Corona Virus – live von der Princess Cruises – unser Autor Martin Lutterjohann berichtet.

Oder ... wie alles begann!

Nach zweiwöchiger Kreuzfahrt, bei der alles geklappt hat (bis auf die anfängliche Zögerung der Behörden, uns Passagiere im letzten Hafen, Naha auf Okinawa im Süden Japans, an Land gehen zu lassen) nähern wir uns Yokohama, wo die Kreuzfahrt im Morgengrauen des 4. Februar 2020 enden sollte. Zwei Seetage sind es von Naha bis dorthin.

© Martin Lutterjohann

Das übliche Kreuzfahrtleben: „Wake-Morning-Show“ mit den beiden weiblichen Cruisedirectors (englisch/japanisch) und dem Bericht über das Programm des Tages, gutes Essen mit viel zu viel Auswahl – häufig japanische Gerichte – Animationsspielchen, Tanzen, Live-Musik, Fit- und Wellness, Quiz, und was sonst noch. Auch Mahjongspieler auf Deck 14, die sich für nichts weiter interessieren. Am Nachmittag sehen wir erstmals seit Okinawa wieder Land: Die Izu-Halbinseln und einige der Izu-Inseln mit dem Berg Fuji, vor allem die Insel Oshima mit ihrem aktiven Vulkan.

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Am letzten Seetag verkündet der Kapitän über Bordlautsprecher, dass ein 80-jähriger Chinese, der nach 5 Tagen in Hongkong, unserem zweiten Hafen der Kreuzfahrt, ausgeschifft hatte, mittlerweile positiv getestet wurde. Deswegen würden wir erst mal an Bord bleiben müssen, bis alle getestet worden sind. Der folgende Test bestand nur aus Temperaturmessung und Einsammeln eines Fragebogens, den wir beantworten mussten: Waren Sie zuletzt in Wuhan u.ä.? Dieser Vorgang dauert vom 3. Februar gegen Mitternacht bis zum Abend des 4. Februar, dem geplanten Ausschiffungstag. Wir rufen am späten Nachmittag das von uns vor der Reise für die Anschlusswoche Tokyo gebuchte und bezahlte Hotel an, dass wir heute noch nicht einchecken können. In Ordnung, aber wegen des späten Anrufes müssen wir die Nacht bezahlen.

Wir sind guter Hoffnung, dass es beim Turnaround um 24 Stunden, wie es der Kapitän verkündet hat, bleibt und sich die Ausschiffung nur um einen Tag auf den 5. Februar verschiebt. Mit einem Bekannten hatten wir besprochen, wie er es am besten nach der Ausschiffung morgens rechtzeitig zum Flughafen Narita schafft. Jetzt fragt er, was ist, wenn wir nun aber auf Quarantäne gesetzt werden? Ich antworte, dass ich mir das nicht vorstellen will. Erst wenn es soweit ist. Denn auch wir wollen ja unbedingt unsere Anschlusswoche Tokyo. Ein Ehepaar aus Perth, Australien, meint, sie haben jetzt mal den Flug um 24 Stunden verschoben. Später verkündet der Kapitän, das die nächste Kreuzfahrt, 8 Tage ab/bis Yokohama, die am 4. Februar nachmittags beginnen sollte, abgesagt wird. Internet für alle und kostenlos, verkündet der Kapitän, tatsächlich wird das Internet laufend verstärkt. Doch es gibt auch Tage, an denen es stundenlang nicht geht.

Und dann der Knall: Um 6:30 Uhr am 5. Februar macht der Kapitän ungewöhnlich früh eine Durchsage: bitte alle zurück auf die Kabinen bzw in den Kabinen bleiben. Er werde um 8 Uhr eine weitere Durchsage machen. „Das ist ein schlechtes Omen“, sage ich zu Sakae, meiner Frau. Und dann kommt tatsächlich das, worüber ich ein paar Tage vorher noch gewitzelt habe. Wenn wir Passagiere an Bord haben, die mit Covid-19 (der Name wird erst am Mittwoch, den 12. Februar, offiziell von der WHO bekannt gegeben) infiziert wurden, dann nimmt uns niemand mehr an und wir kreuzen über die Meere, ohne in einen Hafen gelassen zu werden. Das sich die Odyssee der „Westerdam“, mit der wir 2018 mal unterwegs nach Japan waren, wiederholen sollte, ahnt zu dem Zeitpunkt noch niemand. Die Durchsage um 8 Uhr besteht darin, dass zehn Passagiere positiv auf das neue Coronavirus getestet wurden und das Schiff daraufhin in Quarantäne für die Dauer von 14 Tagen gesetzt würde. Keine Umbuchungen von Flügen mehr, keine Ausschiffung, kein Einchecken ins Hotel in Tokyo …

Das Frühstück kommt gegen Mittag, das Mittagessen gegen 15 Uhr, das Abendessen nach 19 Uhr. Das blasse Hühnerfleisch erinnert mich an Essen der Aeroflot in Sowjetzeiten. Der Burger zu Mittag kommt mit Salat und Tomate, sonst nichts. Offensichtlich muss sich die Küche jetzt gewaltig umstellen. Das Essen auf Rädern für über 2600 Passagiere wird dreimal am Tag an die Kabinentüren geliefert. Wir nehmen es die erste Woche so an, wie wir sind, noch niemand hat Schutzmasken. Die werden erst am dritten Tag geliefert. Aber auch dann legen wir sie in der ersten Woche nur an, wenn wir Ausgang an Deck haben – ab dem dritten Tag. Vorher also für uns in den Innenkabinen 155 Stunden ohne natürliches Licht und ohne echte Frischluft – nicht nur die in die Kabinen gepumpte – von der der Kapitän öfters versichert, sie sei 100% Frischluft. Ist aber doch nicht dasselbe.

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Am ersten Tag der Quarantäne rufe ich Tessa (wanderweib.de) an, dass unser vereinbartes Treffen am 6. Februar bei ihr im Westen Tokyos nicht möglich sein wird. Sie schickt mir eine Mail, die in etwa so ging: „Möchtest du etwas Ablenkung? Ich kann dem ARD Büro in Tokyo Bescheid geben, dass du an Bord bist“. Warum nicht! Ich willige ohne große Überlegung ein. Dass sie damit eine Lawine an Anfragen für Interviews für TV, Radio und Zeitung losgetreten hat, kann ich am ersten Tag noch nicht ahnen. Das zeigt sich erst nach dem Wochenende.

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Am Freitag, dem 7.2., der erste Gang an Deck. Zunächst nur für Bewohner der Innenkabinen. Nur mit Maske und Einweghandschuhen, bei Gesprächen ein Meter Mindestabstand. Der Kapitän ermahnt uns: Man beobachtet uns. Klappt es nicht, könnte der Ausgang gestrichen werden. Für unseren Kabinengang ist es Sonnendeck 15. Es ist kalt, fünf Grad oder so, in der Sonne aber angenehm, der Name des Decks ist gerechtfertigt. Wir erfreuen uns am Blick auf die Bay Bridge von Yokohama und die Skyline der Stadt. Tokyo liegt um die Ecke am Ende der gleichnamigen Bucht, den Skytree sehen wir nicht mehr, dafür den heiligen Berg Fuji, quasi das Symbol Japans. Die Deckgänge erfolgen nur auf der Backbordseite, dadurch fehlt anfangs der Blick auf die Pierseite. Man beginnt sich für uns zu interessieren. Hubschrauber kreisen hoch über uns. Ein, zwei Kamerateams kommen mit geliehenen Sportfischerbooten nahe an uns heran. Seltsam, plötzlich zur Attraktion geworden zu sein. Wir sind Teil der Top News für die nächste Zeit.

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Die Tage ziehen sich hin. Jeder hat ein Fieberthermometer in die Kabine bekommen. Täglich sollen wir selbst messen. Liegt die Temperatur bei über 37,5 Grad, sollen wir das dem medizinischen Dienst an Bord melden. Später, wenige Tage vor der geplanten Ausschiffung der ersten Gruppe am 19. Februar bittet man uns, nur noch anzurufen, wenn mehrere Tage die Temperatur erhöht ist. Die ersten Tage ist die Hauptsorge: „Meine Medikamente gehen bald zur Neige, ich brauche Ersatz!“. Am ersten Tag bekommen wir eine Liste benötigter Medikamente und der geschätzten Menge. Ich bin gesund, doch inzwischen in einem Alter, wo ich täglich bestimmte Medikamente einnehmen muss, gehöre aber nicht zu den dringenden Fällen und bekomme meine Tüte mit japanischem Nachschub erst nach einer Woche. Zwei Tage, bevor bei mir Ebbe gewesen wäre.

Dreimal muss das Schiff in der ersten Woche hinaus aufs offene Meer für „maritime Aufgaben“: Abwasser auslassen, Frischwasser aufnehmen. Danach bleibt das Schiff am Pier für den Rest der Quarantäne. Die Aufgabe übernehmen Barken am Wasser- und Tankwagen an der Pierseite. Backbordseite ist jetzt Pierseite. Von oben auf dem Sonnendeck oder unten auf Deck 7, dem Promenadendeck, können wir jetzt beobachten, was sich so alles tut. Viele Krankenwagen abrufbereit auf dem Parkplatz neben den beiden Terminals. Am Schiff blaue Plastiktunnel. Krankenwagen, die Infizierte aufnehmen, fahren ganz dicht ran, so dass wir nicht sehen können, wer da das Schiff vorzeitig verlassen muss, um in ein Krankenhaus gefahren zu werden. Die Plastikplane wird sogar teils über den Wagen gezogen. In Japan ist das gängige Praxis.

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Meine Frau und ich sind eigentlich guter Dinge. Auch die wenigen, zu denen wir durch Vermittlung der deutschen Botschaft in Tokyo telefonisch Kontakt haben, das sind vier deutsche bzw. gemischt deutsch-ausländische Ehepaare, machen sich keinen Stress. Eine WhatsApp-Gruppe mit etwa einem Dutzend Mitgliedern, darunter eine Japanerin an Land, vertreibt sich die Zeit mit selbst gemalten Bildern, Blick in den Karton vom Versandhandel (einige haben sich tatsächlich etwas schicken lassen, auch unser Sohn schickt mir Pillen zur Stärkung der Abwehrkräfte – gestern bestellt, heute eingetroffen), z.B. Kosmetik, Künstlerbedarf, Fotos von der Balkonkabine, Essen, Witze, Nachrichten … Das macht zunehmend Spaß. Doch einige äußern auch ihre Bedenken wegen der Gefährdung der Crew und unsere Gefährdung durch infizierte Crewmitglieder. Der Gedanke, dass die Viren mit dem Essen von Kabine zu Kabine mitreisen könnten, macht uns Sorgen. Die Schutzmaßnahmen verbessern sich erst in der zweiten Woche.

Einige Amerikaner wenden sich an Trump: Hol uns hier raus! Tatsächlich hoffen mehrere Amerikaner, den Rest der Quarantäne in einer amerikanischen Kaserne auf Okinawa verbringen zu können. Es kommt dann etwas anders. Am 17. Februar gegen 7 Uhr Ortszeit fliegen offenbar zwei Maschinen rund 380 Amerikaner aus, darunter 14 Infizierte. Sie sollen in Kalifornien und Texas für 14 Tage in Quarantäne. Die Australier schließen sich am 20. Februar – glaube ich – an, gleiche Bedingungen: Charterflug mit Quantas nach Darwin, 14 Tage Quarantäne in Einzelzimmern. Auch die Kanadier und Hongkong bieten Charterflüge an: jedes Mal mit der Bedingung, Quarantäne bei der Heimkehr. Die Kanadier erlauben jedoch ihren Staatsbürgern hier zu bleiben, wenn sie das wollen. Allgemein, angefangen von den Amerikanern, dürfen jene, die nicht mit „evakuiert“ worden sind, nicht vor dem 4. März nach Hause kommen. Auch die Australier verfahren auf gleiche Weise. Außerdem melden sie die Namen derer, die nicht mitfliegen konnten, an die Airlines. Heavyhanded nennt Susanne, eine deutschstämmige Australierin, dieses Vorgehen. Aber auch sie will mit.

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Die gleichförmigen Tage vergehen erstaunlich schnell. Meine Frau freut sich an der intensiven Berichterstattung der japanischen Medien. Zum Glück habe ich meinen Laptop dabei, und wie zu Hause kann sie japanisches Fernsehen im Livestream sehen. Das hilft ihr über die langen Tage in der Kabine hinweg, zumal sie anders als ich nur einmal am Tag rausgeht. Nach wie vor gilt. Vor dem Türöffnen Maske anlegen. An Deck Mindestabstand zwei Meter, woran sich jedoch fast niemand hält, und Hände desinfizieren. Sakae lernt an Deck ein japanisches Ehepaar kennen, beide kanadische Staatsbürger, die bei Vancouver leben. Sie kann zuletzt auch mit einigen Japanern telefonieren. Ein Ehepaar war wegen starken Hustens im Krankenhaus, wurde aber negativ getestet. Er kam nach Besserung zurück aufs Schiff, sie ist noch im Krankenhaus geblieben.

Das Essen ist gut: Morgens eine Art English Breakfast, in der zweiten Woche für die vielen Japaner auch Misoshiru-Suppe und fader Reisbrei, der erst durch eingelegtes Gemüse schmeckt. Ich schneide mir Bananen rein, was Japanern nie einfallen würde, dazu Obst, Saft, Joghurt. Mittags und abends Vor- und Nachspeise und eines von drei Hauptgerichten. Diätetische Einschränkungen werden berücksichtigt. Würde das Essen heiß auf Tellern serviert, man würde es als restaurantfähig empfinden. Es kommt aber in Styroporschachteln, nur bei suppenartigen Gerichten verwendet man noch Porzellanschüsseln, abgedeckt mit Alufolie. Das Silberbesteck aus den Restaurants passt nicht recht dazu.

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Am Valentinstag gibt es eine rote Rose für die Damen und zwei rot eingewickelte Schokoherzen für alle. Von der Botschaft kommt ein „Quarantäne-Survivalbeutel“ mit Brötchen, Brezel, Gummibärchen, Schokolade, Buch, Notizbuch, Kugelschreiber und anderem. Eine nette Idee.

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Am 12. Februar kommt ein Ärzteteam in Schutzkleidung von der Marinebasis in Yokosuka gegen 16 Uhr in die Kabine und entnimmt eine Speichelprobe mit einer Art Wattestäbchen bei uns. Wir gehören mit zu den ersten, die getestet werden, wegen meines Alters und der Innenkabine. Täglich erfolgen die Tests auch für die Gesunden durch die Test-Teams. Wir bekommen nie das Ergebnis mitgeteilt. Am 15. Februar kommt jedoch eine Dame an die Tür und übergibt uns je einen Fragebogen auf Englisch und Japanisch: Wollen wir an Bord bleiben oder in ein Studentenheim in der Präfektur Saítama (nordwestlich von Tokyo) umziehen? Zu weit, finden wir, nur Einzelzimmer, kein Fernsehen und vor allem kein Ausgang. Die letzten 3-4 Tage schaffen wir locker. Wir bleiben an Bord. Sakae will wissen, wie unser Testergebnis ist: Der Fragebogen bedeutet ein negatives Testergebnis. Seltsam. Wir umarmen uns, Sakae weint Tränen der Freude und Erleichterung.

Tatsächlich klopft es bei Infizierten an die Tür und sie müssen in einem bestimmten Zeitraum packen für den Umzug ins Krankenhaus. So erfahren sie, dass sie positiv getestet wurden. Seltsame Art der Mitteilung. Es gibt Dutzende von Ärzten, Krankenschwestern, anfangs auch Apotheker. Letztere halfen bei der Sortierung der Medikamente, keine leichte Aufgabe angesichts von Menschen aus über 50 Ländern und ungewohnten, teilweise in Japan nicht zugelassenen Medikamenten, etwa codeinhaltige, Ritalin oder ähnlichem.

Ich gebe Interview auf Interview, immer per Skype. Nur einmal tue ich dem dpa-Radiomann den Gefallen und öffne mein Handy für einen Anruf von ihm, das kostet mich ein paar Euro. Manchmal wird es wegen der Zeitverschiebung Mitternacht, einmal bin ich erst nach 1 Uhr nachts fertig. Sakae schläft dann schon. Ich mache die späten Interviews im Bad, vorher am Schminktisch mit Stativ. Zufällig hatte ich mir vom Bordguthaben einen Selfie-Stick mit eingebautem Stativ gekauft – eine sehr nützliche Investition, die mich letztlich nichts gekostet hat.

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Apropos Kosten: Die CEO von Princess Cruises, Jan Swartz, präsentiert ein Video im Bord-TV, ein gleichlautendes Schreiben kommt in den Kabinenbriefkasten: Full refund, alle Kosten, auch für Ausflüge und andere Ausgaben auf Null. Später lese ich bis zu einem „reasonable amount“ volle Kostenerstattung für diejenigen, die das ganze Paket mit Princess Cruises gebucht haben.

Bei den andern überlegt man, nach welchem Schlüssel erstattet werden soll. Wer in Saus und Braus gelebt hat, wird belohnt. Aber das ist uns egal, wir bleiben bei unserer Linie: Prinzipiell keine Ausflüge, es sei denn, sie bieten eine einmalige Gelegenheit, keine Getränkepakete, Trinkgeld, besser die Servicepauschale reduzieren auf 50%, den Rest zahlen wir in Bar an Kabinensteward und Bedienung im À-la-Carte-Restaurant am Abend. Was mich etwas stört, ist der 100% future cruise credit. Dieser Passus belohnt die Passagiere in den teuren Kabinen und berücksichtigt nicht, dass diejenigen in den Innenkabinen, wie wir, eine erheblich härtere Quarantänezeit haben als diejenigen in den Suiten und auch in den Balkonkabinen. In einem Schreiben an die Reederei schlage ich vor, den paar Hundert Bewohnern von Innenkabinen wenigstens ein Upgrade für die nächste Kreuzfahrt zu geben. Full refund und 100% future cruise credit sind gängige Praxis bei falsch gelaufenen Kreuzfahrten. Auch bei der „Westerdam“ wurde so verfahren. Dabei war es eine normale Kreuzfahrt, nur keine Häfen zwischen Hongkong und Sihanoukville in Kambodscha. Dieses Drama ist aber eine andere Geschichte.

Täglich werden bis zum Schluss hohe Zahlen an Infizierten gemeldet. Am Ende sind es 691 Personen inklusive Besatzung, davon einige schwer erkrankt. Am 19. Februar sterben die ersten beiden an der Infektion, beide über 80 und schon vorher krank, einige Tage später ein weiterer. Am selben Tag beginnt die Ausschiffung der ersten knapp 500 negativ getesteten Passagiere, zur Hälfte Japaner, zur Hälfte Ausländer. Sakae und ich hatten, wie erhofft, am Vorabend gegen 21.30 Uhr unsere Unterlagen in den Briefkasten bekommen. Seltsam, Sakae bekam Kofferanhänger mit Purple 4, ich Pink 3. Ich rufe noch beim Gästeservice an, aber niemand meldet sich um dese Zeit. Bis 7 Uhr müssen die Koffer vor der Kabinentür stehen, wie bei jeder Ausschiffung, aber zu anderer Zeit. Ausschiffung für Sakae 13:15 Uhr, für mich 13 Uhr. Am Morgen des 19. Februar rufe ich nochmals beim Gästeservice an. Eine Japanerin ist am Telefon, spricht gutes Englisch, aber ich möchte, dass Sakae mit ihr spricht.

Folgendes Szenario wurde ohne mein Wissen von Reederei und/oder japanischem Gesundheitsministerium geplant: Für Sakae als japanische Staatsbürgerin ist gar nichts geplant – es geht nur per Shuttlebus zum Bahnhof Yokohama und dann ist sie, wie alle Japaner, frei auf sich gestellt. Für mich hat man zwar das luxuriöse, aber von mir ungewünschte Keio Plaza Hotel für zwei Nächte in Shinjuku reserviert, bis zum Abflug mit der italienischen Chartermaschine (der italienischen Luftwaffe, wie sich herausstellt) am 21. Februar um 22 Uhr. Ich hatte jedoch der Botschaft von Beginn an mitgeteilt, dass wir im Anschluss an die Quarantäne eine Woche wie geplant in Tokyo verbringen wollten. Es ist Sakaes Heimatstadt, und ich recherchiere für eine neue Auflage meines Stadtführers Tokyo im Reise Know-how Verlag Peter Rump. Wir hatten die am 5. Februar stornierte Reservierung einen Tag vor unserer Ausschiffung erneuert, auf gut Glück allerdings. Ich sage zu Sakae: Ich komme ins Hotel, warte in der Lobby auf mich.

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Meine Gruppe besteht aus diversen Ausländern, hinter mir sitzt ein mexikanisches Ehepaar, vor mir links ein israelisches. Sie telefonieren laut und unüberhörbar. Jemand vom Princess Cruises Care Team sagt vor Abfahrt des Busses: Erstes Ziel Haneda Airport, dort Aussteigen und Umverteilung auf die reservierten Hotels. Einige Japaner fungieren als Betreuer und geleiten uns vom Bus in einen Wartebereich. Haneda ist viel näher am Hotel als Shinjuku. Ich sage sofort, dass ich nach Oimachi in unser gebuchtes Hotel zu meiner Frau will, ich spreche Japanisch. Nach einigem Zögern und Warten kommt das OK. Für unter 300 Yen fahre ich mit Keikyu zum Bahnhof Samezu und gehe zu Fuß ins Hotel an der Westseite des Bahnhofs Oimachi. Sehr witzig: Gerade als ich um 16 Uhr ins Hotel komme, steht Sakae an der Rezeption und checkt ein. Nachher erzählt sie mir freudestrahlend, dass sie nach dem Aussteigen in Yokohama jede Menge Interviews gegeben hat – in TV und Zeitung. Tatsächlich sieht sie sich kurz im Fernsehen, während ich in der Badewanne sitze. Am nächsten Morgen findet sie einen Artikel über sich selbst und mich im Yomiuri Shimbun. Sakae hat in ein, zwei Stunden fast nachgeholt, was ich im Verlauf der gesamten Quarantäne an Interviews gegeben habe. Dann bummelte sie noch, wenn sie schon in Yokohama war, ausgiebig durch das riesige Kaufhaus Sogo am Bahnhof.

Am nächsten Tag fahren wir nach Ueno, besuchen den Yushima Tenjin Schrein wegen des Pflaumenblütenfestes, danach den Kanda Myojin Schrein, wo es ein neues Gebäude mit Laden und Culture Experience für Ausländer gibt, schließlich noch das Origami Kaikan, Mekka der Origamifreunde, dann unsere Tokyo-Heimat der letzten Jahre, Yanaka und schließlich Asakusa, um selbst zu sehen, ob wirklich so viel weniger Touristen dorthin kommen (die Festland-Chinesen als größte Gruppe fallen schließlich erst einmal für längere Zeit weg). So haben wir uns den ersten Tag in Freiheit gewünscht und umgesetzt. Unsere deutschen Freunde von der Quarantäne flogen am 21. Februar nachts mit einer Maschine der italienischen Luftwaffe über Rom nach Berlin, wurden offenbar von Amtsärzten empfangen und von Rotkreuzhelfern zu ihren Unterkünften (Wohnung, Haus) gebracht und müssen nun noch einmal 14 Tage in Quarantäne. Aber immerhin sind sie zuhause, also heißt es: Hausarrest ertragen. Aber das steht in den deutschen Medien sicher ausführlicher.

Fazit: Durch die Quarantäne haben wir neue Freunde gewonnen. Es gab ein paar Bekannte vor der Quarantäne, aber durch die gemeinsame Zeit vertieften sich die Beziehungen, darunter zu Menschen, die wir erst durch unsere Telefonate während der Quarantäne überhaupt kennen lernten. Die Kontakte zu den Medien bleiben natürlich oberflächlich, dennoch haben einige das Potenzial zu mehr.

Federführend für die Durchführung der Quarantäne war die japanische Regierung, im Detail das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales. Japan war auf diese Situation nicht vorbereitet. Davor gab es ein Dutzend Infizierte: einige kamen mit einem der Charterflüge aus Wuhan infiziert zurück, ein Taxifahrer, ein Arzt, alles Einzelfälle, bei denen man akribisch den Ansteckungsweg verfolgte. Und dann mit einem Mal ein Schiff mit 3700 Menschen an Bord, dass wegen eines einzigen 80-jährigen Chinesen (s.o.) von einem Tag auf den anderen in Quarantäne gesetzt werden musste. Wären nicht die Hälfte der Passagiere oder mehr Japaner gewesen, man hätte das Schiff nicht in den Hafen von Yokohama gelassen, und dann wären es zwei Luxusdampfer, die einen Hafen zum Anlegen hätten suchen müssen. Fehler wurden gemacht – man wird daraus für später lernen. Auch das Kentern der Costa Concordia vor acht Jahren führte zu einem Umdenken, was Sicherheit betrifft.

© Martin Lutterjohann

Klimaschützer werden sich vielleicht die Hände reiben und denken: geschieht ihnen recht. Wurde auch Zeit, dass der Kreuzfahrtboom mal eine kräftige Delle bekommt. Ich finde die Kritik an Kreuzfahrtschiffen bis zu einem Punkt berechtigt. Auch wenn es teurer wird, sie müssen saubereren Treibstoff einsetzen und nicht den dreckigen Schiffsdiesel. Das ist klar. Aber noch macht der Kreuzfahrttourismus nur 2% des Schiffsverkehrs auf den Weltmeeren aus. Und wer braucht all die Konsumgüter, die vor allem aus China verschifft werden. Ich mache Kreuzfahrten nur, weil ich Sakae liebe und sie diese Reiseform am meisten liebt: Einmal aus-, am Ende einmal einpacken, dazwischen weit herumkommen. Aber natürlich bieten sie mir auch etwas: Sehr gutes Essen, und Orte, zu denen ich sonst nicht extra hinfahren würde. Hauptsächlicher Wermutstropfen: zu wenig Zeit für längere Unternehmungen. Aber manchmal bleibt ein Schiff auch über Nacht, dann gelingen auch Touren wie die auf den Piton des Neiges, dem höchsten Berg des Indischen Ozeans.

Text und Fotos: Martin Lutterjohann.