Heike Nickel mit Charlotte — Endspurt

© Heike Nickel

Endspurt

„So, was muss ich jetzt noch machen? Den vorderen Bremszug austauschen, die Tachohalterung anbauen, und noch mehr US-Dollar besorgen.“ 

Ja, es geht wieder los.

Nach zehn Monaten Pause in Deutschland. 

Eine schöne Zeit, die nun vorbei ist. Ein Kapitel, dass abgeschlossen ist, weil jetzt ein neues anfängt.

Ich fand Arbeit in einem Fahrradladen, die mir Spass machte, ich wurde Mitglied in einem Fitnesscenter mit einer wunderbaren Sauna und einem tollen Kursangebot, ich verbrachte viel Zeit mit meinem Opa, der mittlerweile 92 Jahre alt ist. Ich rechnete nicht damit, ihn tatsächlich noch einmal wiedersehen zu können als ich mich damals von ihm verabschiedete.

  © Heike Nickel

Ich wohnte auf einem wunderschönen Campingplatz am Mittellandkanal in einem 69DM-Zelt, hatte dort fliessendes Wasser, zwar kalt aber trinkbar, besaß eine Capucchino-Maschine und einen Milchaufschäumer, hatte nicht nur einen Benzinkocher sondern auch einen Gaskartuschen-Kocher. Der pure Luxus (wahrscheinlich nur aus meiner Sicht). Und eine große Wiese ganz für mich alleine.

Morgens schien die Sonne ins Zelt oder der Nebel erhob sich aus dem Kanal. Jeder Morgen begann mit dem Öffnen des Zeltes und der Spannung, wie es draussen aussehen würde. Ich rettete mir mein wunderbares Zeltleben von unterwegs in den deutschen Alltag hinüber. Ich spürte die Hitze, die Kälte, hörte den Wind und den Regen, roch das feuchte Gras oder die Dieselabgase der vorbeifahrenden Schiffe. Die Ameisen hielten mein Innenzelt fuer ihr Zuhause, bis ich mir eine hermetisch abriegelbare Essenskiste besorgte, anstatt das Essen lose im Innenzelt zu horten. Danach hatte ich Ruhe.

Mitte Oktober wurde es endlich etwas kühler. Bei drei Grad über null, saß ich vor dem Zelt und habe gefrühstückt, eingemummelt in Daunenjacke und Schafwollsocken. Mütze auf. 

Es war toll. 

Und da merke ich: Diese Reise hat mich verändert: Eine unstillbare Sehnsucht, draussen sein zu wollen, ja fast zu müssen und damit einhergehend, mich in kleinen Wohnungen hinter ihren kleinen Fenstern tatsächlich nicht lange wohlfühlen zu koennen, hat mich fest im Griff. 

Und habe ich mich sonst irgendwie verändert? 

Ja, ich bin zuversichtlicher geworden und bin einfach zufrieden und glücklich mit meinem Leben. 

Und am Nikolaustag geht es wieder los. Der Job ist gekündigt, das Zelt abgebaut, die Impfungen habe ich hinter mir, der Flug ist gebucht, die Auslandskrankenversicherung abgeschlossen. Charlotte sieht aus wie neu mit ihrer neuen Lackierung, neuer Gabel, neuem Sattel und noch einigen anderen neuen Sachen. Ein paar Dinge sind alt geblieben. Die Felgen, die Rohloffnabe, die Kurbel und der Gepäckträger hinten. Auch meine geliebten gestrickten Pinguin, gefüllt mit Kamelhaar, welche ich in Turkmenistan geschenkt bekam, hängen noch am alten Lenker. 

Ich werde ein leichteres Zelt mit nehmen, eine bessere Kamera, kuschelige Merinoklamotten, ???-Hörspiele auf dem Rechner und eine neue Lenkervase am Fahrrad.

Es geht los. 

Von Ushuaia, Argentinien, nach Tuktoyaktuk in Kanada. knappe 30.000 km, kreuz und quer über die Anden, zum Salar de Uyuni, dem grössten Salzsee der Erde, nach La Rinconada, der höchstgelegenden Stadt der Welt. durch die wunderschönen Nationalparks der USA, auf dem Dempsterhighway nach Inuvik und dann noch die 150 km nach Tuktoyaktuk.

Buena Suerte

BACK TO THE ROAD — Heike Nickel mit Charlotte