Des Dramas letzter Akt: Fortsetzung der Flucht - Der Dicke kehrt heim

© Christian Binder

Es ist Sonntag, 24.5.2020, Holzberg, Hitzendorf. Ich fahre unseren Dicken in die Garage. Beinahe 2,5 Monate Warten, Sorgen, Recherchieren, Bangen, Planen finden ihr Ende. Es ist geschafft. Alle und alles sind zu Hause – nicht ohne Wehmut, so sollte unsere Reise nicht zu Ende gehen – aber immerhin gesund.

Wir erinnern uns, es ist der 29.2.2020 und unsere coronabedingte Flucht aus dem Oman beginnt - praktisch von jetzt auf sofort. Durch Abu Dhabi, Saudi Arabien, Jordanien, Israel bis nach Griechenland rasen wir Richtung Norden. Zeit, um groß zu überlegen, bleibt nicht - das Ziel ist es, den Dicken nach Hause zu bringen. Dort, in Athen, ist am 15.3.2020 dann Schluss. Wir sind 2 Stunden zu spät. 2 Stunden vor Patras werden wir mit gültigem Ticket nicht mehr auf die Fähre gelassen.Begründung: Passagiere – sprich: Touristen – dürfen nicht mehr mit der Fähre nach Italien fahren. Nur mehr Fracht-LKW, die der dringenden und systemrelevanten Versorgung dienen, dürfen fahren. Wir sind gestrandet. Beinahe zeitgleich verkündet unser Herr Kurz ( Anmerkung: Österreichs Bundeskanzler) in unvergleichlicher und maßlos überzogener Dramatik, dass wir bald 100.000 Tote in Österreich haben werden und jeder jemanden kennen wird, der an Corona verstorben sein wird. Gleichzeitig kündigt er eine Suspendierung des Flugverkehrs nach Österreich an. Nachdem auch der Landweg mittlerweile gesperrt, ist bleibt uns nichts anderes übrig, als nach Athen zurück zu fahren, den LKW ziemlich ungeordnet in aller Hast auf einem Parkplatz am Flughafen abzustellen und mit dem tatsächlich letzten Flieger nach Wien zu fliegen.

Es folgen zwei Monate des Wartens und Beobachtens, Germanwings ist mittlerweile insolvent, Lauda Motion wird geschlossen, Wizzair bekommt keine Landerechte in Wien, ebenso Austrian Airlines stehen am Boden und auch hier spricht man von Konkurs. Keine Chance, über den Luftweg aus Österreich zurück nach Athen zu kommen. Ich überlege, mit einer Spedition auf dem Landweg nach Griechenland zu kommen – aber das ist zu kompliziert.

Trotz allem tun sich nun nach zwei Monaten mittlerweile kleine Fenster mit Möglichkeiten auf, ich recherchiere den Landweg von Griechenland zurück nach Österreich sowie den Seeweg nach Italien. Mein Plan ist es, in diesem sich momentan öffnenden Fenster unseren lieben Styros nach Hause zu bringen – niemand garantiert, dass sich diese Fenster nicht auch wieder schließen, wenn irgendwo neue Infektionen auftreten. Und was dann?

Es ist der 14.5.2020. Ab morgen, also an meinem Flugtag, soll die Quarantäne in Griechenland aufgehoben sein – auch die Fähren nach Italien sollen wieder verkehren. Von Österreich nach Griechenland zu kommen ist nach wie vor unmöglich, Wizzair von Budapest bietet aber jetzt zwei Flüge pro Woche an. Für Budapest brauche ich eine Sondergenehmigung der ungarischen Polizei. Es dauert eine Woche im Vorfeld, bis mir die österreichische Wirtschaftskammer in Ungarn eine beruflich bedingte Sondergenehmigung zur Durchreise nach Budapest ermöglicht. Vielen Dank an dieser Stelle!

Mit dem Zug fahre ich nach Wien, mit einem schrottreifen ungarischen Klein-LKW weiter nach Budapest. Ein Freund hat eine Fabrik in Ungarn und arrangiert für mich diesen Transport. Hotels in Budapest haben geschlossen, ich finde aber eine Backpacker-Herberge im Zentrum am Bahnhof wo ich für 5 Euro ein Bett in einem 10-Betten-Schlafsaal bekomme. Zu meinem Erstaunen ist die Unterkunft voll und ich übernachte mit zwei Albanern, einigen Asiaten und einem Ägypter nach anregenden Gesprächen über Schicksale und Zukunftsperspektiven für die Umstände sehr zivilisiert und gepflegt. Die Krise hat die Meisten um ihren Job und ihre Verdienstmöglichkeiten gebracht, sodass sie sich nun diese billige Bleibe gesucht haben, da sie genau so wie alle anderen festhängen und nicht weiterkommen.

Die Ankunft am Flughafen ist gespenstisch. Leere Hallen, wenig Beleuchtung, zwei Crews von Wizzair stehen für die nächsten beiden Flüge bereit. Einer davon ist meiner nach Athen. Und schon wieder überschlagen sich die Dinge. Die Botschaft in Athen ruft mich an, um mir mitzuteilen, dass die Quarantäne sowie die Suspendierung der Fährverbindung für mindestens zwei weitere Wochen, wenn nicht noch länger - auf unbestimmte Zeit - verlängert wird. Bravo! Es gibt kein Zurück – ich steige in den mittlerweile fast vollen Flieger und die Reise geht los. Mir werden zwei ca. briefmarkengroße Dinger – so in etwa wie Brieflose, nur kleiner – in die Hand gedrückt. Ich lese etwas von 70% und Alkohol und glaube zuerst dass es Gutscheine über 70 % zum Kauf von Spirituosen sind – weit gefehlt.

Nach genauer Betrachtung stelle ich fest dass es sich um Alkoholpads handelt wie sie bei Injektionen zur Desinfektion der Einstichstelle verwendet werden. Was mache ich damit – werde ich jetzt geimpft? Ich frage nach. Nein, nein, damit soll ich meine Hände desinfizieren. Also bitte schön, zwei Hände mit 2 ca. 2x2 Zentimeter großen Alkoholpads? Ich könnte mehr haben wenn ich möchte. Danke, nein, ich lehne ab – die spinnen doch alle.

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In Athen angekommen startet das volle Programm – es gibt kein Entrinnen. Zuerst werden wir eine Stunde im Flugzeug festgehalten, dann dürfen jeweils 15 Passagiere aussteigen und werden mit Polizeibegleitung zu einer Halle für einen Coronatest gebracht. Bis alle fertig sind, dauert es beinahe zwei Stunden und wir stehen – eng gedrängt (!!) und von Polizei umringt, bis wir mit mehreren Bussen nach Athen in ein Hotel gebracht werden. Das alles ohne jegliche Erklärung. Auf intensive Nachfrage wird mir dann doch mitgeteilt, dass ich bis zur Auswertung des Tests warten muss, inzwischen bin ich „Gast mit Vollpension" – das Essen wird mir in einem Plastiksack vor die Tür gestellt. Es würde jemand anklopfen, dann müsse ich 30 Sekunden warten, bis ich die Türe aufmachen darf. Aha!

Es folgen das, was sich Abendessen nennt, eine Nacht und das Frühstück – dann habe ich genug. Nachdem Warten so gar nicht meines ist – manche wissen das vielleicht schon – gehe ich selbstbewusst zur Rezeption, um nach den Fortschritten des Tests zu fragen. Ziemlich barsch werde ich vom Zivilschutz in mein Zimmer gescheucht aber es dauert dann nur 10 Minuten bis eine hilfreiche Seele, die Mitleid mit mir hat, vor meiner Tür steht und ich die Nachricht bekomme, dass der Test negativ sei – ich kann gehen. Es wird mir noch aufgetragen dass ich jetzt 14 Tage in Heimquarantäne gehen muss, ich erzähle etwas von LKW und Strand und außerdem und überhaupt. Ich habe das Gefühl, dass nicht ganz verstanden wurde, was ich möchte – egal – besser nicht zu viel fragen, ich packe meine Sachen und fahre mit der U Bahn zum Flughafen und bin nach 2 Stunden beim LKW. Da steht er – unversehrt - über und über staubig und sandig, es hat mittlerweile 38 Grad außen, 41 Grad drinnen, aber immerhin, ich bin da, wo ich hin wollte.

Einkaufen, Styros in Betrieb nehmen und ab an den Strand, um mich etwas zu orientieren. Die Botschaft macht mir keine Hoffnung auf eine baldige Ausreise und so bleibt nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nach wie vor dürfen nur LKW und keine Wohnmobile auf dem Seeweg ausreisen. Ich habe aber doch einen LKW – einen Versuch ist es wert. Ich kontaktiere die Reederei, schicke ihnen ein Foto von Styros sowie alle nötigen Dokumente, es geht hin und her, letztendlich meint die nette Dame am anderen Ende der Leitung, es wäre ok, dass sie mir ein Ticket verkauft – heute Abend um 23:00 Uhr wäre Platz auf der Fähre nach Venedig. Es ist 14:00 Uhr, ich bin ca 4–5 Fahrstunden von Patras entfernt – also los.

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Ich komme zeitgerecht an, kaufe das Ticket, fahre zum Checkpoint – dort ist schon wieder Schluss. Die Security lässt mich nicht durch, es kommt die Port Authority mit Polizei, es folgen Telefongespräche mit der Botschaft und dem Honorarkonsul in Patras – es nutzt nix. Der LKW ist ein Wohnmobil und damit darf ich nicht ausreisen. Basta! Die Logik dahinter will sich mir nicht erschließen, nur Transporteure dürfen fahren. Dass ich ein Ticket habe, niemand systemrelevanten einen Platz wegnehme, einen negativen Test vorweisen kann, interessiert alles nicht – es geht nicht. Ziemlich frustriert fahre ich um 23:00 Uhr aus dem Hafen, wie ein Hohn trötet die Anek Line aus allen Hörnern, als sie gerade vom Kai ablegt. Es dauert dann noch eine Stunde, bis ich etwas südlich einen Platz zum übernachten finde. Es braucht nun einen neuen Plan.

Am nächsten Morgen krieche ich ziemlich unmotiviert aus dem Bett, die Nacht war heiß und laut, der Standplatz erweist sich nun bei Tageslicht als ziemlich grausig, hier muss ich weg. Ich ziehe zu Fuß los, als ich bald eine geschlossene Taverne am Strand finde, es gibt einen grünen Garten, Wasser und genügend Platz. Außerdem steht da schon ein LKW, eine polnische Sattelzugmaschine. Der Wirt ist ein Albaner und ja, gerne kann ich meinen LKW hierher stellen und bleiben, solange ich möchte. Er darf sowieso nicht aufsperren, ich könne seine Toilette und Dusche verwenden – danke – brauche ich nicht – habe eh alles. Nur Wasser, ja gerne, kein Problem. Und als ich den polnischen LKW-Fahrer – Walter – kennenlerne, eröffnet sich mir auch die Lösung meines Problems. Walter ladet Melonen, gibt mir den Kontakt vom Früchtegroßhandel und meint, ich solle mir zwei Paletten Melonen kaufen, damit würde ich Transportpapiere bekommen und damit kann ich als Fracht-LKW fahren.

Einen Versuch ist es wert. Ich fahre mit dem Motorrad los und bin nach einer halben Stunde und 40 km bei der Firma Agrofrut in Lechena. Ich suche den Boss, der fragt mich „welche Sprache" – ich sage Englisch - der holt seine Tochter als Dolmetscherin (vielleicht hat er mehrere für mehrere Sprachen ( ich meine Töchter ...), ich erkläre mein Problem und sofort stoße ich auf eine Welle der Hilfsbereitschaft.

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Natürlich, man möchte mir helfen - gerne , die Umsatzsteueridentifikationsnummer eines Freundes in Graz muss her und nach einer Stunde bin ich Spediteur für griechische Früchte – ausgestattet mit allen erforderlichen Transportpapieren. CMR, Rechnung, Lieferschein, Bill of loading, Ursprungszeugnis. Die 2 Kisten mit Melonen und Orangen soll ich als Geschenk betrachten – vielen Dank. Wir verladen ca. 50 Kilogramm Obst auf das Motorrad und ich zittere mit deutlich zu hohem Schwerpunkt zurück zum  LKW. Obst abladen und um sicher zu gehen, fahre ich mit den Papieren wieder zum Hafen zur Reederei und zur Polizei. Man kennt mich schon, ist es das, was ihr braucht, frage ich? Mehr hat es nicht gebraucht.

Ca. 10 Leute laufen zusammen, es wird telefoniert und diskutiert und es ist wieder einmal deutlich zu sehen dass alle in dieser Coronasituation überfordert sind. Niemand traut sich, Zusagen zu machen, niemand will sich zu weit aus dem Fenster lehnen – es geht hin und her. Ich ziehe meinen letzten Trumpf. Ich habe die griechische Verordnung recherchiert, diese sagt nichts über die Menge aus, die ich transportieren muss. Ich muss lebensnotwendige und systemrelevante Güter transportieren, eine Menge ist in der Verordnung nicht definiert, egal ob 10 Tonnen oder nur 5 Melonen und eine Kiste Orangen ... Man prüft meinen Führerschein – ja, für LKW, es dauert dann noch ein Weilchen – ich bekomme das OK. Morgen 23:00 Uhr Patras – Venedig. Namen der handelnden Personen notieren, neues Ticket kaufen (das Geld für das erste Ticket bekam ich anstandslos zurück), zurück zum LKW – jetzt 2 kalte Bier. Morgen geht’s mit Styros nach Hause.

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Nach einer nun entspannten Nacht verlade ich mein Obst, packe zusammen und bin um 18:00 Uhr wieder im Hafen. Wieder ist man sich unsicher, man spürt die Absurdität dieser Ausnahmesituation direkt körperlich – es geht nichts weiter. Migranten und Illegale umstehen die LKWs, immer wieder scheucht die Polizei Menschen weg bzw. zieht Personen unter den LKW´s heraus die eine Überfahrt nach Italien und weiter ins gelobte Deutschland suchen. Ich sehe Szenen, wie die Polizei Menschen mit Autos quer durch das Hafengelände jagt. Sie fahren mit hoher Geschwindigkeit direkt auf Gruppen von Migranten zu – diese springen um ihr Leben. Neben Corona eine weitere Facette dieser verrückten Welt und man ist mit dieser Facette genau so überfordert wie mit Corona.

Ein deutscher Beamter des deutschen Grenzschutzes hat schon von mir gehört, bietet seine Hilfe an. Er kennt den Chef der Hafenbehörde, dieser kommt extra von zu Hause und plötzlich geht alles ganz leicht. Ich fülle Formulare aus, der LKW wird genauestens (auf Illegale) kontrolliert- sie erzählen mir, dass sie gestern jemanden aus dem heißen Motorraum eines LKW mit schweren Verbrennungen herausgezogen haben - es kommt der Drogenhund, danach wird der LKW auch noch gescannt. Fertig. Ich verabschiede mich, alle freuen sich, dass es klappt, wünschen mir alles Gute, ich darf aufs Schiff. Meine Rechnung ist aufgegangen. Ich war immer der Meinung, dass ich nach Griechenland zum LKW muss, hier vor Ort kann ich leichter eine Lösung finden als von zu Hause aus. Vielleicht hätte ich mir die Prozedur ersparen können, vielleicht geht in 3 oder 4 Wochen alles wieder leicht – aber man weiß es nicht. Ich wollte einfach das sich zaghaft öffnende Fenster nützen und unser Fahrzeug nach Hause bringen. Der für den 2. Juni gebuchte Flug von Freunden, die in derselben Situation sind, ist gerade wieder storniert worden.

© Christian Binder

Fazit:

Die gesamte Rückreise hat somit von Ende Februar bis fast Ende Mai gedauert – beinahe 3 Monate. 3 x Fähren reserviert – 3 x storniert. 2 x Flüge gebucht – 2 x storniert. Tatsächlich hat es ein Frachtschiff von Haifa nach Athen und die Fähre von Patras nach Venedig gebraucht. Weiters 2 Flüge Haifa-Athen, 2 Flüge Athen–Wien, 1 Flug Budapest-Athen. Visa für Saudi Arabien und Jordanien, ebenso Versicherungen. 5000km und Zeit und Nerven, viele Nerven. Und Geld. Alles zusammen ca. € 4500.- plus Diesel. Der war billig. Nun zu Hause ist der Tank immer noch 1/3 mit Diesel aus Saudi Arabien voll.

Dieser Virus hat alle verrückt gemacht. Man spürt bei manchen Beteiligten direkt körperlich die Angst, vor allem aber das Unvermögen, damit umzugehen. Das Ganze gepaart mit den unsinnigsten Verordnungen. Z.B. hat es geheißen, dass am Schiff Masken– sowie Handschuhpflicht sei. Ich habe nichts davon bei niemandem gesehen. Jeder Reisende muss seine eigene Kabine haben, ich residiere z.B. alleine in einer 4-Bett-Kabine. Vom Fahrzeugdeck zum Hauptdeck sind wir allerdings 9 !!! Personen im kleinen Lift gewesen. Die Stiege ist gesperrt. Warum? Das Treppenhaus wäre zu schmal – da kann der Mindestabstand nicht eingehalten werden! Frustrierend ist, dass Verordnungen ohne jeden Sinn gemacht werden. In Ungarn und Griechenland habe ich so gut wie niemanden mit Maske gesehen. Abgesehen davon, dass man ja so nicht weiß, ob es hilft. Was man aber schon weiß ist, dass sich unser Leben und im speziellen unser Reiseleben verändern wird. Ich wage nicht daran zu denken, wie unsere nächste Reise aussehen kann, ob es jemals wieder so wird wie zuvor. Man wird sehen – wir hoffen darauf. Der Pamir und die Seidenstraße stehen ja noch länger und warten auf uns.

© Christian Binder

Nachsatz am 5.6.2020: Der Flug unserer Freunde ist nun zum 3. Mal storniert worden und sie haben den 4. Flug gebucht und bezahlt. Das Fährfahrverbot wurde ebenso wieder verlängert. Meine Einreise nach Österreich war unkompliziert. Ich habe Quarantäne erwartet, da aus Italien kommend vorgeschrieben. Einzig wichtig war allerdings nur die Frage, ob ich mit unserem Dicken - immerhin 12,5 Tonnen schwer - am Sonntag fahren dürfe. Ja, darf ich - da Wohnmobil und als PKW typisiert. Fiebermessen war auch nicht - der Thermometer war kaputt ... alles gut. Hoch lebe Corona.