Mit dem Fahrrad ganz dicht dran

© Sarah Appelt

Von Menschen, Gewürzen und Tee im indischen Kerala

Es ist früh am Morgen und die Temperaturen noch angenehm kühl. An den Blättern der grünen Teepflanzen hängen die letzten Tautropfen. Zügig und mit kräftigen Pedaltritten bewältigen wir auf der noch leeren Straße den ersten sanften Anstieg. Rechts und links erstrecken sich vor unseren Augen saftig grüne Berghänge - Tee soweit das Auge reicht. Immer wieder halten wir an, immer wieder finden wir noch schönere Fotomotive vor dem Hintergrund der schönen Monokulturlandschaft.

© Sarah Appelt

Bei all den Anstiegen geht es hin und wieder auch einmal bergab. Dann lassen wir unsere Räder einfach rollen, wohl wissend welche Anstrengungen heute noch auf uns zukommen werden.

Tatsächlich ist die Sonne nun schon deutlich kräftiger und wir kommen ins Schwitzen, während wir den letzten großen Anstieg nehmen. Rechts von uns geht es steil bergab und wir haben eine herrliche Aussicht auf den unter uns liegenden Stausee, umgeben von kleinen Siedlungen und Urwald. Wir verlassen die saftig grünen Teehänge und rollen auf stark abschüssiger Straße hinab in die Kardamonplantagen. Bevor wir sie sehen, riechen wir den aromatischen Duft der grünen Kapseln. Dann sind wir mittendrin und entdecken neben dem Kardamon, auch Zimt-, Kakao- und Nelkenbäume. Wir erspähen Vanilleschoten und Pfeffer und erfreuen uns an den kleinen Ananaspflanzen, die sich wie Kakteen aus der Erde erheben.

© Sarah Appelt

Wir befinden uns, im wahrsten Sinne des Wortes, dort, wo der Pfeffer wächst. Mitten in den Gewürzwäldern Keralas, dem südlichsten Staat Indiens.

Zeit für ein spätes Frühstück. Aus dem schattigen Gewürzwald kommend, erreichen wir das erste kleine Städtchen. Zwar gibt es hier nur eine einzige Straße, die mitten durch den Ort führt, doch es herrscht genug Betriebsamkeit, um die Geschwindigkeit besser etwas zu drosseln und die Finger fest an den Bremsen zu haben. Wir werden von Mopeds überholt, knatternde Motorrikschas kommen uns entgegen, Kühe kreuzen die Straße. Eine Gruppe von Frauen unterhält sich schnatternd am Straßenrand, während sie darauf wartet, am üppig beladenen Gemüsestand, ihre Einkäufe zu tätigen. Ein älterer Herr sitzt auf einer wackligen Bank vor einem kleinen Holzhäuschen mit Welldach. Das bunte Treiben beobachtend, schlürft er genüsslich seinen Chai.

© Sarah Appelt

Auf dieses Häuschen steuern wir zu und stellen unsere Fahrräder ab. Etwas neugierig und sehr hungrig betreten wir das Restaurant. Speisekarten gibt es hier nicht und als der Wirt bemerkt, dass wir kein Malayalam verstehen (die Sprache in Kerala), nimmt er uns kurzerhand mit in die Küche und zeigt auf die verschiedensten Currys, Gemüse und Saucen und lässt uns probieren.

© Sarah Appelt

Alles schmeckt sehr gut. Das Kichererbsen-Curry ist mein Favorit. Dazu lasse ich mir zwei frische Paotha geben- leckeres in der Pfanne gebackenes, mehrlagiges flaches Brot. Hm. Lecker, aber sehr scharf! Meine Zunge brennt. Schnell bestelle ich noch etwas Jogurt zur Neutralisation. Die Männer neben uns auf den Bänken schmunzeln über meine kleine Schärfe-Attacke. 

Ich freue mich darüber, dass ich mein herzhaftes Frühstück gut mit meinen Händen und ohne Besteck (!) so elegant verspeist bekomme und bestelle mir gleich noch einmal nach. Dieses Mal nehme ich Manyok. Was wir in Deutschland nur als Tierfutter kennen, wird hier zu einem richtigen leckeren Gericht mit gebratenen Senfsamen und Curryblättern. Dann gibt es würzigen Tee zum Nachspülen. Der Tee wird in einem kleinen Metallbecher und einer leeren Schale serviert. Schwungvoll gieße ich den Tee im hohen Bogen zwischen Becher und Schale hin und her. So wird er nicht nur schaumiger, sondern kühlt auch schneller ab. Ich schmecke die Gewürze heraus, durch die wir noch vor wenigen Minuten gefahren sind.

© Sarah Appelt

Gut gestärkt und sehr motiviert schwingen wir uns wieder auf unsere Fahrräder, um die restlichen 80 km der heutigen Tagesetappe zu meisten.

Sarah Appelt 

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