6Westfalen - 100 Tage unterwegs

6westfalen:  1 Familie - 1 Grüdi (Grüner Dicker) - 1 Jahr - von Westfalen nach Südafrika

Hannah von den 6 Westfalen (15 Jahre) schreibt über die ersten 100 Reisetage

Ja, vor genau 100 Tagen sind wir nach einer sehr anstrengenden und langen Vorbereitungszeit losgefahren. Wir haben seit Jahren geplant, mit den Schulleitern gesprochen, natürlich gepackt und noch viel mehr erledigt, wurden viele Male geimpft und trotzdem wurde es kurz vor der Abfahrt noch stressig. Dazu kamen noch die traurigen und schweren Abschiede von Freunden, Verwandten und dem Zuhause – so kam es, dass ich super traurig war, als es dann endlich los ging, obwohl ich den Tag so sehr herbeigewünscht hatte.

In den ersten Tagen haben wir uns vor allem entspannt und von der bewegten Vorbereitungsphase erholt. Auf dem Möhnesee waren wir Segeln, bei leider nicht allzu viel Wind, und in Stuttgart haben wir Verwandte besucht. Im Allgäu haben wir andere Overlander getroffen, die 2008 auch die Ostroute in Afrika gefahren sind und von denen wir viele Informationen bekommen haben. Anfang August sind Mama, Lea, Ruben und Marie dann nach Berlin zu einer Hochzeit gefahren und ich habe die letzten Tage für das ganze nächste Jahr ohne die manchmal nervigen Geschwister genossen. Zusammen mit einem Freund haben Papa und ich uns die Allianz Arena und den Viktualienmarkt angeguckt. Auch in Österreich haben wir einen Stopp gemacht, waren mit Freunden wandern und haben in einem kalten Gebirgsbach gebadet. Davon kann ich aus heutiger Sicht nur träumen! In Graz konnten wir noch ein letztes Mal für längere Zeit in einem Haus bei Verwandten schlafen.

Kroatien hat uns mit Touristenmassen empfangen, denen wir uns angeschlossen und die Plitvicer Seen, Krka Wasserfälle und Dubrovnik besucht haben. Wir haben zwar auch dazugehört, aber diese Massenveranstaltungen sind wirklich nicht meins – zu diesem Zeitpunkt habe ich mich noch nach der Wüste gesehnt!

In Albanien sind wir auch schon etwas „spannendere“ Strecken gefahren und haben uns das Chaos am Anleger der Komanseefähre angetan. Dort haben wir auch das erste Mal „Schule“ gemacht. Danach konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich das ein Jahr durchhalten kann … Am nervigsten war das ewige Geschrei: „Mama, ich brauche Hilfe!“ – „Mama, komm mal!“ – „Nein, ich war aber erst dran!“ Aus heutiger Sicht ist das entweder weniger geworden oder es fällt mir einfach nicht mehr auf, das kann ich nicht so genau sagen.

Im albanischen Bergland haben wir geholfen, einen Kirchenraum zu restaurieren und unseren ersten Skorpion gesehen, auch wenn er nur sehr klein war. Am Strand haben wir (zwar ohne Wellen) surfen geübt, damit wir in Südafrika sofort loslegen können. Nachdem wir unsere ersten Ausgrabungen angeguckt haben – die spannender waren als ich erwartet hatte – sind wir mit einem abenteuerlichen „Floß“, das eigentlich nur aus zusammen gezimmerten Brettern mit Löchern bestand, über einen Fluss gefahren und haben dann Griechenland erreicht. Dort sind wir durch den Canyon des Acheron gewandert oder besser gesagt geschwommen und haben uns danach bei Regen (den ich zu der Zeit gehasst habe, mich jetzt aber nach ihm sehne) in Ioannina um unsere Reifen gekümmert. Ansonsten haben wir sehr viele „archaeologicalsites“, die eigentlich immer nur aus irgendwelchen Steinen bestanden, und die Klöster von Meteora gesehen. An einem Strand auf der Peloponnes haben wir kleinen süßen Meeresschildkröten beim Schlüpfen geholfen, was für mich das mit Abstand schönste Erlebnis in Europa war.

Der Versuch, die Verschiffung von Grüdi nach Alexandria zu klären, lief gar nicht nach Plan, da das Schiff trotz Reservierung auf einmal voll war! Deswegen mussten wir – statt deutlich entspannt in drei Tagen – alles innerhalb von 30 min packen und Grüdi für die Verschiffung bereit machen. Der Stress hat sich aber zum Glück gelohnt, weil wir nach einem Tag angespannten Wartens endlich die ersehnte Nachricht bekamen, dass Grüdi sicher auf dem Schiff ist.

Die nächsten paar Tage haben wir uns dann in unserem Haus gelangweilt, erst am letzten Tag vor unserem Flug bin ich dann immer aufgeregter geworden. Nach einer Stunde Flug und einem recht akzeptablem Mittagessen konnten wir das erste afrikanische Festland sehen. Ich fand, dass das Nildelta von oben mit all den landwirtschaftlichen Flächen Deutschland sehr ähnlich sieht. Weitere 30 Minuten später sind wir ziemlich holperig auf dem Flughafen von Kairo in einer wüstenartigen Landschaft gelandet. Es war ein unbeschreiblich cooles Gefühl, das erste Mal afrikanischen Boden unter den Füßen zu haben! Nach weiteren fünf Stunden Taxifahrt nach Alexandria sind wir endlich am Hotel angekommen. Die Eindrücke, die ich an diesem ersten Tag in Afrika gesammelt habe, waren anders als erwartet, vor allem in der Hinsicht, dass es für einen Wüstenstaat sehr grün war. Die Häuser sahen ganz anders aus als in Europa, auf den Straßen herrschte eine einziges Chaos und die Sonne ging schon um sechs Uhr unter.

Um all diese Eindrücke zu verarbeiten hatte ich eine Woche Zeit, da es so lange dauerte, bis wir Grüdi, der inzwischen zu unserem zweiten Zuhause geworden ist, endlich aus dem Zoll bekommen hatten. Zuerst hatten wir Probleme mit unserem ägyptischen Visum, weil man den Stempel nicht lesen konnte, und dann auch noch Pech mit den ägyptischen und muslimischen Feiertagen. Immerhin konnten wir in dieser Wartezeit eine Kutschfahrt machen, Alexandria erforschen und das Aquarium besuchen.

Unsere erste Station mit Grüdi war Kairo. Dort haben wir uns die vielen Statuen, Mumien, Grabkammern und die Maske des Tutenchamun im Nationalmuseum angeguckt und waren auf dem Cairo Tower, von dem man aber leider aufgrund des Smog nicht weit gucken konnte. Wir sind auch über den Khan el Khalili- Bazar gelaufen und waren in einer sehr alten Moschee, wo Mama und ich ein Kopftuch tragen mussten. Bei einer Familie haben wir das erste Mal typisch ägyptisch gegessen. Auch die Pyramiden von Gizeh und die Sphinx haben wir im Smog erlebt. Uns sind die vielen Verkäufer auf die Nerven gegangen und wir konnten nur in zwei kleine Pyramiden hineingehen.

Nach fünf Tagen in einem Tauchcenter am Roten Meer, in denen wir ein buntes Riff, viele Fische, Rochen, Kugelfische und auch Schildkröten gesehen haben, habe ich beschlossen, nie wieder im Mittelmeer schnorcheln zu gehen. Im Roten Meer ist alles viel bunter, es sind viel mehr Tiere und natürlich auch Korallen zu sehen und nicht nur Sand, Seeigel und vielleicht mal ein paar Fische. Danach haben wir eine andere deutsche Familie getroffen, die aus Südafrika hoch gefahren ist und mit ihr unser erstes Bushcamp in der Wüste gemacht. Es war eine super schöne, ruhige Vollmondnacht mitten in der Einöde! Zusammen mit dieser Familie haben wir uns auch den sehr gut erhaltenen Horustempel in Edfu angeguckt, bei dem ich sogar die Wandmalereien und alles andere spannend fand. Für einige Tage waren wir gemeinsam in einem Camp bei Luxor und haben uns drei in den Berg gehauene Gräber im Tal der Könige und den großen, aber eher langweiligen und größtenteils abgesperrten Tempel der Hatschepsut angeschaut, während zwei Mechaniker an unseren Bremsen herum schraubten. Richtig cool war die Sound-and-Light-Show im Karnaktempel!

Weiter im Süden mussten wir dann fünf Tage im Adam Home in Assuan auf unsere Visa warten. In dieser Zeit haben wir das neue und interessante Nilmuseum besucht, sind über den Souk gelaufen und mit einem Boot auf dem Nil gefahren, wobei wir den ersten malerischen Katarakt gesehen haben und an einem Wüstenstrand schwimmen duften. Dafür, dass der Nil so lange durch die Wüste fließt, ist er echt kalt und die Strömung ist auch viel stärker als sie aussieht. Nachdem wir nach drei Stunden Warterei in der sudanesischen Botschaft endlich unsere Visa bekommen haben, konnten wir nach Abu Simbel weiterfahren. Der Tempel dort ist sehr groß und eindrucksvoll, aber die Malereien an den Wänden sahen für mich überall gleich aus.

Um zur ägyptisch-sudanesischen Grenze zu kommen sind wir mit einer für afrikanische Verhältnisse echt guten Fähre über den Nasserstausee gefahren. Der Grenzübergang mit all den Formalitäten hat dann ganze neun Stunden gedauert – das kann man sich als Europäer überhaupt nicht vorstellen!

Nach den ersten Tagen im Sudan hatte ich das Gefühl, endlich im „richtigen“ Afrika angekommen zu sein. Die Menschen hier sind super nett und weil es nur wenige Touristen gibt (und auch nie mehr gab), helfen sie wo sie können und verlangen gar nichts dafür! Unser erstes Bushcamp im Sudan war irgendwo in der Wüste und das schönste, das ich bisher erlebt habe. Ich habe mir den Sonnenuntergang von einem Berg aus angeguckt und weil Neumond war, konnten wir einen unbeschreiblichen Sternenhimmel sehen. Am nächsten Morgen war es so kalt, dass wir eine Jacke anziehen mussten. So habe ich mir die Wüste immer vorgestellt!

Während der drei Tage in einem nubischen Guesthouse in Abri hat wieder mal ein Mechaniker mit Papa an unseren Bremsen gebastelt, während wir Maries Geburtstag gefeiert haben. Dann waren wir Kinder in einer sudanesischen Schule. Da läuft es ganz anders ab als in Deutschland! Jeden Morgen gibt es eine Art Morgenappell, bei dem sich alle Kinder im Hof aufstellen, singen und beten. Danach gehen alle in ihre Klassen und der Unterricht beginnt. Mädchen und Jungen besuchen getrennte Schulen. Ich durfte mir die Abschlussprüfung in Englisch angucken (also quasi das Abitur) und die war wirklich sehr leicht.

In Karima haben wir uns wieder Pyramiden und den Berg Jebel Barka angeguckt und sind zum Sonnenuntergang hoch geklettert. Danach konnten wir im weichen Sand herunter rennen.

Nach diesen ersten 100 Tagen kann ich sagen, dass wir uns gut eingelebt und an das Reisen gewöhnt haben. Es sind alle Abläufe klar, das mit der „Schule“ klappt auch ganz gut und wir haben uns daran gewöhnt, früh schlafen zu gehen, damit wir morgens auch früh aufstehen können, wenn es noch nicht so heiß ist. Aber ich vermisse auch immer mehr mein Zuhause – natürlich die Freunde und Verwandten, aber auch alltägliche Sachen wie Toiletten und eine funktionierende Dusche.

Am meisten freue ich mich jetzt auf die wilden Tiere, die wir hoffentlich in den nächsten Ländern sehen werden, eine andere Landschaft als die Wüste und auch ein etwas angenehmeres Klima, aber auch auf viele weitere Begegnungen mit den Menschen hier und der anderen Kultur.

 

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