Corona-Tagebuch: Rosa und Johann im Wohnmobil (Spanien/Portugal)

Direkt am Strand parken: plötzlich ein Privileg. Als Corona auch Spanien erreicht, werden die Strände geschlossen © Rosa und Johann Koppelmann

Wie erleben Menschen weltweit die Corona-Lage? Rosa und Johann reisen mit ihren beiden Kindern seit einigen Monaten im Wohnmobil durch Europa. Sie erzählen uns, wie sich Corona auf ihr Leben im Wohnmobil ausgewirkt hat:

Es war am Freitag, den 13. März 2020, dass Corona unser freies Leben im Wohnmobil erreicht hat. Ich habe am 13. März in mein Tagebuch geschrieben: „Jetzt bricht plötzlich die Corona-Welle über uns … Katalonien ist zum Teil dicht, Madrid ist unter Quarantäne – da in Madrid die Schulen zu sind, reisen jetzt alle in ihre Ferienhäuser an der Andalusischen Küste und verbreiten das Virus da. Cafés und Restaurants bleiben geschlossen, heute schließen hier im Ort auch die Spielplätze. Ich fange mal langsam an, Familienangehörige anzurufen und zu hören, wie es allen geht, während Johann den Lifeticker liest: Portugal will wohl die Grenzen schließen, wir bleiben also vermutlich hier. Eigentlich stehen wir hier perfekt: wir haben Zugang zu Wasser und es gibt im Ort drei Supermärkte. Wir stehen trotzdem ziemlich allein, sodass wir quasi keinen Kontakt zu anderen haben. Der Strand ist ruhig und es sieht auch nicht danach aus, dass die Polizei unzufrieden damit ist, dass wir hier stehen. Auf jeden Fall kamen sie schon mal vorbei und haben nichts gesagt.“

So fing es an. Natürlich hatten wir vorher von Corona gehört aber wie viele andere auch, haben wir das Virus erstmal weggelacht und uns nicht davon betroffen gefühlt. Wenn wir darüber gesprochen haben, dann in einem Witz: „In den Endzeit-Filmen überleben die Camper doch immer am längsten“. Aber nun schien Corona plötzlich auch bei uns zu sein. Wir wurden langsam nervös. Wie werden die Autoritäten in Spanien mit den Wohnmobilisten umgehen? Welche Optionen werden wir haben? Zunächst bleiben wir einfach ruhig. Wir fühlen uns an unserem kleinen Strandabschnitt in Isla Christina sicher und gut aufgehoben.

Das gute Gefühl hält leider nur einen weiteren Tag – schon am 14. März kommt die Polizei vorbei, um den Strand mit Absperrband als Tabu-Zone zu markieren. Später kommen sie direkt nochmal und sperren weiter vorne nochmal ab. Als wollten sie sichergehen, dass niemand auch nur in die Nähe des Strandes kommt. Jetzt kommen sie auch zu uns und teilen uns mit, dass wir hier verschwinden müssen. Wir könnten uns ja in den Ort stellen, schlagen sie freundlich vor. Nur an der Küste darf man nicht mehr sein. Aus der Isolation mitten ins Zentrum der kleinen Stadt macht für uns bei einer Virus-Krise nicht wirklich Sinn. Da es bereits 19Uhr ist, bitten wir um Aufschub und dürfen bis Morgen bleiben. Der nächste Tag ist der Sonntag: der letzte Tag an dem die Grenze zwischen Portugal und Spanien noch geöffnet ist. Abends überlegen wir lange hin und her. Dann steht fest: wir fahren nach Portugal!

Wir fahren gleich früh morgens los und sind schon 30 Minuten später über der Grenze.  Noch ist hier alles ganz normal, Menschen gehen spazieren, Wohnmobile parken an einem Stellplatz an dem wir unseren Wassertank auffüllen. Wir stellen uns an einen schönen und ruhigen Strand in der Nähe von Altura und planen erst einmal hier zu bleiben, bis sich die Lage beruhigt hat. Der plötzliche Aufbruch aus Spanien hat uns alle ein wenig aus dem Konzept gebracht, besonders unsere beiden kleinen Kinder und da die Situation sowieso schon sehr unsicher ist und niemand weiß, wie es weitergeht, möchten wir zunächst einfach hierbleiben und ein wenig Ruhe genießen, bevor wir eventuell weitere Schritte einleiten. Portugal erlaubt uns noch eine wunderschöne lange Woche in Altura zu bleiben und wir genießen die Zeit dort sehr. Plötzlich genießen wir jeden Moment ganz anders: am Strand spazieren gehen ist auf einmal ein Privileg, was einem jeden Moment wieder genommen werden könnte. In Spanien dürften wir das jetzt nicht mehr, denken wir jedes Mal wieder. Wie schnell sich alles ändern kann! Wie wenig es braucht, um so demütig zu werden; Demut vor der Natur, in der wir JETZT gerade noch sein dürfen. Aber wer weiß wie lange noch?

Am 24. März, genau zehn Tage nach unserer Entscheidung, Spanien zu verlassen, kommt die Polizei zu uns und erklärt uns freundlich auf Französisch, dass alle Wohnmobile bis Ende der Woche das Land verlassen haben müssen. Alle Wohnmobile bedeutet über 100.000 Wohnmobile und deren Insassen, die diese Woche noch durch Portugal und ganz Europa reisen werden. Das ist doch Wahnsinn!? Es gibt doch kaum etwas, was effektiver ist, um ein Virus zu verbreiten als über 100.000 Wohnmobile in alle Welt auszusenden!? Aber wir verstehen natürlich auch die Argumentation: die Krankenhausplätze vor Ort sollen für die Einheimischen frei bleiben.

Wir haben ja schon damit gerechnet, dass sowas kommt, aber nun trifft es uns trotzdem. Wir fühlen uns hier so wohl, wir sind hier so gerne! Wir haben hier unsere Freunde! Nun fangen wir an zu telefonieren, Nachrichten zu schreiben, Facebook-Gruppen durchzuscrollen – ja, denn sofort sind Gruppen wie „Host the Camper“ auf Facebook entstanden, in denen Menschen mit Privatgrundstück ihren Garten oder ihre Ferienhäuser für Wohnmobilisten anbieten, die solange die Krise andauert, dort einen sicheren Hafen haben. Es ist toll zu sehen, wie alle zusammenhalten, sich gegenseitig mit Informationen versorgen und unterstützen. Viele reisen ab. Wir müssen uns von vielen liebgewonnenen Menschen verabschieden und das nimmt uns mit – zusammen mit der Tatsache, dass wir immer noch überlegen müssen, wo wir nun eigentlich bleiben. Wir haben mehrere Möglichkeiten, aber keine ist so richtig perfekt: eine Wohnung von einem Familienmitglied bietet zwar Komfort und ist gleich um die Ecke, aber wir wollen nicht aus unserem Wohnmobil ausziehen. Das Grundstück eines Freundes liegt vier Stunden Fahrt entfernt und wäre eine Möglichkeit, aber dort haben wir keinen Internetempfang und wir müssen ja weiterarbeiten. Ein britisches Pärchen lädt uns ein, zu ihnen zu kommen; sechs Stunden Fahrt von uns. So weit fahren wir normalerweise innerhalb eines Monats. Es ist uns zu weit. Wir wollen nicht. Wir wollen gar nicht hier weg. Wir wollen bei unseren Freunden bleiben.

Nach zwei Tagen hin und her müssen wir uns entscheiden, die Polizei ist nochmal vorbeigekommen um sicherzustellen, dass wir auch alle verstanden haben, dass wir uns am Donnerstag früh, allerspätestens am Freitag auf den Weg machen sollten. Wir überlegen bis zur letzten Minute hin und her und fahren schließlich los. Jeder für sich – wir machen noch Abschiedsfotos und lachen uns an … niemand von uns weiß, wann wir uns jetzt wiedersehen werden. Vielleicht schon in einem Monat, vielleicht aber auch erst in drei oder vier. Oder nie wieder. Denn vielleicht entscheidet sich ja doch noch jemand dazu, nach Deutschland zurückzukehren. Wir fahren ins Inland, erst zu unserem Freund, wo wir aber kein Internet haben und dann zwei Tage später nochmal drei Stunden weiter bis zu der britischen Familie.Hier stehen wir jetzt in einem kleinen Dorf wo insgesamt 10 Personen wohnen. Von Corona merkt man hier nichts, außer dass der Wochenmarkt nicht stattfindet. Wir stehen hier sicher, können uns frei bewegen und in den umliegenden Eukalyptus-Wäldern spazieren gehen. Unsere Gastgeber sind unglaublich nett und herzlich und freuen sich sehr, uns hier zu haben. Das tut gut!

Trotz allem sind wir traurig: wir sind traurig, unsere Reisefreunde nicht mehr um uns zu haben, traurig nicht mehr die Freiheit der letzten 6 ½ Monate zu haben. Jetzt stehen wir hier und wir bleiben hier stehen, bis die Krise vorbei ist – denn wir dürfen uns offiziell nicht mehr bewegen. Werden wir auch nicht. Wir sind da lieber vorsichtig. Denn nach Deutschland zurückzufahren kommt für uns nicht in Frage – wir haben dort kein Zuhause, die lange Fahrt wäre mit dem Baby kaum möglich und es zieht uns nichts dorthin zurück.

Trotz der Traurigkeit, sind wir sehr, sehr dankbar für unsere Situation! Wir können uns frei bewegen, sind den ganzen Tag draußen, haben nette Menschen um uns und sind nicht so isoliert wie viele Millionen Menschen gerade in ihren Häusern und Wohnungen. Wir können spazieren gehen und draußen Mittagessen und nachmittags bringt jemand veganen Karottenkuchen vorbei oder es gibt selbstgebackene Schoko-Muffins. Quarantäne könnte auf jeden Fall auch sehr viel schlimmer sein!