6Westfalen - Kalaharimatsch

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Wo sind sie bloß, all die Löwen und anderen Raubtiere, die man in der Kalahari angeblich während der Regenzeit am besten beobachten kann? Wir fahren seit mittlerweile zwei Tagen durch eine sehr grüne Trockensavanne und haben noch nicht ein einziges Raubtier zu Gesicht bekommen! Unsere Aufmerksamkeit gilt zudem mehr dem Weg, denn die Piste ist extrem nass und mit Unmengen von Matschlöchern übersät – wären wir nicht mit unseren Schweizer Reisegefährten unterwegs, hätten wir längst den Rückzug angetreten. Wenigstens haben wir in den Pans, den trockenen Salzpfannen und ehemaligen Flussläufen aus Urzeiten, große Herden von Oryxantilopen und Springböcken beobachten können, dazwischen Kudus und Gnus und auch ein paar kleine Schakale. Immer wieder halten wir an, steigen auf Grüdis Dach und lassen den Blick schweifen – aber ehrlich gesagt, wäre es ein Wunder, wenn wir in dieser extrem grünen und bewachsenen Landschaft wirklich ein Rudel Löwen zu sehen bekämen!

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So kämpfen wir uns durch die engen Fahrwege und müssen permanent tiefe Schlammpassagen überwinden, die Jochens fahrerisches Können und Grüdis Motor absolut herausfordern. Es hat in den vergangenen Monaten ungewöhnlich viel geregnet – so viel wie seit Jahren nicht mehr, das erfahren wir im Rückblick von den Menschen in Botswana. So ist aus der eigentlich trockenen, sandigen Halbwüste, die vielen aus Film und Literatur bekannt ist, eine tropfnasse Matschwüste geworden!

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Und dann passiert das Vorhersagbare: am Rande einer Salzpfanne sackt Grüdi plötzlich nach links weg! Jochen versucht noch, rückwärts wieder auf den Weg zu gelangen, gräbt Grüdi dabei aber nur noch tiefer ein.

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Aber dafür haben wir ja Sandbleche, Bergegurte und Schaufeln dabei – also an die Arbeit, es darf im Matsch gespielt werden! Mit vereinten Kräften und unter Einsatz des Schweizer Fahrzeuges haben wir unser Reisemobil nach gut eineinhalb Stunden wieder in der Spur! Es kann weitergehen. Leider währt dieses Glück nur für fünf Minuten, denn dann rutschen wir schon wieder nach links in den Matsch! Dank der guten Erfahrung sind wir nach nur zwanzig Minuten wieder frei und kämpfen uns noch drei Kilometer bis zu unserem Nachtlager durch.

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Am nächsten Morgen wollen wir früh starten, denn wir haben 120 km vor uns und müssen den Park eigentlich bis 11:00 Uhr verlassen haben. Also geht es nach einer regnerischen Nacht schon um sechs Uhr los – frühstücken wollen wir später. Leider ist die Reise schon nach zehn Minuten vorbei, denn wir stecken wieder fest – dieses Mal auf der rechten Seite und mitten in einem Weg, der zwar nass war, aber gar nicht nach Matsch aussah! Als wir später nachmessen, stellen wir allerdings fest, dass die Spurbreite nur 2,4 m beträgt – da bleiben für uns mit 2,3 m Breite gerade mal fünf Zentimeter Spielraum an jeder Seite! In Kombination mit derart viel Wasser ist das einfach tödlich. Zu allem Überfluss setzt nun auch noch starker Regen ein – das ist definitiv der passende Moment, um erst einmal zu frühstücken.

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Ganz naiv nehmen wir an, auch dieses Schlamm(assel) genauso einfach lösen zu können wie am Vortag – weit gefehlt! Weder der Schweizer Landcruiser noch die vorbeikommenden Holländer oder das Gamedrive-Fahrzeug können uns helfen, wir graben uns nur immer tiefer ein! Auch unsere Seilwinde zieht alle Fahrzeuge, die wir mit ihr verbinden, nur weiter zu uns anstatt Grüdi auch nur einen Zentimeter zu bewegen! Nach 33 Stunden erreicht uns zumindest das erste Rangerfahrzeug mit der lustigen Vorstellung, Grüdi mal eben aus dem Schlamm ziehen zu können. Nach zwei Versuchen stecken wir noch tiefer und mit mehr Schräglage drin als je zuvor – wir sehen uns schon im Leihwagen durch das südliche Afrika reisen, bis die Regenzeit vorbei ist. Nachdem die Rangertruppe dann wieder abgezogen ist – nicht ohne zu versprechen, dass sie am nächsten Tag mit einem neuen Plan wiederkommen würden -, schaffen wir es in einem enormen Kraftakt, Grüdi weiter auf zu bocken und mit Holz und Steinen zu unterfüttern.

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Wo sind sie bloß, all die Löwen und anderen Raubtiere? – diese Frage möchten wir im Moment mit einem hoffnungsvollen „Bloß nicht hier!“ beantworten, denn wir müssen uns immer weiter von den Fahrzeugen entfernen, um Holz und Steine heran zu schaffen. Zum Glück bleibt uns gar nicht viel Zeit, um über die Möglichkeit eines Raubtierkontaktes nachzudenken – wir müssen einfach arbeiten, denn sonst bleibt Grüdi hier stehen! Die Ranger kommen nämlich nicht wie versprochen zurück – weder am nächsten noch am übernächsten Tag. Später werden wir erfahren, dass auch der Rettungstruck im Matsch stecken geblieben ist … Zu allem Überfluss wird die Aufbockarbeit eines ganzen Tages durch ein Riesengewitter wieder zunichte gemacht.

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Schließlich naht am vierten Tag Hilfe in Form eines deutschen Pärchens, das uns aufsammelt und im Konvoi mit den Schweizern an Tag fünf zum Gate fährt. Dort angekommen, erfahren wir, dass am Folgetag der Hubschrauber gekommen wäre, um uns zu evakuieren – gut, dass wir diesen sicher sehr kostspieligen Service nicht in Anspruch nehmen mussten! Während Judith mit den Kindern bis in die nächste, 160 km von Grüdi entfernte Ortschaft gebracht wird, geht die Rettungsmission für Jochen weiter: mit dem zweiten, extra angeforderten Rettungstruck und zehn weiteren Rangern fährt er wieder in den Park, um zuerst den ersten Truck zu bergen - leider vergeblich! Und es kommt noch dicker: vier Kilometer vor Grüdis Standort fährt sich auch der zweite Truck unrettbar fest! Zum Glück hat der Wettergott ein Einsehen und lässt die Sonne drei Tage scheinen, so dass es die Rettungsmannschaft mit vereinten Kräften, viel Holz, Steinen und Sandblechen sowie einer gehörigen Portion Glück schafft, Grüdi aus seinem Schlammloch zu befreien – er hatte nach fast sieben Tagen schon begonnen, sich dort heimisch zu fühlen!

Rückblickend ist es eine sehr spannende Geschichte mit gutem Ausgang – war aber während der Aktion extrem nervenaufreibend. Das brauchen wir nicht noch einmal! Extrem positiv war, wie viel Unterstützung wir von wildfremden Menschen bekommen haben – so hat uns, neben den Rangern und unseren Schweizer und Deutschen Helfern vor allem eine südafrikanische Reisegruppe sehr großherzig mit Lebensmitteln und moralischer Unterstützung geholfen!

Zum Schluss noch die Antwort auf die Frage „Wo sind sie bloß, all die Löwen?“ – sie waren da, die ganze Zeit – Jochen hat allein drei von ihnen auf seinem Weg zur Grüdirettung gesehen – zum Glück erst dann!!!

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