Piotr: Alpenüberquerung | Tag 20

Unser Reise-Gefährte Piotr ist mit seinem Rad Shui unterwegs von Wien nach Palermo über die Alpen: 61 Tage – 3500 Kilometer – 1 Mann – 1 Fahrrad.

Tag 20 – von Malé bis Grenoble

Jaaa, ich bin jetzt in Fhrankrhreisch unterwegs – gestern in Grenoble eingeradelt. Schon seit Jahren wollte ich mal hierher. Jetzt ist es soweit:

»Ist der Schüler bereit, trifft er seinen Lehrer ... oder den Ort.« :)

Wie es dazu kam...

Von Malé, meinem letzten Bericht, rollte ich über den Pass Tonale (1883m), mit einer Übernachtung an einem schönen Fleck, hin zum Comersee. Den kannte ich bereits von meinem MTB-Guiding – zumindest einen Teil des Gebiets. Deswegen wollte ich den Rest noch erkunden. Anfangs war es vom Norden kommend entlang der Westküste echt schön und angenehm zu fahren, doch dann fühlte sich die Fahrt auf einmal an, als wäre ich auf einer Autobahn unterwegs. Soooo viel Verkehr. Ich war froh als ich am nächsten Tag mit der Fähre nach Varenna und von dort mit dem Zug nach Mailand fahren konnte. Einen halben Tag verbrachte ich in Mailand radfahrend, beobachtend und interessiert. Welch eine Modestadt. So viele schicke Leute unterwegs. Für die kommende Nacht hatte ich eine Verabredung mit dem Radfahrer Rocco in Lecco. Auch er ist bei Warmshowers. So fuhr ich am Nachmittag wieder mit dem Zug zurück zum Comersee und verbrachte eine interessant-lustige Zeit mit ihm.

Am nächsten Tag, wieder mit sehr viel Verkehr, ging es zuerst von Lecco nach Como, von dort nach Varese und schließlich ins ruhige Laveno und von dort mit der Fähre nach Verbania am Maggiore See. Ach, wie viel schöner der See ist, zum Teil richtig tropisch und stark bewachsen. Einst das Domizil wichtiger, berühmter Persönlichkeiten zu Winter- und Sommerzeit.

Für mich ging es der Westküste entlang rauf nach Cannobio und dann wunderschönst durch die Berge nach Domodossola. Über den Simplon Pass ging es im heftigen Regen, drei Grad über Null, in die Schweiz. Oben auf der Passhöhe fühlte ich mich komplett ausgekühlt und durchnässt. Wenn nicht vom Regen, dann vom Schweiß. Ach wie froh war ich, als es in Brig 18 Grad mehr hatte und die Sonne schien.

Von Brig, wieder aufgewärmt und voller Energie, radelte ich nach Sierre. Dort warteten Nicolas und Valleria auf mich. Beide sind Gastgeber bei Warmshowers. Mit Aussicht auf die hohen Berge, Kaminfeuer, lokalem Wein, Raclette-Käse und anderen Spezialiäten, verwöhnten sie mich bei meinem Aufenthalt.

Mein ursprünglicher Plan war es, von Wien nach Nizza über die höchsten Pässe zu radeln, doch das Wetter spielte leider nicht mit. Ich entschied ich mich, die großen Alpenpässe dieser Reise doch nicht zu wagen. Entweder ist der Herbst/Winter zu früh oder ich zu spät. Alles hat seinen Grund. So fühlt es sich gut an, wenn ich Richtung Genf weiterfahre und die Alpen sozusagen von aussen umradle und erkunde.

Und ich staune mal wieder bzw. bin voll verblüfft, dass das, was auf der Karte gemalt ist, auch so real ist. Denn auf einmal war da der riesige Genfer See. Das Leben ist so spannend, man muss nur um's Eck schauen.

Ich übernachtete direkt am See, noch auf französischer Seite. Ein kleiner Fleck am Ufer schenkte mir genug Platz um mein Zelt aufzustellen. Ach, welch eine wunderbare Nacht.

Nach Müsli, Tee und Morgenpflege für Shui und mich, ging es entlang des Sees weiter nach Genf und folgend nach Frankreich. Diesmal so richtig Frankreich. Ich sagte zu Shui, »Jetzt fahren wir durch Frankreich mein Lieber.« :)

Voller Neugierde rollten wir gen Süden zur romantischen Stadt Annecy. Bei richtig richtig richtigem Regenschauer kam ich an. Sooo gerne hätte ich mir die Stadt angeschaut. Aber leider machte es echt keinen Spaß in diesem Moment. Ich entschied mich, eine Unterkunft zu nehmen und hoffte darauf, dass das Wetter wieder besser werden würde, damit ich das beleuchtete-romantische Flair einfangen kann. Leider noch immer starker Regen.

Eine Nacht später, nicht ganz trocken, aber doch gut zum Aushalten, erkundete ich die Stadt. Sooo lieb und verwinkelt und viele kleine Brücken. Zum Genuss lockte der frisch aufgebaute Markt mit Gemüse, Obst, Wurst- und Käsewaren, Gebäck, Honig und Marmeladen. Ich stattete mich mit Avocados, Tomaten und Vollkornbrot aus und radelte den See von Annecy entlang, bis ich in das »Bauges-Massiv« einbog und es angenehm bergauf ging.

Eine wunderbare Fahrt durch einsame Straßen, kleine Dörfchen, zig Kuhherden, Ausblicke auf die Alpen und das Massiv. Dann, als es wieder hinab ging, kam ich im Savoier Land an – Weinreben links und rechts von mir. Ach, die ganzen Namen, die klingen so schön und edel, und richtig französisch. Erst jetzt ergibt alles einen Sinn, sag ich zu mir. All die Lebensmittel und anderen Produkte von denen ich jahrelang gehört und auch einige probiert habe...

Trotz des mittlerweile regnerischen Wetters, fühlte ich mich positiv, glücklich und zufrieden. Ich fuhr den Fluss Isere entlang und kam am Nachmittag, mit 121 km in den Beinen, in Grenoble an. Keine Wolken mehr, purer Sonnenschein, angenehme Größe einer Stadt, viele Radfahrer, hübsche Gebäude, viiiiele Berge rundherum und mein Gastgeber Jean, der mich mit französischen Köstlichkeiten erwartete. Herrlich! Echt echt schön hier zu sein.

Derzeitiger Stand:

  • 20 Tage unterwegs (1 Tag Pause in Malé)
  • 1773 Kilometer
  • 19873 Höhenmeter

 

Herzlichst,

Piotr

 

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