Piotr: Alpenüberquerung | Tag 61

Unser Reise-Gefährte Piotr ist mit seinem Rad Shui unterwegs von Wien nach Palermo über die Alpen: 61 Tage – 3500 Kilometer – 1 Mann – 1 Fahrrad.

Tag 61 – von Neapel bis Tropea

 

Nach dem reichhaltigen Frühstück im Hostel in Napoli, packte ich all meinen Kramsch zusammen, verabschiedete mich von allen anderen aus der ganzen Welt und rollte los. Ach, wie ich solch einen Verkehr mag. Chaotisch aber doch funktionierend, sodass ich mich sicher fühle. Es fährt eigentlich jeder wie er mag, aber gleichzeitig passt irgendwie jeder auf den anderen auf und dadurch läufts meist gut. Nur die Qualität der Straßen und die groben Pflaster-Steine sind gefährlich.

Als ich mich in Napoli mit Marco von Warmshowers traf und wir spazieren waren, fragte er mich wie mir Napoli gefiele und ich antwortete: Es kommt mir ein bisschen vor wie in Indien. Er lächelte und meinte, dass sagten ihm ALLE, die bereits in Indien waren. Und tatsächlich – dieser Verkehr... Und sonst auch von der Umgebung... Es ist schon schmutzig und es liegt viel Müll herum. Abends ist es sehr dunkel, da die Stadt nicht besonders gut beleuchtet ist. Aber genau das macht eben den Charme aus. Ich fühlte mich pudelwohl. Dies ist die erste Großstadt seit Wien, die mir so richtig richtig gut gefällt!

Nur das Radfahren und das Geholpere...mhm...

Ich fuhr also raus aus Napoli – aber so wirklich aus dem Stadtverkehr heraus kam ich nicht. Knappe 50 Kilometer ging es eigentlich durch einen »Häusertunnel« Richtung Salerno. Ampeln, ein-und ausparkende Autos, Fußgänger, Schlaglöcher, fiese Pflastersteine, Lärm und Abgase. All das ist überhaupt nicht das meine, aber irgendwie gings gerade nicht anders, denn so war meine geplante Route. Ich schaute immer wieder links durch die Häuser auf den Vulkan Vesuv und konnte es nicht erwarten endlich mal wieder raus aus dem Getümmel zu sein. Sehr gefreut habe ich mich, als ich einen offenen Grill mit gaaaanz viel Rauch am Straßenrand sah und zur Kostprobe eingeladen wurde. Ich hatte plötzlich das Gefühl weit im Osten Europas oder mitten in Zentralasien zu sein. Der Geruch, die Schlichtheit des Grills und die Freundlichkeit des Ehepaares, zusätzlich die Kostprobe »eine gegrillte Artischocke« – ich war wie weggebeamt. Ich fühlte mich hervorragend!

Dann, NACH Salerno, war es so weit: kaum Verkehr, einsame Straßen, wärmende Sonne und rechts von mir nur Sand und Meer.

Ich machte Pause mit Brot und Gemüse, schlief eine kurze Weile und fuhr weiter bis kurz vor Paestum. Dort schlug ich mein Lager am Strand auf, jedoch diesmal auf einem Betonpodest an einem geschlossenem Strandcampingplatz. Der Besitzer, kam dann bissi später, stellte sich vor und fragte mich interessiert auf Deutsch aus. Ich war somit offiziell von ihm eingeladen. Es war eine wunderbare Nacht mit Sternen und Wassermusik. Das Beste: Beton muss nicht bewässert werden, weshalb mir der spontane nächtliche »Regenschauer« erspart blieb (letzter Bericht).

Von Paestum ging es dann endlich wieder in die Berge. Ich freute mich schon sehr darauf, denn ich wusste, dass es dort wilder, unberührter und noch ruhiger werden würde. Außerdem sollte es hier in den Bergen sogar noch Wölfe geben. Und in meinem Reiseführer steht geschrieben, dass die Menschen hier besonders nett sein sollen.

Also los, bergauf, Meter für Meter in den Cilento-Nationalpark. Die Aussichten wurden spektakulär und es wirkte auf mich so, als sei ich ganz wo anders, aber sicher nicht in Italien. Kaum mehr Verkehr und wenn Autos vorbeikamen, dann waren es freundliche Fahrer, die mich mit einem »Ciao«, »Salve« oder einem kurzen Anhupen grüßten. Echt schee!

Ich baute mein Zelt mal wieder malerisch zwischen Olivenbäumen auf und bekam ein Naturphänomen zu sehen, welches einfach nicht in Worte zu fassen ist: Hunderte kleine Vögelchen flogen in einem Schwarm. Ganz schnell, uuur wendig, und kreierten so ein Licht- und Schatten-Spiel, dass einen einfach zum Staunen bringt. Es war schon auch sehr laut, aber genau das verstärkt das Ganze. BOAH. MEGA!

Am nächsten Tag ging es über einen hübschen Pass (1026m) nach Teggiano. Auf dem Weg dorthin fesselte mich immer wieder das Wolken/Nebel-Spektakel und Berge, die wie aus dem Nichts erschienen. Auf Almen grasten etliche Kühe, deren Glocken ihre eigene Musik spielten und so dem Ganzen ein besonderes Flair schenkten. Oh Mann, das war echt so herrlich! Ich beobachtete nach einer Weile einen Alm-Auftrieb. Die Rinder waren so schön. Majestätisch! Die Hörner lang, groß, mehrfarbig, spitzig. Die riesigen Glocken um ihre Hälser bimmelten lautstark. Ich hatte Gänsehaut...

Die Regionen Italiens, Kampanien, Basilikata und Kalabrien nenne ich für mich eine Achterbahn nur ohne Loopings. Es ging tatsächlich ständig rauf und runter. Ich sammelte jeden Tag knapp 1500 hm.

Am Weg durch das Örtchen Teggiano sprachen mich gleich mehrere nette Menschen an. Ein älterer herzlicher Herr, der am Straßenrand sein Gemüse anbot, wollte fotografiert werden. Ich liebe solche Momente. Er verkaufte mit Leidenschaft und all seine Lebensmittel waren von ihm eigenes an-und abgebaut! Hier hat auch das Gemüse Herz!

Nach dem netten Herrn, ging es weiter. Bergauf natürlich. Ich schwitzte aus jeder Pore, war durchnässt aber froh hier zu sein. Ich fühlte mich großartig. In Montesano füllte ich meine Wasserflaschen am Brunnen auf und bestellte daraufhin einen Kaffee. Und schon wurde ich gefragt: Woher, wohin, wie lange...? Es endete damit, dass ich hinter der Theke stand und am Computer meine Route von Wien aus zeigte. Der Café-Besitzer und die paar wenigen Gästen standen gebannt um mich herum. Das sind echt so scheene Momente. Durch den Dialog kommt man zusammen.

Bergab und wieder … :) gings auf Panorama Straßen mit weiten Ausblicken so dahin. Eine Nacht verbrachte ich in einer kleinen offenen Garage. Von dort aus, radelte ich am nächsten Tag durch ein Wald-Meer. So dicht, so bunt und so stark belebt mit Vögeln. Die Sonne blitzelte hindurch und Autos fuhren so gut wie gar keine. In Latronico kaufe ich für mein Mittag- und Abendessen ein. Vollkornbrot bekam ich wie üblich aus der Bäckerei. Im Obst-und Gemüse Laden von Egidio wurde mir meine ausgewählte Sammlung mit den Worten »Das ist ein Geschenk aus der Region.« übergeben. Khakis, Feigen, Bananen, Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln. Egidio war es eine Freude über seine Früchte zu sprechen. In gebrochenem Englisch, aber mit ganzer Leidenschaft. Ich war überwältigt und bis zu meinen Haarspitzen glücklich. Nicht, weil ich nichts bezahlen musste, sondern über die Geste, die Menschlichkeit, die Freude am Teilen, Leidenschaft und über den Dialog.

Ein paar tausend Höhenmeter weiter kam ich im Pollino-Nationalpark an. Es ging weiterhin auf fast autofreien, aussichtsreichen Straßen. Es war so schön still. Meinen Herzschlag, den Soundtrack meines Lebens, hörte ich immer wieder. Die Faszination Leben. Bei jedem Herzschlag, Herzklappe auf und Herzklappe zu. Millionen Blutkörperchen hinein und wieder heraus. Muskel Anspannung. Muskel Entspannung. So viele Prozesse gleichzeitig. Unglaublich Spannend. Und das allerschönste – man ist ein Teil davon :).

Raus aus dem Nationalpark fuhr ich von über 1000 hm auf etwas über 100 hm herab. In Castrovillari angekommen, kaufte ich ein, quatschte ein bisschen und fuhr weiter durch mal wieder komplett andere Landschaft. Es ergab sich eine gute Möglichkeit, mal die Haare zu waschen. Die Kraft der Sonne und des Fahrtwindes taten den Rest.

Kurz vor Acri, kurz vor dem Sila-Nationalpark, übernachtete ich auf einem netten Fleckchen mit fast 360° Aussicht. Hier gönnte ich Shui eine ordentliche Pflege. Ein neues Schaltseil und die Bremsbeläge habe ich bisschen anders platziert, damit die Felgen gleichmäßig abgebremst werden. Dann noch Luftdruck überprüft bzw. anpasst, Kette umgedreht und letztendlich den gesamten Antrieb gereinigt und geölt. Am nächsten Tag, Leute, welch ein Genuss des Radfahrens! Jeder Gang sitzt, die Bremsen greifen kräftig, die Kette surrt, die Reifen rollen fast ohne Widerstand. MEGA!

Mit diesen unbeschreiblich guten Gefühlen ging es lange lange bergauf in den Sila-Nationalpark, dem Zuhause der Apenninenwölfe. Ich zitiere aus dem Reiseführer: »Von hohen Wäldern und Seen bedeckt, wirkt die ausgedehnte Hochebene wie ein Stück Skandinavien im Mezzogiorno. Das grüne Herz Kalabriens…« So fühlte es sich auch an. Dichte Wälder mit zum Teil riesigen Kiefern. Die Umgebung wirkte niemals-endend-riesig. Ich war voll bei mir, genoss die Ruhe, das Radfahren, den Herzschlag, das Atmen, die Farben und war ausgesprochen überwältigt vom Ganzen. Am See Arvo stellte ich unterhalb einer geschlossenen Bar mein Moskitonetz-Zelt auf. Kühle Temperaturen untertags auf knapp 1500m Höhe und noch kühlere am Morgen. Frostig wars beim losradeln waren es nur noch 4,5° C. Die Gräser und Sträucher im Schatten der Morgensonne noch vereist, glänzten und funkelten in voller Pracht wie Kristalle.

Ich freute mich über die Abwechslung. So konnte ich mal wieder all meine Kleidung anziehen, die ich so mitschleppe. Doch dies dauerte dann nicht all zu lange, denn dann gings lange lange bergab, zurück in die Wärme, zurück zu den Olivenhainen. Angeblich kommt aus Kalabrien das beste Olivenöl. Vielleicht wegen der anhaltenden milden Temperaturen bis hin in den November?! Jedenfalls kam ich an Bäumen vorbei, die bereits 350 bis 400 Jahre alt sind und noch immer enorme Ernte geben. Nicht besonders hoch sind sie, dafür die Stämme immens breit (geschätzt bis zu 1,5m).

Dann, hatte mich die Wärme wieder. Herrlich! Kurze Hose, Shirt, Sonnenbrille. Yeah! Klasse. Auch die Einheimischen im kurzen Gewand. Es ist ein schönes Bild des momentanen Lebens, welches mich zum Schmunzeln und fast Ekstase bringt. Zusammengestückelt aus einzelnen Fragmenten: Wenn dich ein Opa auf einem Mofa im T-Shirt und blauen Cappy überholt und grüßt oder die Eidechsen noch blitzschnell die Straßen überqueren, die Gerüche der Luft kunterbunt variieren, die Kakteen ihre Früchte tragen. Wenn du dich bereits seit Wochen von Lebensmitteln ernährst und nicht von Produkten, seit Tagen ohne einen Gramm raffinierten Zucker in Topform fährst, der Herzschlag beweist dass du LEBST. Wenn die Blumen gedeihen und Bienen umhersummen, Menschen sich auf der Straße grüßen und (dir) Lächeln schenken, das Trinkwasser aus Brunnen entspringt. Wenn du merkst, dass du alles das, was du zum unterwegs sein brauchst, an deinem Rad hast und du mit all deinen geschenkten Sinnen in FRIEDEN radelst. Das Gesamtbild stimmt. Und irgendwie dreht sich alles. Eben wie ein Rad. It´s all about cycling.

Das Meer war bereits zu sehen und zu riechen, ich steuerte meinen Gastgeber Salvatore aus Warmshowers in den Hügeln oberhalb von Tropea an. Von Pizzo bis Tropea fuhr ich entlang der Küste, das Meer in den Farben von Dunkelblau bis Türkis. Danach geht es auf knapp 500 Meter hoch, hier werde ich für zwei Nächte von Lisa und Salavatore großzügig aufgenommen. Ein kleines Holzhäuschen für mich alleine in einem riesigen Garten auf fruchtbarem Boden. Oliven, Bananen, Khakis, Äpfel, Weintrauben, Tomaten, Kürbis, Gurken, Kiwis, etc.. wachsen hier. Eigenen Wein und Öl produzieren Lisa und Salvatore. Mmmmh, sehr lecker!!

Auf der Terrasse lausche ich der Natur, genieße Tee, schreibe diesen Bericht, schaue nebenbei den Früchten beim wachsen zu :), beobachte Katzen auf ihren Patrouillen und gedenke den Opfern von Frankreich. -»May Peace and Cycling prevail on the Earth.« - wie mein Freund Bijan aus dem Iran sagt.

Von hier aus ist Sizilien zum greifen nahe. Ich nähere mich meinem Ziel Palermo. Bei den geplanten 61 Tagen und 3500 Kilometern wird es nicht bleiben, aber das macht nichts, denn mit jedem Tag und seinen unzählbaren Atemzügen, Herzschlägen und Augenblicken, verstehe ich umso mehr, was es heißt »Der Weg ist das Ziel«.

 

Derzeitiger Stand:

  • 60 Tage (1+1+4+1+2+2+1 Tage Pause)
  • 4445 km.
  • 57692 hm.

 

Herzlichst, nachdenklich aber positiv gestimmt,

Piotr