Piotr: Alpenüberquerung | Tag 51

Unser Reise-Gefährte Piotr ist mit seinem Rad Shui unterwegs von Wien nach Palermo über die Alpen: 61 Tage – 3500 Kilometer – 1 Mann – 1 Fahrrad.

Tag 51 – von Siena bis Neapel

Ich fahre dem Sommer entgegen – zumindest kommt es mir so vor –  spürbar von Tag zu Tag. Manchmal, wenn ich um ein gigantisches Eck eines Berges komme, strömt  mir herrlich-warme Luft entgegen und das Thermometer an meinem Tacho zeigt steigende Temperaturen an.

In Siena, meinem letzten Aufenthaltsort, hatte ich eine beeindruckende Zeit. Welch eine hübsche Stadt mit einer überwältigenden Architektur. So eine Art: »Must have seen before you die« :) Wirklich verlockend zum Dasitzen, Staunen und Hineinversetzen in die Geschichte am »Piazza del Campo«.

Zwei Nächte verbrachte ich in einem angenehmen Hostel. Von dort ging es weiter, zunächst Richtung Süden durch die wahre Toskana mit einsamen Hügeln, kargen Feldern und wenigen Bäumen. Dennoch, an Höhenmetern hat es nicht gefehlt. Wie schon die Tage vor Siena sammelte ich bis zu 1700 hm am Tag und das bei nur knapp 80 km Strecke. Aaaaaber, schee wars! Und das Beste: Es fühlte sich an, als wäre ich der einzige Mensch weit und breit – kaum befahren das Land. Seltsam, die Weite und Leere und urplötzlich wieder ein kleines Dörfchen mit schicken Bauten. Die Reiseführer beschreiben diese Orte (z.B. Buonconvento, Pienza uvm.) echt gut. Durch das Val d’Orcia (Orciatal), welches zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ging es weiter, rauf und wieder runter. Die Ausblicke waren malerisch – so wie ich die Toskana von irgendwelchen Fotos oder Malereien im Kopf hatte. In der Ferne ein paar vereinzelte Bäumchen, Bauernhöfe, einsame Häuschen und rundherum nur Felder mit aufgearbeitem Boden aus dichter Lehm-Erde. Ein besonderes Schauspiel!

Die Temperaturen waren gut drauf :). Schweißtropfen, glänzende Haut und nasse Kleidung. Bei meiner Ernährung achte ich ab jetzt auch auf genug gutes Salz. Wasser bekomme ich in fast jeder Ortschaft aus den Brunnen. Entweder im Zentrum, an Spielplätzen oder irgendwo entlang der Hauptstraße. Und wenn nicht dort, dann fragt man einfach jemanden und wird herzlichst bedient.

Unterwegs traf ich Claudia aus Kampanien. Mit ihren jungen 22 Jahren wanderte sie direkt nach ihrem Studien-Abschluss vier Tage durch die Pampa und freute sich nur noch aufs Ankommen in Siena. Wir unterhielten uns für eine Weile, eher wir getrennte Wege gingen und ich mein Zelt mal wieder zwischen Olivenbäumen aufstellte.

Meine Route ging immer noch gen Süden. Aber vorerst wurde es nicht flacher. Ich hatte mir als letztes Schmankerl der Toskana den höchsten Berg ausgesucht: den Monte Amiata, mit seinen 1738 m Höhe, auf dem im Winter Ski-Betrieb herrscht. Ich fuhr nicht komplett hinauf, sondern nur bis zur Ortschaft Abbiada San Salvatore. Die Ausblicke! Die Wälder! Die FARBEN! Die Vogelgesänge! Mhmmmm. Sooo gut. Dann, als es wieder bergab ging, entschied ich mich zu einem Abstecher nach Sorano. Na Servus! Welch ein Anblick! Ich staunte, war überwältigt von dieser Architektur. Eine Stadt auf Felsen gebaut. Steil bergab bzw. bergauf ging es. Dort, im Ort selber, herrschte Halloween. Kleine Gespenster, Spiderman´s, Mumien, usw. liefen herum und fragten noch Süßigkeiten. Liab! :)

Ich radelte an einem kleinen Konzert vorbei als ich durch Lautsprecher irgendetwas auf Italienisch gefragt wurde ... Ich antwortete mit dem Satz, den ich fest eingemeißelt habe: »Io non parlo bene I´ítaliano.« (Ich spreche nicht gut Italienisch). Darauf folgte auf Englisch, »Wo kommst du her?«. »Aus Wien-Österreich«. Die gesamte Ortgemeinde mit verwunderten Blicken auf mich schauend: »Mit dem Fahrrad??????« Und ich: »Ja :)« Und der Sprecher: »DU BIST VERRÜCKT!« Und alle lachten. »Wohin fährst du?«, »Nach Sizilien.« »Mit dem Fahrrad nach Sizilien??????? DU BIST VERRÜCKT!« Und ich antwortete: »Danke!« :) Es hallte richtig in der kleinen hübschen Stadt. Denn alle lachten, lächelten und staunten über Shui und mich. Wir verabschiedeten uns. Ein paar hundert Meter weiter hielt ich an, um meinen Wasservorrat für die Nacht und den kommenden Tag aufzufüllen. Dort sprach mich der Ladenbesitzer Nicola an und stellte mir die gleichen Fragen. Erstaunt ludt er mich auf frisches Brot mit ganz frischem, leuchtend grünem Olivenöl ein. MNIIAAAM! BOAH! Er machte zwei Fotos, um mich dann auf Facebook zu verlinken.

Ich radelte weiter, bog auf eine Wiese ab und baute mein Zelt auf. Zu Essen gab es Quinoa, Karotten, Zwiebeln, Knoblauch, Salz und Olivenöl. Dazu wie fast jeden Abend, eine Pfanne mit Maronis. Am Morgen aß ich Müsli mit Früchten und Nüssen sowie schwarzen Tee. Morgenpflege für Shui und mich, Zelt abbauen, Gepäcktaschen packen, aufspannen und weiter ging es nach Pitigliano. PHUUUU! OH MANN! GRANDIIIIOOOS! Soooo schön. Nicht in Worte zu fassen. Deswegen gehts weiter ... :)

Zwischen Siena und letzter Nacht entschied ich die anvisierte Zwischenstation, den Gargano National Park in Apulien, doch nicht anzufahren. Nach langwieriger Studie des Kartenmaterials würde es »zu viel« werden. So entschied ich mich, die Richtung Süden beizubehalten. Jedoch wollte ich unbedingt Rom meiden und durch die Anfänge der Berge der Abruzzen fahren.

Je weiter südlich ich komme, desto offener, wärmer und interessierter werden die Menschen. Ein gutes Gefühl, sich nicht als Fremder zu fühlen! Geborgenheit, Menschlichkeit, Grenzenlosigkeit – wie zu Hause :) »Home is, where you heart is« – right?

Mit immer mehr zurückgelegten Kilometern kam ich in die Region Latium und es wurde alt! Es gibt hier Dörfchen, die die ältesten Europas sein sollen. Die Architektur – sehenswert, doch mich interessiert am aller-aller-aller-meisten der Weg, das Unterwegssein, das Leben und der Kontakt zu den Einheimischen.

Ich beobachtete zunächst von außen, wie in einer kleinen Garage Oliven gereinigt bzw. die Blätter aus der Olivenernte entfernt wurden. Kurz darauf stand ich in der Garage und dokumentierte den Arbeitsprozess mit Fotos und Video. Stellte die einfachsten Fragen und war mitten drin statt nur dabei. Einen Liter des frischgepressten Öls konnte man direkt dort für sechs bis acht Euro erwerben.

Weiter in Latium und den Bergen erlebte ich einsame Wege und ein ruhiges Leben. An zwei Zeltplätzen aber, eine Geräuschkulisse, ULTRA LAUT. Warum?!? Eine Nacht verbrachte ich - es ergab sich nicht anders - direkt neben vier Gleisen. Alle Viertelstunde düsten italienische ICE´s mit zischendem Tempo vorbei. Ich schmunzelte und dachte nur, »welch ein verrückter Platz zum Campen«. Aber gut, so sollte es wohl sein und ich machte das Beste draus – ich bewunderte die Technik.

Am zweiten Platz zum Nächtigen waren auch wieder Gleise, doch nur zwei. Dafür waren diese nur geschätzte drei Meter von mir entfernt und es rollte ein Bummelzug darauf. Auch der fuhr häufig. Jede dreißig Minuten. Hin und Her. Ich schmunzelte im Zelt, als der Boden bebte und das Zelt bissi flatterte. Ab neun Uhr abends wurde es schließlich ruhiger und ab fünf Uhr wurde der Boden wieder gelockert. Ach, sooooo bunt ist das Leben. :) Was sich wohl die Passagiere in dem Zug dachten? Denn schließlich war der bebende Zug ja sehr langsam und es gab ein recht langes Zeitfenster um mich, Shui und mein Zelt zu beobachten.

Zusammengepackt und weiter ging es. Kurz hinein nach Tivoli und dann weiter durch die schöne Gegend Richtung Fiuggi, dem größten Thermenort Italiens. Die einzige Erholung bzw. Stärkung, die ich mir dort holte, war Gemüse für das Abendessen. Danach rollte ich noch ein bisschen und zeltete schließlich in der Nähe des sehr sehenswerten Sees Lago di Canterno. Eine weitere, schon unzählbare Nacht, die ich mit dem Besuch von Wildschweinen verbringe. Besonders war der Morgen mit dem Blick auf den Nebel über dem See!

Dann war der Tag gekommen: Ich verließ vorerst die Berge und fuhr lange abwärts ins Tal bzw. ans Meer nach Sperlonga. Es schien, als wäre man plötzlich an der Küste Griechenlands, die weißen Häuschen schauten auf das Meer hinaus. Und dort ... Campen. Klar, am Strand. Eigentlich mag ich Sand nicht so besonders. Ich fand ein kleines Stück Grün und stellte mein Zelt auf, ehe mich die Stechmücken aussaugten. Ich wunderte mich eh ein bisschen über so ein hübsches Grün am Strand auf einem Podest ... aber gut. Das gekochte Essen konnte ich nur im Moskitonetz meines Zeltes genießen. Nach der Abendpflege überlegte ich noch, ob ich überhaupt das Außenzelt darüber spannen sollte. Schließlich war kein Regen in Sicht. Wie dem auch sei, ich tat es trotzdem. Sobald die Sonne untergegangen ist, studiere ich meist noch etwas die Karten und Reiseführer und schlafe dann gegen acht Uhr ein.

Gegen Mitternacht, PLÖTZLICH REGEN! Komischer Regen, schrittweise... Klar, eine Wassersprinkler-Anlage mit ganz viel Wasser. Oh Nein! Im verschlafenen Zustand mache ich nur das Zelt komplett zu, lege mich wieder hin, fange an zu schmunzeln und sage zu Shui »NA SERVUS!« :)

Nach genau einer halben Stunde war der »Regen« vorbei. Ich machte das Zelt wieder auf, denn mit 18 Grad war es mir doch zu warm geworden.

Eine Stunde später: REGEN. Diesmal von der anderen Seite. SUPER! Gleiche Prozedur – Zelt zumachen, hinlegen, schmunzeln. Ich schlief dann bis zum Morgen durch, genoss mein Frühstück, packte das komplett nasse Zelt auf die Gepäcktaschen und fuhr wieder los.

Mit »high-speed« bewegte ich mich auf Neapel zu. Während der Fahrt wurde ich zweimal von interessierten Einheimischen angehalten und ausgefragt. Ein anderer Radfahrer tat dies sogar während der Fahrt.

In Neapel verbrachte ich eine interessant-nette Zeit in einem angenehmen Hostel. Ich traf Radfahrer aus der »Warmshowers-Gemeinschaft«, mit denen ich eine schöne Zeit hatte, Pizza, Eis und Kaffee genießen konnte.

Und nun geht es weiter Richtung Süden, durch Kampanien nach Kalabrien. Freue mich schon sehr.

Derzeitiger Stand:

  • 51 Tage (1+1+4+1+2+2 Tage Pause)
  • 3744 Kilometer
  • 47323 Höhenmeter

Herzlichst, lebendig und satt,

Piotr

mehr über Piotr lesen