Zeit verabschiedeten.

Ende 2014 waren wir als Familie zusammen als NGO-Mitarbeiter für Adigrat Vision in Äthiopien und haben in einem Kindergarten gearbeitet. Dort lernten wir Hagos kennen, der unter anderem an der Universität in Adigrat Soziologie unterrichtet. Er nahm uns mit in das Bergdorf Zik'allay, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Seine Familie lebt seit unzähligen Generationen in diesem Dorf. Weder Strom, noch fließendes Wasser oder gar Autos gibt es hier oben!

Schon damals wurden uns beim dreistündigen Aufstieg mit Eselsunterstützung die Bedingungen von Hagos' täglichem Schulweg bewusst. Hagos und viele andere Dorfbewohner waren uns in dieser Zeit sehr ans Herz gewachsen, insbesondere auch unseren Kindern Anouk und Sóley. Anouk weinte auf der Fahrt zum Flughafen in Mekelle. Noch nie hätte sie so schnell so viele Freunde gefunden!

© 4-wheel-nomads

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Bis zu diesem Zeitpunkt Ende 2014 hatten wir den Plan, im Sommer 2015 für ein Jahr durch Südamerika zu reisen. Ein Wiedersehen mit den neu gewonnenen Freunden aus Äthiopien schien aus Kinderaugen unmöglich zu sein. Dass aber gerade Äthiopien, in vielerlei Hinsicht eines der herausfordernsten Länder Afrikas, für uns als Familie mit recht jungen Kindern so gut zu bereisen war, ließ uns nach der Rückkehr erneut über die Reiseplanung grübeln. Es war nicht nur die großartige Landschaft und die beeindruckende Kultur Äthiopiens, es waren vor allem die warmherzigen Begegnungen – nicht zuletzt im Bergdorf – die uns umdenken ließen.

Bei einem Besuch im Klimahaus Bremerhaven reisten wir an einem Tag mit unseren Freunden durch alle Klimazonen entlang des 8. Längengerades. Und plötzlich stand der neue Reise-Entschluss fest: Spiekeroog – Capetown auf der Ostroute sollte es werden! »Juhuu, dann können wir ja auch unsere Freunde in Adigrat und im Bergdorf Zik'allay besuchen« meinten Anouk und Sóley. So kam es dann auch im November 2015: Zurück in Äthiopien kam der Tag des Wiedersehens für Anouk und ihre Freunde. Diesmal schaffte sie den ganzen dreistündigen Weg völlig eigenständig – ohne Esel. Ihr Wille versetzte zwar nicht den Berg, aber er gab ihr ein Durchhaltevermögen, welches sie in diesem Maße noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Wir und sie selbst waren anschließend sehr stolz!

Nach der Wanderung durch die magische Bergwelt im Dorf angekommen, wurden wir diesmal wie Familienmitglieder begrüßt. Wir hatten für unseren zweiten Besuch die passenden Mitbringsel ausgewählt, nämlich die wenigen Dinge, die sie »hier oben« nicht selbst produzieren können, Kaffeebohnen, Salz und eine Flasche lokalen »Ouzo«. Zudem brachten wir den Dorfbewohnern Fotos mit, die wir beim letzten Besuch von ihnen gemacht hatten. Das sorgte für viel Heiterkeit. Anouk hatte ein neues Set ihres Lieblingskartenspiels UNO mitgebracht, was nicht nur die Kinder des Dorfes in den Bann zog: Schließlich zockten Groß und Klein ganz ohne Sprachbarriere Runde um Runde UNO.

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Nach einem gemeinsamen Abendessen mit dem traditionellen Fladenbrot Injera, dürfen wir diesmal in der Küche, dem ältesten Teil des über 1.600 Jahre alten Bauernhofes von Hagos' Familie übernachten. Viel Privatsphäre gibt es nicht, dafür aber Rauch vom offenen Feuer, Stallgeruch und -geräusche und viel, viel herzliche Geselligkeit. Seit hunderten von Jahren haben hier Menschen zusammengesessen, gegessen, Geschichten geteilt, gestritten und geliebt. Wenn diese Lehmwände und Balken doch nur erzählen könnten, was sie alles »miterlebt« haben.

Ganz entspannt nach Frühstück, Träumereien, Unterhaltungen und einigen Runden UNO machten wir mit Hagos einen Ausflug nach Mundugu, dem »verwunschenen« und von Leoparden bewachten Bereich des Berges. Im vergangenen Jahr hatten Hagos und Mischa dort eine Höhle entdeckt, in der sich die Gebeine von mindestens sechs Menschen befinden. Diese Region des Berges und das Dorf Zik'allay werden mit dem widerspenstigen Mönch Stephanus in Verbindung gebracht. Er hatte sich bei seiner Priesterweihe geweigert, vor dem (menschlichen und nicht göttlichen) Kaiser niederzuknien um dessen Segen zu empfangen. Daraus ergab sich eine Verfolgung durch die Orthodoxe Kirche und den Staat. Später forderte Stephanus die Trennung von Kirche und Staat und verlangte, dass Kleriker und Mönche die Produkte, die sie benötigen, selber anbauen. Zu der Zeit bestand ihr Lebensunterhalt aus der Hälfte der Ernte der Bauern, die als Kirchensteuer eingezogen wurde.

In diesem Jahr besuchten wir Be'ati Goitana (die Höhle des Herren), die ehemalige Wohnhöhle der Familie von Hagos. Bis vor ca. 1.600 Jahren wurde diese Höhle für ca. 300 bis 400 Jahre komplett als »Familienwohnhaus« genutzt. Noch bis in die Zeit von Hagos' Großmutter war dieser Platz für die Herstellung bestimmter Produkte sowie zum Verstecken von Geld und sonstigen Wertgegenständen bestimmt. Noch immer rinnt aus der Quelle May a'Ewaf (das Wasser der Vögel) in Mitten der »Küche« frisches Quellwasser aus dem Berg.

© 4-wheel-nomads

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Mit geöffneten Mündern fingen wir Wassertropfen, die von Stalagtiten rannen, und lauschten den Familiengeschichten von Hagos: Vor ca. 2.000 Jahren kam ein Mann aus der Region auf diesen Berg. Er kam zusammen mit seiner Frau aus dem Jemen, mit der er einen Sohn hatte. Er trennte sich jedoch von ihr und heiratete eine Frau jüdischer Herkunft, mit der er einen weiteren Sohn hatte. Dieser Sohn mit Namen Shum se Essad (governor of the fire) war der erste überlieferte Ahn der Familie.

Uns beeindruckte die lange mündliche Überlieferung der Ahnenreihen und Familiengeschichten. Geschichte ist alt hier und die Menschen haben eine enge Verbindung zum Land und ihren Vorfahren. Etwas, das in unserer »entwickelten« Kultur zum großen Teil verloren gegangen ist.

Wieder genossen wir die atemberaubend schöne Aussicht von dem Bergplateau in die Gebirgslandschaft tief unter uns, die den Grand Canyon der USA in den Schatten stellt.

Zurück im Bergdorf ließen wir die entspannte Atmosphäre auf uns wirken. Jeder ging seiner Arbeit nach und hatte trotzdem viel Zeit mit uns zu quatschen oder einfach nur zu lachen.

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Am Nachmittag wurden wir zum Nachbarhof eingeladen, wo vor kurzem eine Hochzeit stattgefunden hatte. Einen Monat lang wird dann jeder zum Feiern willkommen geheißen. Wir saßen in einem dunklen Raum, bekamen Suwa, das selbst gebraute, säuerlich-erfrischende Bier, in die Hand gedrückt und los ging die Party. Mit mehreren Trommeln tanzten die Freunde des frisch vermählten Paares im Kreis durch den Raum und sangen im Rhythmus eindringliche Lieder. Unsere Kinder bekamen Süßigkeiten und ihre Fingernägel wurden in grellen Farben lackiert. Beschwingt und zugleich müde kehrten wir zurück und genossen die Abendstimmung in dieser anderen Welt.

Schweren Herzens verließen wir unsere Freunde nach zwei Nächten. Vor allem Anouk ist erneut sehr traurig, denn sie würde – abgesehen vom Essen, das ihr in Äthiopien nicht gut schmeckt – so gerne länger bleiben und könnte sich sogar vorstellen hier für immer zu leben.

Wir ahnen trotzdem, dass Zik'allay in vieler Hinsicht eine glückliche »Insel« ist, die weder Hungersnot noch andere schwerwiegende menschliche Probleme kennt. Trotzdem ist gerade die medizinische Versorgung ein Riesenproblem. Viele Mütter sterben bei der Geburt ihrer Kinder oder durch Kindbettfieber. Daher überlegt Hagos, ob man eine Klinik bauen könnte, die möglicherweise durch eine Lodge für Touristen finanziert werden könnte.

Auf unserer Weiterreise durch Äthiopien werden wir noch häufig erleben, dass das Bergdorf nur das »Bullerbü« von Äthiopien zeigt. Das Leben entlang der Straße zeigt andere Gesichter und schrille Töne mit den Worten »Youyouyou!« oder »Moneymoneymoney!«. Das macht die Menschen weit unzugänglicher, als oben in der »heilen Welt« von Zik'allay.

© 4-wheel-nomads

Vielen Dank an Juliane und Mischa für den Text und die Fotos.

 

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