Piotr: Alpenüberquerung | Tag 41

© Piotr Nogal

Unser Reise-Gefährte Piotr ist mit seinem Rad Shui unterwegs von Wien nach Palermo über die Alpen: 61 Tage – 3500 Kilometer – 1 Mann – 1 Fahrrad.

Tag 41 – von Nizza bis Siena

Dieses Mal überflute ich euch mit Sonnenschein, Wärme, Meeresrauschen, Wein- und Olivenplantagen, toskanischer Wildnis und selbstverständlich aaaaatemberaubenden Wegen zwischen Nizza und Siena.

Früh morgens, noch vor dem Sonnenaufgang fuhr ich in Nizza los. Die Ruhe, die Frische und kaum Verkehr machten die Fahrt im Dunkeln zu etwas Besonderem. Im Rhythmus mit dem Herzschlag, den man schön »hören« konnte, ging es die steilen Passagen entlang des Meeres hinauf. Bergab etwas schneller mit Aussicht auf die Beleuchtung von den Nachbarstädten und letztendlich Monaco.

Als hätten sich viele AutofahrerInnen den Wecker auf die gleiche Uhrzeit gestellt, gab es urplötzlich jede Menge Verkehr – sowohl nach als auch von Monaco kommend. Dies hatte zur Folge, dass es sich an der Grenze zur Stadt staute. Ich rollte durch die Blechlawine hindurch und fragte mich, ob das wohl jeden Tag so ist, und wenn ja, warum die Leute nicht doch auf das Rad steigen?!

So, hier, das Schild »Monaco«. »Okaaay?!? Jetzt bin ich wohl da.« Und gleich im Anschluss der Impuls: »Nichts wie weg von hier.« Tunnel, Brücken, Beton, Autos, Lärm, Ein-und Ausfahrten, paar Bäumchen und Palmen und Blumen, alles in Bewegung, nur die Mehrfamilien-Häuser bzw. Wohnblöcke stehen still, wirken müde, ja, unlebendig. Ich sagte zu mir: »Wie kann man hier leben?!? Nur um Steuern zu sparen? Welchen Verlust macht man auf Kosten der Lebensqualität?« Oder denke ich falsch? Ich bin sehr froh dort gewesen zu sein und bedauere es nicht, aus Monaco fort zu sein.

© Piotr Nogal

Ich bin voller Glück und radle weiter hinaus, entlang des Meeres, mit frischer Brise in der Nase, Sonnenschein im Gesicht und hübscher Natur um mich herum. In Menton ging es über die Grenze nach Italien. Rückblickend hat mich Frankreich sehr positiv überrascht. Ich hatte eine wunderbare Zeit dort. Freundlich-höfliche Menschen, gutes Essen, hübsche Wege und vor allem die Abwechslung der Natur. Frankreichs Natur kann ich nur mit OH-MEIN-GOTT! oder WOW! oder HAMMER! oder MEGA! beschreiben.

Aber gut, jetzt war ich wieder in Italien. Das dritte Mal auf dieser Tour passierte ich die italiensche Grenze. Diesmal wusste ich, sollte es ein bissi länger dauern bis ich sie wieder überquere. Alora – weiter – Meer, Sonnenschein, Wärme und wenig los. Herrlich! Temperaturen bis zu 26 Grad brachten mich dazu, mein Shirt auszuziehen und mit vollem Genuss und einem Lächeln im Gesicht dahin zu rollen. Vor allem zwischen Sanremo und San Lorenzo. Dort nämlich wurde die alte Bahnstrecke zu einer Rad-Bahn umgebaut (www.pistaciclabile.com). Knapp 20 Kilometer autofrei, mit verschiedensten Blumen-Düften, Meerblick und Harmonie. Yeah!

So ging es eigentlch die gesamte Strecke bis ca. 20 km vor Genua dahin. Alte englische Villen, Strände, Promenaden, Restaurants, Kaffeehäuser usw. – Ort für Ort ähnlich und doch anders. Im Reiseführer Ligurien sind die Orte gut beschrieben und man kann so richtig nachvollziehen, wie die gesamte Region entstanden ist bzw. wie sie davor war. Aus kleinen Fischerorten wurden Ferienorte mit Stil.

© Piotr Nogal

Genuas Altstadt ist sehr hübsch und verwinkelt - aber auch wie in Monaco wieder vieeeeel Verkehr. Die Jugendherberge liegt knapp 200 Höhenmeter und 6 Kilometer weiter oben als der Stadtkern. Na Servus! Aaaaber, der Ausblick ist überwältigend. Die engen Gassen hochzuradeln war spannend und trotz der Anstrengung doch auch schön. Hat mir gefallen.

Ich blieb für eine Nacht und fuhr dann wieder raus. Raus aus der Stadt, rein in die Natur. In die Wildnis von Ligurien. Über malerisch-kleine Wege hinauf und hinunter durch dschungelartiges Gewächs mit Aussichten auf das Meer, das jedes Mal anders schön schien. Schwitzend, eh schon oben ohne, gings mit Steigungen bis zu 18 Prozent hinauf. Ich sammelte täglich Höhenmeter vergleichbar wie in den Alpen! Aber keinen dieser Meter möchte ich missen. Soooo schön! Lebendig! Spürbar! Ach ...

Nach der Erkundung des unbeschreibbar-schönen-Cinque-Terre-Nationalparks schlug ich mein Lager nahe zum Wald auf und wurde mit einer Kulisse beschenkt, die ich nur selten erfahre. Wildschweine! Kaum wurde es dunkel, ein Knaxen hier, ein Knaxen dort, grunsend und atmend. Wie ich so etwas mag. MHMMM! Pur. Ich begrüßte all meine Mitbewohner für die heutige Nacht. Eichhörnchen, Wildschweinchen, Vögelchen, Ameisen, Spinnen ... Das ist Leben, Mann! Im Einklang mit der Natur.

© Piotr Nogal

Die Nacht war laut, aber so gut, dass ich sie noch immer nachfühlen kann.

Am kommenden Morgen verabschiedete ich mich von Ligurien und begrüßte die Toskana. Als Willkommensgruß gleich mal steile Berge mit knackigen Anstiegen bei Sonnenschein, Vogelstimmen usw.

Das Gebiet Garfagnana, welches ich jetzt durchfuhr, war ein TRAUM! Bunt, einsam, wild, mittelalterlich. Bei meiner Mittagspause, mit frischem Ricotta aus der Käserei und Vollkornbrot aus der Bäckerei, sammelte ich in nur ein paar Minuten über zwei Kilo an dicken Maronis. Auf dem Markt kosten diese zwischen fünf und sieben Euro das Kilo. Überall ist Erntezeit. Oliven und Trauben werden fleißig geerntet. In einer Ölmühle bekomme ich eine kurze Führung über das flüssige Gold.

Alles hat ein Anfang und ein Ende. Vom Samen bis zur Frucht. Seit ich aus Wien losgefahren bin, bin ich nur in der Erntezeit unterwegs. In Österreich waren es Äpfel, Birnen, Zwetschken und Aprikosen. Sowie auch im Etschtal. Dann später in Frankreich die Maronis und alles andere an Obst und Gemüse. Naja und jetzt hier die Oliven und der Chianti Classico.

Seit Wochen spüre ich soooo ein intensives Leben in mir und es führt so weit, dass ich hin und wieder mal zu Shui sag, »Man, es ist so geil hier und jetzt!« :D, verstärkt mit einem kurzen Heber des Lenkers und ich lächle vor mir hin.

Ich bedanke mich für all das, was dazu beiträgt, dass ich hier sein kann. Shui rollt ohne zu meckern. Mein Körper ist fit wie noch nie. Rennrad-Fahrer haben es sichtlich schwer vor mir zu bleiben oder staunen nicht schlecht, wenn ich sie BERGAUF überhole!! OHNE WITZ! :) Für mich ein Beweis des Trainings, der Ernährung und des Erhörens der Körpersignale. OH MAN, DAS LEBEN KANN SOOOO SCHÖN und GUUUT SEIN!

© Piotr Nogal

Je nach Topographie und Dauer bzw. Länge der Strecke verbrenne ich am Tag zwischen 4000 und 7000 kcal. Das ist der Vorteil beim Radreisen: Essen ohne Gewichtzunahme. Der Nachteil hingegen: Man ist stets hungrig. Erst seit dem Himalaya und der extremen Radfahrerei dort, ist mir bewusst geworden: Was du dem Körper gibst, bekommst du auch zurück. Meine größte Sorge vor dieser Tour war, nur Weißbrot bzw. Auszugsmehle zu bekommen. Doch ein starkes Umdenken ist hier im Gange. Ich habe bis jetzt überall ein Vollkornbrot kaufen können, teils sogar mit Sauerteig. Vollkorn-Lebensmittel wie Nudeln, Reis oder Quinoa erhält man fast überall. Wenn nicht das, dann mit Sicherheit Kartoffeln als wertvoller Energie- und Mineralien-Lieferant. Untertags versorgt mit Früchten wie Datteln, Feigen, Aprikosen, Khakis, Äpfeln und Nüssen. Viel Fallobst entlang der Straßen bereichert mein Müsli am Morgen und fördert die Leistung meines Körper und Geistes.

Ich schwebe bzw. schweife ab, merke ich, wenn ich das jetzt so schreibe. Es ist mir so wichtig geworden im Einklang mit der Natur, sprich mit dem Körper zu sein. Fast schon meine eigene Philosophie. Es tut so unbeschreiblich gut, dass ich lächeln muss.

Nach dem Garfagnana entschied ich mich vorerst die Berge des Nordens zu verlassen und gen Süden zu radeln. Die Wärme hat schon was...

Ich kam in Pistoia an. Früh morgens, der Markt wurde gerade erst aufgebaut. Es roch nach Petersilie und anderen Kräutern. Die Geräusche des Abladens von Kisten wurden begleitet von Verkäufer-Gequatsche, ein paar wenigen Vogelstimmen und dem Klang der Kirchenglocke. Ich kaufte Khakis, Paprika, Tomaten, Vollkornbrot und ein Croissant mit Ricotta-Füllung. Der Tag konnte eigentlich nicht mehr getoppt werden :)

Fast!

Denn dann kam ich in das Chianti-Classico-Gebiet und genoss die hügelige Welt der Toskana mit den farbigen Weinanbau-Teppichen und Zypressen. Welch ein Farbenspiel. Mit der Wärme kamen aber auch die Zecken. Ich vergaß! Gleich drei nahmen mit mir vorlieb und gleich alle drei zog ich samt Kopf heraus.

Als Antibiotikum, gab es am Abend eine ganze Knolle Knoblauch, Spinat und Quinoa mit Zwiebel für die Energie und Erdnüsse zum Abrunden des Ganzen. All das unter dem Dach eines älteren Anwesens. Meine Freiluftküche. Sogar mit Stuhl und Tisch. Die Besitzer sagten sofort, »natürlich« dürfe ich hier übernachten, als ich sie mit meinem Sprachführer fragte, ob ich mein Zelt aufstellen dürfte. Sie schienen sichtlich erfreut darüber, »Gastgeber« zu sein.

Weiter ging es nach Siena für zwei Tage Ruhe. Eine vorhersehbare Schlechtwetterfront lud mich zum Verweilen in das Hostel ein, bevor ich in Richtung Nationalpark Gargano in Apulien weiterradel und es wieder heißt... »back to the road« oder »back to life« ;)

 

Derzeitiger Stand:

  • 41 Tage (1+1+4+1+2 Tage Pause)
  • 3077 Kilometer
  • 39186 Höhenmeter

 

Herzlichst, vital und neugierig,

Piotr

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