Durst am Donaudelta

Sulina. Eines unserer Reiseziele haben wir erreicht: Flusskilometer Null, hier mündet ganz unspektakulär ein Arm der mächtigen Donau ins Schwarze Meer. Das Städtchen Sulina ist hübsch anzusehen, von überschaubarer Größe und es lässt erahnen, dass es eine wichtige internationale Seehandelsstadt war. Davon zeugen diesseits des Flusses die einst prächtige Uferpromenade und jenseits die Reste einer Hafenanlage mit rostenden Schiffsleibern. Schmucklose sozialistische Bauten, vernagelte Fenster und bröckelnder Glanz; auch hier wird die Misere Rumäniens der letzten Jahrzehnte sichtbar. Es wundert uns, dass es vereinzelt Autos gibt, denn keine Straße führt hierhin, alle Güter kommen ausschließlich per Schiff. Obwohl Ferienzeit ist, sind wir fast die einzigen Gäste in einem der Restaurants. Es ist eine laue Nacht und wir beschließen, am Strand zu schlafen. Dort finden wir einen Kiosk, dessen Besitzer wir noch ein paar Flaschen Bier und Wasser abnötigen. Es sei der letzte Tag seiner Saison dort am Schwarzmeerstrand, teilt er uns mit. Wir kaufen das letzte Bier des Sommers am östlichsten Büdchen Rumäniens. Der nächste Morgen verheißt uns einen warmen Tag. Wir wollen nicht den Sulinaarm entlang zurückreisen, sondern beschließen uns nach Süden zu wenden. Sfântu Gheorghe heißt das Städtchen, das am gleichnamigen Donauarm liegt. Die angesprochenen Bewohner Sulinas finden unser Vorhaben tapfer, man nennt Entfernungen zwischen 25 und 50 Kilometern, die die beiden Orte trennen. Wir haben eine detaillierte Landkarte dabei und schlagen alle Bedenken ob der Wegstrecke in den Wind. Vorschnell.

Der Strand, schier endlos lang und komplett ohne Badeurlauber, lädt zum Tippeln ein. Zu Beginn laufen wir sogar barfuß und erfreuen uns unserer Spuren. Es geht zwar langsamer vorwärts als sonst, doch der feuchte Sand an den Füßen vermittelt uns ein ganzheitliches Wandergefühl. Noch zittern schlanke weiße Wolken über einen strahlend blauen Himmel, eine stete Brise vom Meer erfrischt uns. Auf den ersten Kilometern des Weges fallen uns nahe der Militärstraße, die fast schnurgerade beide Küstenstädte verbindet, eigentümliche Bauwerke auf, klotzig aus Beton gebaut, beiderseits parallel zum Meer beiderseits mit Rampen versehen. Ihre Bestimmung erschließt sich uns nicht. Irgendwo am Strand sehe ich den ersten Delfin meines Lebens, tot und aufgedunsen liegt er da. Traurig, dass mir kein lebendes Exemplar begegnet.

Nach einer Stunde haben wir das Schleppen der Schuhe auf dem Gepäck satt und ziehen sie wieder an. Wir werden unsere Kräfte noch brauchen – und sie werden vielleicht nicht ausreichen, um das Tagesziel zu erreichen. Wir haben zu wenig Wasser dabei und seit diesem Tag weiß ich, was es heißt, Durst zu haben. Gegen Mittag schlägt das Wetter um, es wird drückend, heiß und schwül, jeder Kilometer wird zu einem Kraftakt. Wir setzen unseren Weg auf der Straße fort. Aus dem beschwingten, lustvollen Strand-Tippeln ist eine Qual geworden. Es ist, als gingen wir durch zähen Nebel. Wir haben keine Vorstellung von der Länge der zurückgelegten oder noch vor uns liegenden Strecke. Irgendwann kommt das Auto des Tages, doch leider fährt es in die falsche Richtung. Obwohl erst Nachmittag, ist es schon finster; stundenlang dräuen dunkelgraue Gewitterwolken am Himmel und entlassen doch keinen kühlenden Regen. 

Auf der Landkarte ist auf etwas mehr als der halben Strecke ein allein gelegenes Haus eingezeichnet. Mein dehydrierter Geist wünscht, hofft, erwartet, dass es sich dabei um nichts anderes als ein Café am Strand handelt -  im Niemandsland im Donaudelta. Und natürlich wird diese Vorstellung Lügen gestraft, als wir es nach Stunden endlich passieren: ein verlassenes Gebäude, gelegen auf einer leichten Anhöhe, ohne intakte Scheiben in den Fensterrahmen und erkennbaren Nutzen. Welch irrationale Enttäuschung. Ich halluziniere inzwischen, tagträume von großen, beschlagenen Gläsern mit Sprudelwasser, mein Mund ist trocken und dennoch muss ich wieder und wieder ausspucken. Wir haben eine Flasche Wein bei uns. Sie zu öffnen, haben wir immer weiter hinausgezögert, doch irgendwann machen wir uns darüber her, saufen den Wein gierig direkt aus der Flasche und leeren sie, ohne dass uns die Wirkung des Alkohols nennenswert beeinträchtigt. Dieser aberwitzige Durst: Wir befinden uns in einem der gewässerreichsten Gebiete Europas.

Der Kanal verläuft seit einigen Kilometern neben der Straße – oder der Schotterpiste, oder wie man es auch nennen mag – entlang. Schon dunkelt es; am Ende des Weges sehen wir für eine gefühlte Ewigkeit die winzigen Lichter des Städtchens, doch keiner unserer Schritte scheint uns dem Ziel näherzubringen. Einmal hören wir Menschen auf einem nahen Boot sprechen, wir rufen, doch zu spät: Unsere Rufe gehen im Gedröhn des Außenborders unter. Verzweifelt geben wir auf und pinnen das Zelt an den Wegesrand. Ich schöpfe Wasser aus dem Kanal, gut, dass wir dieses Kochtöpfchen gefunden haben. Auf der anderen Seite des Weges ein Gehölz, wir wollen das Wasser abkochen, doch trennt uns ein unüberwindbarer Zaun. Wir sammeln getrocknete Kuhfladen ein, sie eignen sich auch vorzüglich zum Feuer machen. Die letzten Minuten fordern unsere Geduld heraus: Es dauert so unglaublich lange, bis das Wasser kocht – und bis es wieder so weit abgekühlt ist, dass es Trinktemperatur hat. Wir sind so dehydriert, dass unser normales, rationales Denken pausiert. Kaum haben wir uns über den Inhalt des Wassertopfes hergemacht, öffnet der Himmel seine Schleusen und überzieht das Land endlich mit dem lang erhofften Gewitter. Doch leider sind wir nicht geistesgegenwärtig genug, den Topf unter die Kante der Zeltplane zu stellen und damit das frische, kühle Wasser aufzufangen. Wir liegen nur da, hören das Rauschen des Regens und das Grollen des Donners und lassen uns in unserer Erschöpfung nicht durch das Aufleuchten der Blitze stören.

Am nächsten Morgen, in der Kühle des Tages und nach dem reinigenden Gewitter, brauchen wir nur wenig mehr als eine halbe Stunde, um unser Ziel Sfântu Gheorghe zu erreichen.

Text: Katrin Reni Kappenstein; Toni Käferstein

Fotos: M. Kaupat & J. Remus, Autoren unseres Reiseführers Rumänien