Corona-Tagebuch: Abbruch von Christians und Elkes Weltreise

Ganz knapp an der Bordwand wird Styros, der Reise-LKW, nach Griechenland verschifft. Dann müssen ihn Christian und Elke schweren Herzens in Athen zurücklassen. © Christian Binder

Wie erleben Menschen weltweit die Corona-Lage? Christian und Elke waren auf Weltreise mit Styros, ihrem Expeditions-LKW. Sie erzählen uns, wie sie fluchtartig von Saudi-Arabien aus die Heimreise antreten mussten:

Seit nun sechs Monaten sind wir unterwegs in den nahen Osten. Bis in den Oman haben wir es geschafft. Die nächste Etappe soll uns wieder zurück über den Iran in die Stan-Staaten bringen und dann entlang der Seidenstraße über den Pamir-Highway. Kühne Ziele, große Träume. Doch ganz plötzlich zeigt sich, wer die wirkliche Macht auf diesem Planeten hat. Die Großen sind nur scheinbar mächtig, die eigentliche Macht liegt bei den ganz Kleinen – den Viren und Bakterien. Covid-19 – was für ein Name! Könnte auch der Name einer neuen Luxuslimousine sein. Doch weit gefehlt. Es handelt sich quasi um eine Schwundstufe, wie die Wissenschaft es nennt. Nicht mal ein richtiges Lebewesen, es sind bloß Teile davon. Gene von Lebewesen, die nun die Welt in Atem halten – und uns im Bann.

So gerne wiegen wir uns in Sicherheit über das, was morgen sein wird. Und wir glauben auch noch an diese fragile Gewissheit, obwohl uns die Realität immer wieder eines Besseren belehrt. Nichts ist gewisser, als die Veränderung. Unser Plan spießt sich gerade gewaltig mit der Realität. Unsere geplante Route zurück in den Iran und dann weiter, scheint uns zu riskant. Manche meinen die Grenze zum Iran sei ohnedies schon zu. Dann hören wir wieder, es gingen noch Fähren nach Bandar Abbas. Wir hören auch, dass man aus dem Iran nicht mehr hinaus käme, sollte man doch noch eingereist sein. Alle unsere Kontakte im Iran sagen uns „Kommt nicht!“.

Es ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für uns, dass sich die Lage gerade jetzt so zuspitzt. Die Meldungen in den Medien berichten täglich von neuen Corona-Fällen. Panik allerorts. Wir wissen nicht, welche anderen Grenzen demnächst ihre Pforten schließen werden, um eine Ausbreitung zu verhindern. Unser bereits gebuchtes Ticket für einen Flug von Teheran nach Hause – der Plan war, den LKW zwei Monate im Iran zu lassen und dann weiterzufahren – können wir gleich als Spende betrachten, da ja höherer Gewalt geschuldet, und einen anderen Unterbringungsplatz statt Teheran hier in den VAE zu finden, gestaltet sich schwieriger als zuvor gedacht. Alle Bezeugungen, uns zu unterstützen, erweisen sich in der momentanen Situation als nicht gesichert.

Hinzu kommt, dass wir Styros (unseren Reise-LKW) auch nicht auf unbestimmte Zeit hier unten lassen möchten. Im Sommer wird es ihm hier zu heiß! Material und Batterien leiden. Also was tun? Unsere Nächte sind unruhig, die Gedanken kreisen immer um dasselbe Thema. Letztlich beschließen wir, gemeinsam mit dem Dicken (wie wir unseren LKW auch liebevoll nennen) den Heimweg anzutreten, wenngleich dieser noch nicht sichergestellt ist. Für Abu Dhabi haben wir keine Muße mehr und besuchen den Louvre und den neuen Sultanspalast im Eiltempo. Kultur auf der einen, überbordende Dekadenz auf der anderen Seite. Wir brechen nach Saudi Arabien auf – was überhaupt erst seit Kurzem geht – völlig unvorbereitet, ohne Karte und Reiseführer. Weiter möchten wir dann über Jordanien nach Israel fahren. Buchen rasch eine Fähre von Haifa nach Monfalcone. Wir haben Ende Februar und alles scheint noch machbar.

An der Grenze zu Saudi Arabien der nächste Schreck. Es gibt kein Visa on arrival mehr, das wurde vor einer Woche ausgesetzt, ein Übertritt ist nur mehr per e-Visa möglich. Christian setzt alles daran, damit uns einer der Beamten einen Hotspot macht, und versucht sein Bestes. Das Netz ist instabil, es dauert ewig und bedarf vieler Versuche, gelingt aber letztlich und wir dürfen rüber! Dort an einigen Schaltern komme ich mir vor wie im Operationssaal, neben den Saudis in ihren weißen Qamis und mit Mundschutz. Ein Fieberthermometer wird uns unter die Zunge gehalten. Welch eine Farce. Dann fahren wir zügig weiter, täglich mindestens 600 Kilometer, um rechtzeitig nach Haifa zu kommen.

Die Meldungen in den Nachrichten und sozialen Medien überschlagen sich. Die Informationen verwirren täglich und bewirken das, was keiner will – Unsicherheit. Unsere neue Route ist das Ergebnis einer Entscheidung. Wir wollen nicht auf der Arabischen Halbinsel bleiben, ohne zu wissen, wann wir den LKW wieder rausbekommen können. Wir empfinden unseren Dicken zum ersten Mal als Klotz am Bein. Er ist zu groß, um in einen Container zu passen. Wir können ihn aber auch nicht so einfach hier lassen. Das Familiensilber weiß man schließlich doch lieber sicher verwahrt. Da sind sie wieder, die Geister, die niemand rief. Eine E-Mail von der Fährgesellschaft: „Es tut uns leid, aber vorerst fahren keine Schiffe von Haifa nach Italien“. Wir sitzen fest, fühlen uns gestrandet. Tags darauf eine neue Email. Es gibt ein Schiff, elf Tage später – auch gut. Zuerst haben wir uns voll abgehetzt, um diesen frühen Fährtermin halten zu können, jetzt ist alles anders und wir haben – scheinbar – Zeit.

Wir atmen auf, genießen unser Abendessen. Doch schon bei der Nachspeise die nächste Meldung. Österreicher dürfen die Grenze zu Israel nicht mehr passieren. Wir kratzen den letzten Rest an Zuversicht zusammen, geben früh morgens richtig Gas und gelangen über die Grenze nach Israel. Auch dieses Prozedere ist nicht ganz einfach. Alles klappt, aber es dauert und wir spüren ganz deutlich, an einem der bestbewachten Grenzübergänge zu stehen. Unzählige Uniformierte, alle mit Schnellfeuergewehren und dem Finger am Abzug. Schon die Fahrt hierher von Jordanien hinterließ ein eigenartiges Gefühl. Noch nie habe ich über so weite Strecken mit Schusswaffen abgesicherte Stacheldrahtzonen gesehen. Eine Bastion, in die wir da einreisen.

In Israel nehmen wir uns an einem Tag sogar etwas Zeit, tauchen einmal kurz ins Tote Meer. Ja, es stimmt, man fühlt sich wie ein Korken und die Situation ringt auch uns ein Lächeln ab. Aber richtig genießen, nein, das gelingt uns nicht. Im Gespräch mit Reisefreunden, die noch in Jordanien sind, erfahren wir, dass sie auf dieselbe Fähre gebucht sind, wie wir. Nur: so viele Plätze hat die Fähre gar nicht. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Fährgesellschaften halten uns hin, wir können ohnedies immer nur mit „Agenten“ sprechen. Und dann wird die Vermutung zur Realität: Es fahren keine Fähren mehr nach Italien. Wir sind am Boden zerstört. Unsere letzte Chance, gemeinsam mit dem LKW von hier weg zu kommen, ist eine Fähre nach Griechenland. Die Buchung klappt, wir allerdings dürfen nicht mit an Bord, wir müssen fliegen.

Styros wird verschifft, muss ganz knapp an der Bordwand der Fähre stehen und Christian befürchtet Schlimmes, da sie starke Unwetter für die Überfahrt vorausgesagt haben. Aber wir haben keine Wahl und besteigen tags darauf den Flieger nach Athen. Dort heißt es dann drei Tage warten. Nun gut, wir haben das europäische Festland erreicht, aber wie kann es weiter gehen? Alles dreht sich nur noch um das eine Thema: Wie kommen wir alle – wir sind 5 Fahrzeuge und 10 Personen – wieder nach Hause? Der Landweg scheint immer aussichtsloser. Zu viele Grenzen, zu viele Unsicherheiten, daran glauben wir nicht mehr. Es tut sich plötzlich eine Tür auf: Die Fähren von Patras nach Ancona fahren noch. Christian arrangiert alles mit der Fährgesellschaft, ja, es gibt Plätze und wir sind quasi schon auf dem Weg dorthin.

Noch bevor er die Buchung abschließen kann, müssen wir erfahren, dass nun auch dieser Weg versperrt ist. Passagiere dürfen nicht mehr auf das Schiff. Wir geben uns nun endgültig geschlagen und sehen ein, dass wir Styros hier lassen müssen, und wollen am nächsten Tag den Abendflieger von Athen nach Wien nehmen. Doch schon wieder überschlagen sich die Ereignisse und wir hören Kanzler Kurz sagen, dass der Flugverkehr nach Österreich ab morgen eingestellt werden soll. Jetzt überkommt uns leichte Panik. Wir buchen noch in der Nacht den Frühflug nach Hause – die letzte Lauda Motion Maschine hebt mit 19 Passagieren im Gepäck ab nach Wien. Styros haben wir unaufgeräumt und ziemlich verwaist mit gemischten Gefühlen auf einem bewachten Parkplatz in der Nähe des Flughafens lassen müssen.

Wir erlebten die letzten drei Wochen wie auf der Flucht. Nicht zu vergleichen mit Kriegsflüchtlingen, natürlich nicht. Aber alle, wirklich alle unsere gemachten Pläne wurden zuerst einmal über den Haufen geworfen und bedurften einer Abänderung! Das hat so viel Kraft gebraucht, sich immer wieder neu zu motivieren und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Fahren, fahren, fahren, nebenbei recherchieren, organisieren – kaum Zeit, um noch einzukaufen, geschweige denn zu kochen. Erst jetzt zu Hause, an unserem Schlafbedürfnis merken wir, wie erschöpft wir sind. Traurig, weil unsere Weltreise viel zu abrupt ihr Ende gefunden hat und müde, weil die letzten Wochen nur Anstrengung und keine Reisefreude gebracht haben.

Wir leben in ganz speziellen Zeiten und auch das Reisen fordert seinen Tribut. Noch braucht es ein bisschen, bis die Reiseseele dem physischen Körper ganz nachfolgen kann. Es ist noch so vieles offen geblieben, einiges mussten wir zurücklassen – auf unbestimmte Zeit. Natürlich hat auch all das mit uns etwas gemacht. Die Heimat als Ankerplatz hat noch einmal mehr an Bedeutung erlangt. Und doch: Irgendwann wird Corona überstanden sein und ein anderes Virus wird uns wieder fesseln, uns hinaus ziehen in diese wunderbare und spannende Welt – um weiter Stück für Stück von ihr zu entdecken.

Liebe Elke, lieber Christian, bleibt gesund und kommt gut zuhause an! Vielen Dank für euren Bericht.