Die 6westfalen – Halbzeitrückblick

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 Halbzeitrückblick

Zu Beginn des Jahres 2017 erreichen uns aus Deutschland immer wieder Bilder und Nachrichten von Schnee und Eis – für uns ist das hier im tropischen Afrika so weit weg! Aber uns wird klar: die Jahresuhr läuft weiter, in einem halben Jahr werden wir schon wieder zu Hause sein! Wir sind inzwischen schon so im Reisemodus angekommen, dass wir oft gar nicht wissen, welchen Wochentag wir haben – wir haben den Schul- und Berufsalltag wirklich hinter uns gelassen. Immer häufiger geschieht es, dass wir unsere Planungen über den Haufen werfen und an einem schönen Flecken länger bleiben – einfach weil es uns gefällt! Das ist etwas, was uns auf früheren Reisen oft nicht gelungen ist, weil wir uns selbst von unseren Plänen zu sehr unter Druck gesetzt haben – offensichtlich haben wir also schon etwas gelernt!

Aber was haben wir bisher noch erlebt, erfahren, wie haben wir uns im vergangenen halben Jahr gefühlt? Am einfachsten lässt sich das sicherlich mit Hilfe von Statistik beschreiben: wir haben 14 Länder bereist, sind über 15.000km gefahren, haben knapp 4000 l Diesel getankt und im Schnitt pro Tag  gut 110 € ausgegeben (darin sind alle Ausgaben, also auch Verschiffung, Flüge und Diesel, enthalten). Gut die Hälfte der Nächte haben wir auf Campingplätzen bzw. an Lodges verbracht, etwa 10% bei privaten Häusern und etwas mehr bei oder in einem Hotel. Was wir wirklich anders erwartet hätten, ist die geringe Zahl der Wildcamps: wir haben im Schnitt nur jede vierte Nacht wild gestanden, und das vor allem in Europa! In Afrika scheiterten wir oft am eigenen (übertriebenen?) Sicherheitsbewusstsein oder den Hinweisen der Bewohner und anderer Reisender.

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Diese Vielzahl an Daten ist nun sicherlich für die Planung und Kalkulation einer Reise interessant, sagt aber doch nicht viel über den Inhalt aus. Hier ergeben sich viel interessantere Fragen: Inwieweit konnten wir unsere Ziele, nämlich als Familie fremde Länder, Kulturen, Menschen und Landschaften kennen zu lernen und zu genießen, in der ersten Halbzeit verwirklichen? Was war besonders beeindruckend, hat uns besonders gefallen? Auf welche Hindernisse und Probleme sind wir gestoßen, was war richtig blöd? Inwiefern hat sich vielleicht unsere Einstellung geändert, sind wir offener geworden? Und nicht zuletzt: hat die Reise innerhalb unserer Kernfamilie Veränderungen mit sich gebracht?

Oft wurden wir schon gefragt, welches Land uns bisher am besten gefallen habe. Diese Frage lässt sich eigentlich nicht beantworten, denn wir haben keinen klaren Favoriten. Wir haben viele tolle Erinnerungen an das vergangene halbe Jahr – sowohl Europa als auch Afrika haben uns eine Menge schöner Landschaften, neuer Kulturen und interessanter Begegnungen geboten.

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Landschaftliche Highlights in Europa waren sicherlich die Plitvicer Seen und Krker Wasserfälle in Kroatien – auch wenn die faszinierende Natur in den Menschenmassen fast unterging.  Besonders gut in Erinnerung geblieben sind uns auch die Bergklöster im griechischen Meteora. In Afrika waren wir alle natürlich fasziniert von den Weiten der Sahara in Ägypten und im Sudan, allerdings hatten wir mit mehr Sandwüste gerechnet und nicht bedacht, dass diese nur 30% dieser größten Wüste der Welt ausmacht! Aber auch das Niltal und die unglaublich bunte Unterwasserwelt des Roten Meeres haben uns in ihren Bann gezogen. Äthiopien wiederum bot mit seinem grünen Hochland und den beeindruckenden Tafelbergen einen krassen Gegensatz zur trockenen und staubigen Weite des Sudan – das hat uns nach der Hitze richtig gut getan, vor allem die Kinder haben es genossen, mal wieder lange Bekleidung zu tragen und sich beim Spielen draußen austoben zu können! Die Vielfalt Kenias war ein weiterer Aspekt, den wir so nicht erwartet hatten – das Land steht ja in Europa eher als Synonym für tropischen Strandurlaub und die heißen Ebenen der Massai Mara. Wir allerdings haben in keinem Land bisher so viel Kühle erlebt wie hier – sei es rund um den Mount Kenia oder auch am Fuße des Kilimanjaro, der uns als höchster Berg Afrikas natürlich besonders imponierte. Auch Tansania hat uns mit den klimatisch angenehmen Usambara-Bergen auf der einen und der tropischen Hitze des Indischen Ozeans auf der anderen Seite viele verschiedene Facetten Ostafrikas gezeigt. Aktuell erleben wir hautnah in Sambia, was sich hinter dem Begriff „Regenzeit“ verbirgt – schon so manches tropische Schauer hat uns zum Anhalten gezwungen und Wassereinbrüche im Grüdi mit sich gebracht.

Geschichtlich und kulturell haben wir besonders gute Erinnerungen an das albanische Butrint behalten: hier gab es so viel altgriechische und römische Geschichte auf einem Fleck zu bestaunen, dass sich viele antike Stätten in Griechenland davon eine Scheibe abschneiden können! Ein weiteres Highlight waren natürlich die ägyptischen und nubischen Tempel und Pyramiden, die uns vor allem Dank der sehr informativen Führungen unseres niederländischen Reisefreundes Bjorn viel Neues gebracht haben. Auch die Kontakte zu den Einheimischen waren in Ägypten und dem Sudan sehr viel intensiver – gerne erinnern wir uns an die schönen Tage mit Mahmoud und seinen Freunden in Kairo, an die tolle Führung durch den Khan el Khalili und die intensiven Gespräche über die aktuelle politische Situation in Ägypten, aber auch an die Begegnungen mit den Menschen im südlichen Ägypten, die Besuche bei Mohammed und seiner Familie in einem typisch nubischen Dorf und die interessanten Diskussionen mit Maghzoub über Vor- und Nachteile der Polygamie.

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Mit Äthiopien, wo wir aufgrund der Sicherheitslage leider auf die historische Route verzichtet haben, hat sich der Schwerpunkt unserer Reise mehr auf Natur- und Tierbeobachtungen verlagert. Neben den oben schon beschriebenen fantastischen Landschaften wie z.B. dem Blue Nile Canyon sind wir dort auf unsere ersten wilden Affen getroffen und fanden uns in einer Herde Warzenschweine wieder. Kenia, das für seine Vielzahl an Nationalparks bekannt ist, hat uns in vielerlei Hinsicht überrascht: wir hatten nicht mit den fast deutsch anmutenden Landschaften  rund um den Mount Kenia gerechnet, ebenso wenig damit, nachts zur frieren! Allerdings hatten wir gehofft, hier endlich mehr wilde Tiere erleben zu können, was aber angesichts der horrenden Eintrittspreise in die Nationalparks (für uns hätte zum Beispiel ein Tag im Tsavo-West 670 US$ gekostet!) nicht möglich war. Selbiges galt auch für Tansania, das nach einer 18% Erhöhung der Mehrwertsteuer im Juli 2016 nun fast noch teurer als Kenia ist! So haben sich unsere ersten Tierkontakte alle außerhalb der Nationalparks ereignet: die Hippos am Lake Naivasha, ebenso Zebras und Giraffen, und natürlich der erste Elefantenbulle am Kilimanjaro. Erstaunlicherweise fiel es uns in Kenia und Tansania schwerer, Kontakte zu den Einheimischen zu bekommen, als in Nordafrika – vielleicht auch, weil vom wild Stehen quasi überall mit Verweis auf die Sicherheit abgeraten wurde und wir so nur in den Lodges mit Farbigen ins Gespräch kamen. Sicherlich waren wir aber auch nicht offen genug, hätten wir mehr auf die Menschen zugehen müssen, was uns aber – gerade als große Familie mit vier Kindern -  nicht leicht fiel. So können wir nicht behaupten, dass wir wirklich tiefgreifende Einblicke in das Leben der Menschen vor Ort erhalten haben. Dementsprechend gab es wenig Gelegenheiten, persönliche Haltungen zu ändern. Weitgehend entkräften können wir zumindest die immer wieder gehörte Behauptung, die Polizei auf den Straßen von Kenia und Tansania sei nur darauf aus, Touristen um ihr Geld zu bringen – wir wurden in der Regel durchgewunken und sollten nur einmal eine Strafe bezahlen – die unterstellte Geschwindigkeitsüberschreitung konnten wir mit Hilfe unserer Tachoscheibe aber schnell entkräften.

© René Bauer

Ein völlig anderer kultureller Aspekt Ostafrikas war allerdings gerade in Tansania der immer noch zu bemerkende Einfluss der Kolonialgeschichte, der uns vor allem in Lushoto und Bagamoyo begegnete. Mit großem Interesse haben wir diese historischen Spuren verfolgt und sind sowohl mit den Kindern als auch mit den hier lebenden Menschen aller Hautfarben in einen kritischen Dialog über die Folgen des Kolonialismus getreten.

Wirklich schlimme Situationen haben wir glücklicherweise nicht erlebt. Natürlich gab es unangenehme Momente, zum Beispiel die ewig langen Prozeduren an so mancher Grenze oder die sehr aufdringlichen Menschen, auf die wir zuweilen trafen. Von ernsten Erkrankungen, Unfällen oder gar kriminellen Machenschaften sind wir aber noch ganz verschont geblieben und haben somit keinen Grund, uns zu beschweren!

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Unser Familienleben hat sich in den vergangenen knapp sechs Monaten erstaunlich harmonisch gezeigt. Mit vier Kindern, davon zwei mitten in der Pubertät, auf 10m²  - das hätten wir uns viel stressiger vorgestellt! Natürlich gibt es ab und an Streitereien, aber im Großen und Ganzen läuft es erstaunlich gut – sowohl unter den Kindern als auch mit uns Eltern. Wir merken, dass wir uns mehr Zeit füreinander nehmen, gerade während langer Fahrstrecken tiefgehende Gespräche führen, unseren Alltag zu Hause reflektieren und überlegen, was wir in Zukunft anders machen könnten. Allerdings verspüren wir alle auch Sehnsucht nach einem geregelten Leben mit Verwandten und Freunden, nach bestimmten Speisen oder auch einfach nach einer funktionierenden Dusche – ein Ausstieg auf immer wäre für keinen von uns eine Option!

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Glücklicherweise haben wir schon vor der Reise entschieden, dass alle Kinder das Schuljahr wiederholen werden und wir uns so nicht unter Schulstress setzen müssen. Wir hoffen, dass der Lerneffekt durch den Reisealltag, durch die vielfältigen Erfahrungen und originale Begegnungen um ein Vielfaches höher sein wird als in der Schule – eine Annahme, die wir bislang nur bestätigen können. Wir erleben, dass alle Vier inzwischen relativ unbekümmert in Englisch drauflos plaudern, dass sie viele Erfahrungen in ihren Tagebücherfesthalten, Ländersteckbriefe erstellen und in Kenia begonnen haben, eigene Tierbücher zu schreiben! Damit die „basics“ nicht vollkommen in Vergessenheit geraten, machen wir ein wenig herkömmlichen Unterricht in Mathe und Deutsch – allerdings mehr oder weniger selbst gesteuert im Rahmen von Plänen, die sich die Kinder (unter Hannahs Anleitung) individuell erstellt haben.

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Bleibt zum Schluss dieses Halbzeitrückblickes noch die Frage, was wir uns von der zweiten Hälfte unseres Reisejahres versprechen und was wir noch erwarten. Von vielen Reisenden wird uns prophezeit, dass das südliche Afrika mit den Ländern Botswana, Namibia und Südafrika deutlich einfacher zu bereisen sein wird – es allerdings auch nicht mehr das wirkliche „Afrika“ ist! Einerseits freuen wir uns darauf, wieder mehr Infrastruktur genießen zu können, auf der anderen Seite denken wir aber manchmal, dass wir auch in Ostafrika nur an der Oberfläche des realen afrikanischen Lebens (wenn man es so bezeichnen möchte) gekratzt haben. Man darf nicht vergessen, dass wir als „muzungus“, also als Weiße, immer auch mit einer gewissen Erwartungshaltung empfangen wurden, die sicherlich vielerlei Ursachen hat. Die Vorstellung, in ein afrikanisches Dorf zu kommen und sich dort mit völliger Unvoreingenommenheit bewegen zu können, ist einfach utopisch! Nichtsdestotrotz würden wir gerne noch etwas mehr Kontakte zu der Bevölkerung bekommen – mal sehen, ob das noch klappen wird!

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Ein wirklich wichtiger Punkt auf unserer Wunschliste sind die wilden Tiere! Wir hoffen, in den Parks in Botswana, Namibia und Südafrika viele davon beobachten und erleben zu können, gerne auch beim Campen in der Nacht um uns herum zu hören! Das war einer der wesentlichen Punkte, der zu Beginn unserer Planungen vor einigen Jahren für Afrika und gegen Südamerika sprach. Außerdem würden wir gerne noch mehr in der freien Natur stehen bleiben, Bushcampsgenießen und am Lagefeuer sitzen können – das war in den meisten Ländern Ostafrikas kaum möglich und fehlt uns doch etwas.

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Wir sind uns sicher: wir werden auch weiterhin eine tolle Zeit erleben, bis wir im Juli voller Erinnerungen gerne in die Heimat zurückkehren werden!

Die 6westfalen