6 Westfalen: Reisen oder Urlaub?

6westfalen:  1 Familie - 1 Grüdi (Grüner Dicker) - 1 Jahr - von Westfalen nach Südafrika

Reisen und Urlaub – ein Synonym?

„Ich hab gemerkt, dass es sich immer noch wie ein ganz normaler Urlaub anfühlt!“ - das hat Marie ziemlich zu Beginn unserer großen Reise in ihr Tagebuch geschrieben. Aber ist eine einjährige Afrikadurchquerung wirklich ein Urlaub?

Vor unserer Abfahrt haben uns viele Mitmenschen um unseren einjährigen „Urlaub“ beneidet, die Begriffe „Urlaub“ und „Reise“ wurden synonym verwendet. Wir haben damals keine Grundsatzdiskussionen geführt, da für einen Großteil unserer Bekannten und Freunde freie Zeit fern von daheim eben Urlaub ist. Inzwischen sind wir seit zweieinhalb Monaten unterwegs und haben uns schon vor einiger Zeit Gedanken gemacht, wann der Urlaub endet und die Reise beginnt.

Auf die Frage, was sich wie Urlaub anfühlt, haben die Kinder spontan typische Urlaubsaktivitäten wie wandern, Strandtage, Besuche in Touristenattraktionen und langes Schlafen genannt. Das Leben auf engem Raum im Grüdi kennen alle schon aus der Vergangenheit, so dass sich die ersten Wochen wirklich nicht von den Urlauben der letzten Jahre unterschieden haben.

Interessanter wurde es bei der Frage „Woran bemerken wir den Beginn der Reise?“ Der erste wichtige Einschnitt war für alle der Beginn des Schulunterrichts – auch wenn wir natürlich viel weniger Zeit investieren als zu Hause. Offensichtlich war ebenso, dass die Campingplätze und Sehenswürdigkeiten leerer und quasi keine Familien mit Kindern mehr unterwegs sind. Für uns Eltern kamen zusätzlich die „Kleinigkeiten“ des Alltags dazu: waschen, kochen, organisieren, Homepage pflegen, einkaufen, putzen etc. – im Grunde das ganz normale Leben reduziert auf 10m².

Wirklich gravierender war dann allerdings der Übergang von Europa nach Afrika. Nach sechs Wochen relativ entspannter Urlaubsreise durch das südöstliche Europa, ohne großartige Herausforderungen, kam nun eine sehr anstrengende Zeit. Hat man im Urlaub alle Eckdaten (wie z.B. Fährverbindungen etc.) in der Regel im Voraus geplant, war nun nichts mehr sicher. Die Organisation der Verschiffung von Grüdi nach Alexandria war sehr zeitaufwändig, ebenso sämtliche damit zusammenhängenden Dinge wie Flüge, Unterbringung in Griechenland und Ägypten für die Zeit der Schiffspasssage sowie Transport- und Logistikfragen. Vieles lief nicht so glatt, wie man es aus Deutschland gewohnt ist, die Nerven lagen manchmal blank und die Kinder mussten mehrfach als Blitzableiter herhalten. Parallel dazu lief der normale Alltag natürlich weiter – erholsam war diese Zeit wirklich nicht. Als die Verschiffung dann endlich lief, kamen spannende Fragen dazu: Ist Grüdi wirklich auf dem Schiff? Kommt er heile in Alexandria an? Bekommen wir ihn problemlos aus dem Zoll? Auch in Alexandria lief nicht alles glatt, Höhepunkt war ein zusätzlicher Trip zum 250 km entfernten Flughafen, weil der Einreisestempel in Jochens Pass nicht lesbar war.

Inzwischen sind wir seit einer Woche wieder mit Grüdi unterwegs, stellen aber fest, dass sich Reisen in Afrika deutlich von Europa unterscheidet: administrative Angelegenheiten werden zur Nervenprobe, Stell- oder gar Campingplätze sind in Ägypten unbekannt und der Verkehr in den Großstädten übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen. Wir genießen das Zusammensein mit der ganzen Familie, haben schon sehr viele tolle Erfahrungen gemacht und nette Menschen kennengelernt – aber Urlaub ist das nicht!

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