Corona-Tagebuch: Ulrike Grafberger aus den Niederlanden

Abstand halten im Supermarkt © Gitte Möller

Wie erleben Menschen weltweit die Corona-Lage? Unsere Autorin Ulrike Grafberger lebt seit 16 Jahren in den Niederlanden (Den Haag) und berichtet von dort über die Corona-Krise.

Beim Karneval verging uns das Lachen 

Es war der Karneval, der in den Niederlanden vor allem in den südlichen Provinzen gefeiert wird, der die Gefährlichkeit des Coronavirus ins Bewusstsein der Menschen katapultierte. Dort, wo man sich zum fröhlichen Umtrunk und zu Umzügen zusammenfand, stieg die Zahl der Infizierten sprunghaft an. Die Provinz Nordbrabant wurde hierzulande zur Brutstätte des Coronavirus. 

Am Sonntag, den 15. März, wurde im ganzen Land die Schließung von u. a. Schulen, Kindertagesstätten, Restaurants und Fitnessstudios angekündigt. Ministerpräsident Rutte erklärte in einer Ansprache seine Strategie der „kontrollierten Gruppenimmunität“: Ein Großteil der niederländischen Bevölkerung wird sich mit dem Virus infizieren, doch mit Hilfe der sozialen Distanz (1,5 Meter Abstand) müsse man den exponentiellen Anstieg aufhalten und die Kurve abflachen. So würde man den Kollaps des Gesundheitssystems vermeiden. In Deutschland stieß er mit diesem Ansatz auf Kritik (die Süddeutsche schrieb von einem „Hochrisiko-Experiment“), obwohl sich die niederländische Strategie nicht wesentlich von der deutschen unterscheidet. 

Social Distancing, aber wie? 

Wir wohnen in Den Haag. Die Stadt gehört zum Ballungsraum namens Randstad, zu dem u.a. auch Rotterdam, Amsterdam, Leiden und Utrecht zählen. Hier leben acht Millionen Menschen auf engem Raum. Wie soll man sich hier aus dem Weg gehen? Dass das schwierig ist, zeigte das vergangene – sehr sonnige – Wochenende. Es herrschte keine Ausgangssperre, und jeder wollte raus in die Natur, so lange es noch möglich ist. Strände, Dünengebiete, Strandpromenaden, Parks und Naturschutzgebiete füllten sich mit Menschen. Vor allem an den Strandzugängen oder auf den Parkplätzen konnte man nur noch schlecht Abstand wahren. Über die Medien wurde aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Der Ministerpräsident nahm das zum Anlass, sichtlich verärgert, an das Volk zu appellieren. 

Mein Lieblingspark in Den Haag © Ulrike Grafberger

Intelligenter Lockdown 

Am Montag, den 23. März, verkündeten Mark Rutte, der niederländische Justizminister Grapperhaus und Hugo De Jonge, Minister van Volksgezondheid, verschärfte Maßnahmen: 

Bis zum 1. Juni dürfen die Niederländer nur noch nach draußen, um einzukaufen, „sich eine frische Nase zu holen“ oder zur Arbeit in den systemrelevanten Berufen zu gehen.

Wer in einer Gruppe von 3-4 Menschen (Familien ausgenommen) angetroffen wird oder die 1,5-Meter-Regel nicht einhält, muss mit Geldstrafen von bis zu 400 Euro rechnen. Bei Betrieben können es bis zu 4.000 Euro werden. Kinder bis 12 Jahre dürfen draußen spielen.

Rutte nannte dies einen „intelligenten Lockdown“. Er hofft auf die Vernunft seiner Bürger. Halten sie sich nicht daran, droht eine komplette Ausgangssperre. 

Familienjogging © Ulrike Grafberger

Das Problem mit dem Toilettenpapier 

Weil man auch in den Niederlanden anfing, Toilettenpapier zu hamstern, begutachtete Ministerpräsident Mark Rutte vor Ort in einem Albert-Heijn-Supermarkt die Situation. Er ließ die Niederländer vor laufender Kamera wissen, es stünde so viel Klopapier zur Verfügung, dass sie noch zehn Jahre unbesorgt ihr „großes Geschäft machen“ (poepen) könnten.

Inzwischen sind die Regale wieder gut gefüllt. Es wurde eine Senioren-Einkaufszeit in den Supermärkten eingeführt, die Kassierer sitzen hinter Plexiglas, bezahlt werden soll mit Karte. 

Stoppt das Einsamkeitsvirus!

Es kommt nicht oft vor, dass sich der König in einer Ansprache direkt an das Volk wendet. Das letzte Mal geschah das im Jahr 2014 nach der Katastrophe um den Flug MH17, bei der 196 Niederländer ums Leben kamen. Am 20. März rief er in einer Fernsehansprache dazu auf, einander zu helfen: „Das Coronavirus können wir nicht stoppen. Das Einsamkeitsvirus schon.“ Viel Verständnis zeigt der König, der selbst Vater dreier Töchter ist, auch für Kinder: „Ich verstehe sehr gut, wie ihr euch fühlt. Am Anfang ist es ja noch ganz spannend, frei zu haben. Aber dann: keine Schule, kein Fußball oder Ballettunterricht. Geburtstagsfeiern, die nicht stattfinden. Das ist ziemlich hart.“ Übrigens sitzt der König zusammen mit seiner Familie nun selbst in Quarantäne, weil alle zusammen – wie jedes Jahr – beim Skifahren in Österreich waren. 

„Wir müssen das gemeinsam tun“

Die Straßen sind leer, die Menschen bleiben zu Hause, die Nachbarschaftshilfe ist angelaufen. Im Gegensatz zu Spanien und Italien gibt es in den Niederlanden keinen kompletten Lockdown. Die Politik setzt auf die Vernunft der 17 Mio. Bürger. „Wir müssen das gemeinsam tun. Zum Schutz der Älteren und Schwachen“, so lautet die Devise. Das Lied „You'll Never Walk Alone“ ist auch in den Niederlanden zu einer Art „Durchhalte-Hymne“ geworden. Es wird täglich vor den 20-Uhr-Nachrichten, mit den neuesten Bildern rund um die Corona-Krise, im Fernsehen gespielt.

Bleibt gesund und bis zu einem – hoffentlich schnellen – Wiedersehen in den Niederlanden!

Ulrike