6Westfalen – Sicherheit im südlichen Afrika

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Seit über vier Monaten sind wir im südlichen Afrika unterwegs, das ist mehr als ein Drittel unserer gesamten Reisezeit. Langsam neigt sich unsere Auszeit dem Ende zu, in wenigen Wochen geht es wieder zurück nach Deutschland. Wir sind erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen ist, und sehr dankbar für diese einmalige Chance und all die tollen Erinnerungen!

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Wir könnten ganze Romane über die fantastischen Landschaften und tollen Naturerlebnisse schreiben: Botswana bot viele Tiere, vor allem Elefanten außerhalb der großen Parks, Namibia beeindruckte uns vor allem mit Landschaften wie der Etosha-Pfanne, Spitzkoppe und der Namib-Wüste, und in Südafrika übertrafen die Tierbeobachtungen in den Nationalparks, allen voran im Krugerpark, unsere Erwartungen bei Weitem.

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Wir könnten auch über die Wetterkapriolen schreiben, die wir erlebt haben – angefangen mit den Wassermassen in der Zentralkalahari über Botswanas ungewöhnlich grünen Etosha-Nationalpark und vollgelaufene Reviere in Namibia bis hin zu den Regenfällen im Addo Elefant und Kruger Nationalpark: immer wieder hörten wir von den Einheimischen, dass derartiger Regen und die damit verbundenen grünen Landschaften alles andere als der Normalzustand sind. Den Höhepunkt brachte der heftigste Sturm seit 30 Jahren, der zeitgleich mit uns in der von einer schlimmen Dürre geplagten Region von Kapstadt eintraf!

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Wir könnten weiterhin darüber berichten, was das Reisen in Namibia und Südafrika als Familie bedeutet – von vielen reisenden Paaren war uns nämlich im Vorfeld berichtet worden, das im südlichen Afrika alles viel einfacher, angenehmer und günstiger sei, da die Campingplätze in der Regel per Campsite mit max. sechs Personen abgerechnet würden. Leider scheint sich das in den letzten zwei Jahren massiv geändert zu haben, die Standardbelegung umfasst fast immer zwei Personen, und Kinder ab 12 werden als Erwachsene gerechnet, so dass wir als sechsköpfige Familie oft haarsträubend hohe Preise zahlen mussten – Beträge, die wir in Europa nicht zu zahlen bereit gewesen wären

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Wir möchten aber über einen ganz anderen, sicherlich nicht unumstrittenen Aspekt berichten, der uns vor allem in Namibia und Südafrika begegnet ist und von dem wir bisher kaum in Reiseberichten gehört haben. Sehr oft haben wir im Gespräch mit den (weißen) Einheimischen gehört: „Don`t go there! It´s not safe!“ Liest man dazu die Reiseführer, wird empfohlen, keine Wertsachen mit sich zu führen, Kameras immer in unauffälligen Rucksäcken zu transportieren, im Dunkeln nicht Auto zu fahren und keinesfalls an roten Ampeln zu halten. Wirklich beängstigend werden diese eher theoretischen Ratschläge aber durch das, was man überall zu Gesicht bekommt: hohe Mauern, Gitter vor allen Fenstern im Erdgeschoss, Elektrozäune, Sicherheitspersonal in Hülle und Fülle sowie Nachtwachen und Alarmanlagen überall. Und all das nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf dem Land, in Kleinstädten und sehr friedlich wirkenden Siedlungen. Uns wird empfohlen, die Kinder nicht alleine herumlaufen zu lassen, auch nicht im Supermarkt oder in den allgegenwärtigen Shoppingmalls, sie könnten dort sonst gekidnapped werden, sogar von lukrativem Organhandel ist die Rede! Auch die Kinder der vielen Familien, die wir im Laufe der Reise besucht haben, dürfen nirgendwo alleine hin, werden überall mit dem Auto hingefahren – für unsere Vier, die seit dem ersten Schultag alleine unterwegs sind, eine unglaubliche Vorstellung. So groß die Freiheiten hier in Bezug auf befahrbare Natur und Wildnis auch sind – ein simpler Spaziergang um den Block ist nach Einbruch der Dunkelheit nicht möglich, man ist in den Umzäunungen regelrecht eingesperrt! Im krassen Gegensatz zu allen diesen Maßnahmen und Warnungen steht dann allerdings unser Erleben: wir haben in den fast vier Monaten (glücklicherweise) nicht einen Moment erlebt, in dem wir uns unsicher gefühlt haben – auch wenn wir wild gecampt oder einen Campingplatz mit offenem Zugang zum Meer gefunden haben. Der Ehrlichkeit halber müssen wir aber sagen, dass wir schon beeinflusst von all dem „Safety“ – Gerede waren und im gut verschlossenen Grüdi sicherlich weniger Angriffsfläche geboten haben.

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Je länger wir nun in Namibia und vor allem Südafrika unterwegs sind und je mehr Gespräche wir mit den Einheimischen führen, desto mehr erleben wir auch die Ursache für die scheinbar hohe Kriminalität: die Lebensverhältnisse der Menschen im Land sind extrem unterschiedlich und es gibt keinerlei soziale Absicherungssysteme. Wir sehen - in den Townships, aber auch auf dem flachen Land - immer wieder viele extrem einfach lebende Menschen in Blechhütten, oft ohne Strom und fließendes Wasser. Diese Armut ist in der Regel schwarz – auch fast 25 Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid. Offiziell haben zwar alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe, die gleichen Rechte, die Realität sieht aber definitiv anders aus. So hat z.B. nur derjenige eine Krankenversicherung, der sie sich leisten kann – und wer keine hat, der stirbt halt an einer simplen Blindarmentzündung, weil er im staatlichen Krankenhaus drei Tage auf eine Behandlung warten muss! Die staatlichen Fürsorgesysteme, die wir aus Deutschland kennen und schätzen, gibt es hier nicht. Auch das Bildungssystem – der Schlüssel zum Ausweg aus diesen Ungleichheiten – ist extrem ungerecht: sitzen in den staatlichen Schulen oft bis zu 80 Kinder in einem Klassenraum, so sind es bei den privaten Bildungsanstalten mit hohen Schulgebühren häufig weniger als 20 Schüler pro Klasse – wie soll sich so etwas ändern? Wir führen mehrfach Gespräche mit jungen, farbigen Eltern, die kaum fassen können, dass Schule in Deutschland kostenlos ist – hier in Südafrika und Namibia gibt es zwar eigentlich auch eine Schulpflicht, aber wer sich schon die Schuluniform etc. nicht leisten kann, schickt seine Kinder erst gar nicht in die Schule – und der Besuch einer privaten Bildungseinrichtung ist dann völlig undenkbar.

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Glaubt man den Aussagen der Menschen, mit denen wir sprechen – egal ob weiß oder farbig -, so investiert die aktuelle Regierung viel zu wenig in die Bildung und somit in die Zukunft der jungen Menschen, sondern kümmert sich eher um das eigene Wohlergehen – so hat der Präsident Zuma sich jüngst für seine Großfamilie auf Staatskosten ein eigenes, luxuriöses Dorf bauen lassen, und der ehemalige Staatspräsident Namibias gehört zu den reichsten Menschen der Welt! Die Ideen Nelson Mandelas von einer Regenbogennation, in der Menschen aller Hautfarben friedlich und gleichberechtigt miteinander leben können, scheint sich bis jetzt noch nicht verwirklicht zu haben – ganz im Gegenteil! Wir treffen immer wieder vor allem ältere Weiße, die sich ernsthaft bedroht fühlen, sich als Nachfahren der ersten europäischen Siedler und Vortrekker verfolgt oder sogar aus dem Land getrieben sehen. Oft hören wir, wie viele weiße Farmer jeden Monat umgebracht würden, erleben live, dass viele von ihnen nur bewaffnet aus dem Haus gehen! Gerade diese Menschen haben aber auch oft eine extrem schlechte Meinung über die Fähigkeiten der Farbigen – das alles macht uns teilweise wirklich Angst! Glücklicherweise treffen wir aber auch eine Reihe von Leuten, die die Situation nicht so negativ einschätzen, sondern vielmehr als Herausforderung sehen, die es gemeinsam zu bewältigen gilt. Sie sind davon überzeugt, dass Südafrika diesen schwierigen Prozess gemeinsam meistern wird, und reden nicht nur davon, sondern handeln auch dementsprechend – z. B. auf ihren Farmen, im fairen Umgang mit allen Mitarbeitern – egal welcher Hautfarbe. „Ja, es gibt Rassismus – aber der ist schwarz und weiß, und es sind auf beiden Seiten zum Glück nur kleine Gruppen, die extreme Ansichten vertreten und Stimmung machen wollen! Die große Mehrheit will friedlich zusammenleben, und wir werden das auch schaffen!“ – diese Aussage eines Farmers gibt Hoffnung – auch darauf, dass sich mit einer gerechteren Gesellschaft in Zukunft die Sicherheitslage in Südafrika entspannen wird!

Text von Judith Vosseberg

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BACK TO THE ROAD – 6Westfalen unterwegs

6Westfalen – Ihre Reise durch nordafrikanische Risikoländer