6Westfalen - Ihre Reise durch nordafrikanische Risikoländer

Überquerung des Äquators © 6Westfalen

6westfalen:  1 Familie - 1 Grüdi (Grüner Dicker) - 1 Jahr - von Westfalen nach Südafrika

Panikmache oder wirkliches Risiko – eine Familie berichtet über ihre Reise durch "Risikoländer" Nordostafrikas (Ägypten, Sudan und Äthiopien)

„Stopp, habt ihr das Schild nicht gesehen?“ – so schallt es plötzlich aus der zweiten Reihe. Tatsächlich, auf den Tag genau vier Monate nach unserer Abfahrt haben wir soeben den Äquator überquert und hätten es fast nicht gemerkt! Zwischen all den Reklametafeln fällt das unscheinbare gelbe Schild gar nicht auf. Wir setzen zurück, halten an und steigen aus – wir betreten alle zum ersten Mal in unserem Leben die Südhalbkugel, und diesen Moment müssen wir gebührend begehen. Das obligatorische Foto wird geschossen und die Äquatortaufe erledigt der heftige Regen, der kurz nach unserer Ankunft niedergeht. Dann bekommen wir noch eine kurze physikalisch-geographische Unterrichtseinheit: mit Hilfe eines Trichters und etwas Wasser wird der Corioliseffekt demonstriert, der den Wasserstrudel auf der Nordhalbkugel rechtsrum, auf der Südhalbkugel linksrum und direkt auf dem Äquator – welch ein Wunder – senkrecht abfließen lässt.

Dass wir diesen Punkt nach genau vier Monaten erreichen, ist natürlich Zufall – aber irgendwie trotzdem lustig. Unser Grüdi hat uns bis hierhin genau 12.340 km getragen und wir haben schon deutlich mehr als die Hälfte der geographischen Breitengrade bis zu unserem Ziel in Kapstadt überschritten. Vor allem aber können wir schon auf viele tolle Erlebnisse, spannende Begegnungen und beeindruckende Landschaften zurückblicken!

Mit unserer Einreise nach Kenia haben wir vor einigen Tagen die drei nordostafrikanischen Ländern hinter uns gelassen, die uns im Vorfeld der Reise am meisten Sorgen gemacht hatten: Vor Ägypten wird nach den Unruhen von 2011 auch auf der Seite des Auswärtigen Amtes noch gewarnt, der Sudan rief bei allen Leuten, mit denen wir sprachen, sofort Horrorszenarien hervor, und Äthiopien steht in Overlanderkreisen aufgrund seiner angeblich sehr aggressiv-fordernden Kinder in einem zweifelhaften Ruf. Zudem stellte auch die Überfahrt von Europa nach Afrika durchaus ein Hindernis dar.

Aber wie haben wir jetzt diese drei Länder erlebt? Wurden die europäischen, sicherlich auch durch die Medien gefärbten Eindrücke und Vorurteile bestätigt? Hatten unsere Bekannten Recht, die uns vorwarfen, unverantwortlich zu handeln, indem wir uns und vor allem die Kinder diesen Gefahren aussetzen? Oder war es vielmehr – wie so häufig im Leben – eine Anhäufung von Gerüchten, Halbwahrheiten und Vermutungen, die das Bild dieser Länder bestimmten und natürlich auch uns ein bisschen Angst gemacht haben?

Offensichtlich ist, dass wir die Durchquerung dieser drei Länder unbeschadet überstanden haben. Doch wie fühlten wir uns, was haben wir erlebt, würden wir es wieder „wagen“? Vorneweg: es war eine sehr anstrengende, teilweise auch stressige Zeit – aber eben auch wunderschön, mit vielen spannenden Begegnungen und Erlebnissen.

Ägypten

Die 6Westfalen in Ägypten © 6Westfalen Ägypten hat sich für uns sehr ambivalent dargestellt. Von einer angespannten Sicherheitslage haben wir (natürlich subjektiv) nichts mitbekommen, auffällig war lediglich die recht hohe Zahl an Militär- und Polizeiposten überall im Land – egal ob vor Botschaften, öffentlichen Einrichtungen, an Straßenkreuzungen o.ä. Natürlich haben wir bewusst versucht, neuralgische Punkte zu vermeiden – was uns bis auf das ägyptisch-sudanesische Präsidententreffen in Kairo, das wir quasi in erster Reihe mit bekamen, auch gelungen ist. Alle Sicherheitskräfte waren immer korrekt und meistens auch freundlich, sobald sie uns als Touristen identifiziert hatten. Vor allem im privaten Bereich haben wir viele unglaublich nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt, gerne denken wir an die Einladungen in Kairo und interessanten Gespräche in Luxor zurück. Anders war es im Umgang mit Behörden, die wir als äußerst halsstarrig und stur erlebt haben – dies gipfelte darin, dass Jochen mitten in der Nacht über 250 km zum Flughafen in Kairo fahren musste, um einen unleserlichen Einreisestempel erneuern zu lassen, was ihn einige Nerven und viel Schmiergeld gekostet hat. Aber auch in anderen öffentlichen Bereichen, wie z.B. an den Mautstellen, haben wir diese negative Erfahrung gemacht. Was unser Bild und unsere Gefühle in und für Ägypten als Reiseland aber nachhaltig negativ beeinflusst hat, war jeglicher Umgang im touristischen Bereich. Uns ist sehr wohl bewusst, dass die Zahl der Touristen seit 2011 um 75% zurückgegangen ist, worunter natürlich viele Familien extrem leiden, da ihr Einkommen wegfällt. Wir haben es allerdings als höchst unangenehm empfunden, permanent und teilweise aggressiv angegangen zu werden. Dienstleistungen wurden uns häufig aufgezwungen, ein freundliches „No thanks, shukran!“ wurde nicht akzeptiert, wir wurden gegen unseren deutlich gezeigten Willen angefasst oder mit Tüchern geschmückt. Das führte dazu, dass wir überhaupt kein Interesse mehr an Souvenirs hatten, da eine ruhige Betrachtung der Waren nicht möglich war. Auch einfachste Dienstleistungen, wie beispielsweise eine Auskunft über den richtigen Weg, sollten wir bezahlen. Darüber hinaus haben wir mehrfach erlebt, dass vorher eindeutig abgesprochene Preise plötzlich nicht mehr galten, angeblich Missverständnisse vorlagen oder wir schlicht und ergreifend betrogen wurden. Bei aller Not – dieses Verhalten ist unehrlich und bewirkt das Gegenteil, es verprellt die wenigen Touristen und schadet den vielen netten und zuvorkommenden Privatleuten, die wir getroffen haben. Dafür haben wir kein Verständnis und es hat dazu geführt, dass Ägypten sicher nicht auf der TopTen-Liste unserer Reiseziele stehen wird.

Sudan

Wohnviertel im Sudan © Charlotte

Ganz anders und viel angenehmer haben wir den Sudan erlebt. Die Menschen legen in den meisten Fällen eine Gastfreundschaft an den Tag, die wirklich von Herzen kommt. Natürlich freut sich jeder über einen fairen Lohn für eine erledigte Arbeit, aber niemand verlangt unverschämt danach. Die Preise für Waren aller Art liegen vielleicht gegenüber Touristen etwas höher als üblich, erreichen aber bei weitem nicht die teilweise unverschämten Forderungen des Nachbarlandes.

Ebenso wie in Ägypten haben wir uns auch im Sudan zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Es war völlig problemlos möglich, wild zu campen, wir wurden sogar von den Einheimischen zu netten Spots geführt oder mit heimischen Produkten bewirtet. Redet man in Deutschland vom Sudan, wird in der Regel nicht zwischen dem Land Südsudan, in dem tatsächlich Bürgerkrieg herrscht, und dem übrigen Sudan unterschieden. Allerdings darf man nicht verschweigen, dass die Lebensbedingungen im Sudan permanent schwieriger werden, was zu großen Teilen der Regierung angelastet wird und durchaus zu Protesten im Land führt, die immer wieder aufflammen.  Durch das USamerikanische Handelsboykott ist das Land vom internationalen Geldmarkt abgeschnitten, man kann kein Bargeld an Bankautomaten bekommen und ist auf den Geldumtausch angewiesen. Für uns war es völlig problemlos möglich, zu einem sehr guten Kurs US-Dollar auf dem Schwarzmarkt zu tauschen. Jeglicher Behördenkontakt, z.B. mit dem Konsulat, der Immigration und dem Tourismusministerium verlief zwar langwierig, aber korrekt.

Äthiopien

Orthodoxe Kirche in Adigrat © 4 wheel nomads

Äthiopien, das letzte Land dem wir etwas skeptisch gegenüber standen, zeigte sich in den ersten Kontakten, z. B. im Konsulat und an der Grenze, völlig unkompliziert. Allerdings kam zu den Befürchtungen bezüglich aggressiv bettelnder Kinder ganz akut die aktuelle politische Situation, die uns Bauchschmerzen bereitete: Mitte Oktober hat die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen, nachdem es bei Demonstrationen mit Roadblocks zu Gewalt mit Toten und Verletzten gekommen war. So reisten wir mit sehr gemischten Gefühlen in dieses Land, das so viel Landschaft und Kultur zu bieten hat, aber gleichzeitig auch viel Konfliktpotential birgt.

Hatten wir im Sudan noch weite, menschenleere Ebene durchfahren, so änderte sich dieses mit dem Übertritt über die Grenze nach Äthiopien schlagartig. Plötzlich waren die Straßen bevölkert von Jung und Alt, Kühen, Eseln und Ziegen – es war wirklich unfassbar! Wir wurden natürlich sofort als Fremde identifiziert, so dass die Rufe „YouYouYou“ und die Forderungen nach Geld oder Stiften unsere ganze Reise durch das Land begleiteten. Mehrfach erlebten wir auch, dass Jungen Steine nach uns warfen – allerdings bei weitem nicht so schlimm, wie wir es befürchtet hatten. Vielleicht wirkte es sich auch positiv aus, dass wir mindestens eins unserer Kinder immer vorne sitzen hatten. Sobald wir anhielten, etwa um einzukaufen oder einfach nur eine Pause zu machen, waren wir binnen Minuten von einer Schar bettelnder Kinder und Erwachsener umringt – das war wirklich sehr anstrengend und hat viele schöne Landschaftseindrücke zerstört. Es war schlichtweg unmöglich, wirklich in Kontakt zu den Menschen zu kommen, da wir nur als wandelnde Dollarnoten betrachtet wurden. So leid uns viele arme Kinder auch taten – Almosen verteilen halten wir für den falschen Weg aus der Armut!

Wirklich beängstigend waren aber – vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation – die vielen bewaffneten Männer im Land. Gewehre oder Maschinenpistolen in der Hand von Zivilisten gehörten in Äthiopien zum normalen Straßenbild, und das hat uns schon Angst gemacht. Wir haben zwar keine bedrohliche Situation erlebt, sind aber diese Mengen an Waffen wirklich (und glücklicherweise) nicht gewohnt. So haben wir es nicht gewagt, wild zu campen, sondern ausnahmslos Camps oder befriedete Hotelanlagen mit Nachtwächtern genutzt. Zudem fiel das Militär und die Polizei durch eine sehr hohe Präsenz auf, was natürlich einerseits Sicherheit vermittelte, auf der anderen Seite aber auch latent die instabile Situation im Land ins Bewusstsein rief. An den zahlreichen Straßensperren wurden wir als Touristen mit Kindern allerdings quasi nie kontrolliert.

Als Konsequenz aus diesen beiden Faktoren haben wir als Familie entschieden, das Land möglichst schnell zu durchqueren und nur die landschaftlichen Highlights zu genießen, die wirklich auf dem Weg liegen. Wir müssen allerdings der Ehrlichkeit halber sagen, dass der ausschlaggebende Faktor nicht der politische Ausnahmezustand, sondern das Verhalten der Menschen war. Es war schlichtweg nicht möglich, sich in der wunderschönen Landschaft zu bewegen, ohne permanent bedrängt und angefasst zu werden – für Erwachsene sicherlich unangenehm, für reisende Familien mit Kindern nicht tragbar.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass viele der Befürchtungen, die wir vorab selber hatten oder mit denen wir konfrontiert wurden, ungerechtfertigt waren – aber eben nicht alle. Wir glauben, dass es keineswegs unverantwortlich war, diese drei Länder als Familie mit Kindern zu bereisen – aber es war eine Herausforderung. Wir haben wunderschöne Landschaften erlebt, interessante und bereichernde Menschen kennen gelernt, aber auch Armut und Elend gesehen und so unser luxuriöses Leben noch mehr zu schätzen gelernt. Ja, wir würden es wieder machen – aber wir freuen uns jetzt auch auf hoffentlich ruhigere Monate mit vielen Tieren, schönen Landschaften und hoffentlich weniger Konfliktpotential.

Judith von den 6Westfalen

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