Luisa & Kai in Armenien

Armenien – Ein Land zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Armenien war für uns vor der Reise ein kleiner, recht unbekannter Fleck auf der Landkarte. Doch das ursprüngliche, kleine Land im Kaukasus hält uns länger fest, als wir ursprünglich dachten. Kurz nach der Einreise über Georgien werden wir mit noch gewöhnungsbedürftigeren Straßenverhältnissen im Land konfrontiert als in den Ländern zuvor. Bagger versuchen die Straßen vor Erdrutschen zu befreien, Baustellen sind vollkommen ungesichert und man kommt vorwiegend in Schrittgeschwindigkeit mühselig voran. Es gibt Stellen, die kaum passierbar sind, und wir fragen uns häufig, ob wir von den Hauptstraßen abgekommen sind – sind wir aber nicht, es dauert nur alles eben länger. Doch irgendwie kommt man auch in Armenien immer am gewünschten Zielort an, Zeit spielt hier eben noch weniger eine Rolle. Wir erklimmen das Kloster Haghpat, welches über einer kleinen traurigen Stadt thront. Alte Industrieanlagen rosten, Plattenbauten verfallen. Ähnlich düster wirkt leider auch das Städtchen unterhalb des Klosters Sanahin. Wir sind die einzigen Besucher der Anlagen, verlieren uns in den zahlreichen Hallen, Gewölben, verzierten Mauern und Grabsteinen. Die Räume haben etwas Mystisches. Die Zeit scheint hier seit Jahrhunderten stehen geblieben zu sein.

Es geht weiter südwärts. Wir essen geräucherten Fisch am Sewansee, dem größten See des Landes. Wir stehen irgendwo im nirgendwo und trotzdem begegnen wir oft Hirten mit ihren Herden, die unsere Wege kreuzen und uns zum Esel reiten einladen.Zur Vollmondnacht übernachten wir oberhalb einer alten Karawanserei auf einem Pass mit wunderbarem Panoramablick über den kleinen Kaukasus. Morgens weckt uns eine Rinderherde, die an der nahgelegenen Tränke eine Pause einlegt. Einem aggressiven Bullen gefällt wohl unsere Anwesenheit nicht. Leider lässt er sich weder beruhigen noch vertreiben und markiert an unserem Bus mit seinen Hörnern im Blech sein Revier. Alle anderen Rinder grasen friedlich weiter – vom Hirten ist weit und breit keine Spur. Wir entschließen das Frühstücken zu verschieben und etwas weiterzufahren.

Weiter, immer weiter ostwärts geht es. Karge Berglandschaften ziehen an uns vorbei. Wir klettern mit dem Bus die Berge hoch und runter und bewegen uns auf dem Großteil der Strecken im Land zwischen 1000 und 2000 Metern ü.NN. Dennoch ist es zu dieser Jahreszeit heiß am Tag und teilweise ist es schwierig, mittags ein schattiges Plätzchen zu finden. Auf den Hauptverkehrsstraßen wechseln sich Schlaglöcher mit Bodenwellen ab. Man kommt nicht weit. Nach 150 km am Tag reicht uns in der Regel die holperige Fahrerei. Wir passieren einige Kleinstädte, die offensichtlich einmal bessere Zeiten gesehen haben. Auf dem Land scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, die Spuren der Sowjetunion sind hier recht präsent.Im Osten Armeniens beeindruckt uns die Worotan-Schlucht mit dem über dem Tal thronenden Kloster Tatev. Wir passieren Goris und besichtigen das Höhlendorf Klundoresk kurz vor der Republik Karabach – einem Land, das es eigentlich gar nicht gibt. Auf einer Anhöhe blicken wir gen Osten in die Ebene – die iranische Grenze liegt verlockend nahe. Wir haben den östlichsten Punkt auf unserer Reise erreicht.

Nun geht wieder westwärts. Am Kloster Chor Virap erahnen wir den im Dunst verschwindenden heiligen Berg der Armenier, den Ararat, hinter der Grenze auf türkischem Territorium. Ort und Situation kommen uns grotesk vor. Wir ziehen weiter.In Yerewan sind die Spuren der Sowjetunion noch am deutlichsten sichtbar: Plattenbausiedlungen sieht man an jeder Ecke und auch Taxis und Busse russischer Bauart strahlen heute noch sozialistischen Charme aus. Überall spricht man uns wie selbstverständlich auf Russisch an. Im Genozidmuseum erhalten wir zum Abschluss unserer Zeit in Armenien einen Einblick in die traurige Geschichte des Landes, bevor wir uns über Georgien auf den Weg in die Türkei begeben. Ein Mahnmal erinnert an den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs unter Verantwortung der türkischen Regierung des Osmanischen Reichs.

Völkermord, Krieg um Berg-Karabach – das sind Themen, die man mit Armenien verbindet. Doch inzwischen macht das kleine kaukasische Land auch als Reiseziel Schlagzeilen. Der Tourismus wird in Armenien gerade entdeckt, die jüngeren Einheimischen fangen langsam an, Englisch zu lernen, und die ersten Gästehäuser eröffnen. Dennoch sind es die sowjetischen Spuren, die unseren Eindruck des Landes prägen. Auf uns wirkt es, als wurde Armenien, neben seinem sehr beliebten Nachbarland Georgien, vergessen. So ist in Georgien der europäische und westliche Einfluss deutlich spürbarer.

Im Land begegnen wir freundlichen, zurückhaltenden, aber neugierigen Einwohnern und erleben karge Berglandschaften mit beeindruckenden Klöstern. Die Familie besitzt hier einen hohen Stellenwert und alte Menschen werden geschätzt.Allerdings dämpfte das Rollenbild von Mann und Frau unsere Lust am Reisen schon in den Ländern zuvor, in Armenien jedoch am stärksten. Es wirkt, trotz unserer Akzeptanz kultureller Unterschiede, als befremdlich und unangenehm, dass hier Luisas Wort nicht denselben Stellenwert hat wie Kais. Vor allem in Anwesenheit unserer beider Personen wird fast ausschließlich Kai suchend angesprochen, obwohl er teils mit Körper und Geist völlig woanders ist.

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