Mit Piotr in Neuseeland. Teil 3

Den Morgen danach fuhr ich bis zum Wharariki-Strand vor. Sehr wilde Gegend, extrem starker Wind, zwei Robben und viel Sand. Von Wasser keine Spur, Ebbe. Ich genoss eine kleine Wanderung in diesem Gebiet, ehe es langsam am gleichen Wege wieder zurück ging. Jupp, das war eine Sackgasse. Eine schöne 220 Kilometer lange Sackgasse! Empfehlenswert! Es folgte also wieder der 791 m hohe Pass und dann ging es rechts ab in Richtung "St. Arnaud". Ich folgte wieder ein Stück dem tollen Great Taste Trails und genoss ruhige Straßen mit viel Vogelgesang. Übernachtet habe ich in der Nähe eines Flusses, in dem ich mir den Schweiß vom 791 m hohen Pass abwaschen und auch alles andere säubern konnte. Perfekt! Von "St. Arnaud" ging die sog. Rainbow-Valley-Road nach "Hanmer Springs". Leute, was für eine atemberaubend schöne Gegend! Aber!! Eigentlich wollte ich diese Strecke in anderer Richtung fahren, also von der einen Schotterstraße kommend, die ich nicht durchfahren konnte ... Also fuhr ich diese Rainbow-Valley-Road. Die ersten paar Kilometer waren geteert und nach einer großen Bachüberquerung kam doch tatsächlich das gleiche Schild wie damals: "Road Closed"! "Neee, nicht diese auch noch!!!" dachte ich mir.

Trotzdem überquerte ich die Barriere und weiter ging es. Eine Bachüberquerung folgte der nächsten. Die eine tiefer, die andere flacher. Und die Berge links und rechts und vorne und hinter mir … ein MEGAKNALLER. Absolute Schönheit und Wildnis! So ging es noch über 50 Kilometer weiter auf Schotter. Mal gut rollender und mal eben nicht :-)

Schließlich kam ich an eine Schranke, die von der anderen Seite verschlossen war und das gleiche Schild trug. "Also bin ich nun wieder ‚legal’ unterwegs", dachte ich mir und hatte ein gutes Gefühl als ich „drüben“ war. Alle Taschen ab und rüber über den Zaun. Weiter ging es durch enge Schluchten und offene Prärien, Bachüberquerungen und letztendlich steigend der Piste entlang. Nur ein einziges Auto war mir bis vor dem Road-Closed-Schild begegnet. So beschloss ich direkt am Straßenrand das Zelt aufzuschlagen und die Weite zu bewundern. An diesem Tag brach ich den Rekord in Neuseeland: 2000 Höhenmeter und 7:30 Stunden im Sattel auf 130 Kilometern. Phuuu! Ich staunte nicht schlecht als ich den Tacho ablas.

Na dann, einen Löffel mehr Reis und Linsen in den Topf! Die Sonne verabschiedete sich mit einem eleganten Licht- und Schatten-Spiel. Die Nacht brach herein und die Sterne kamen!!! Mhmmmm, wie damals im Himalaya oder Atlas Gebirge! Bereits ganz früh am nächsten Morgen war ich wach. Vollkommen aufgeregt! Denn die Sonne schenkte mir wieder ihr schönstes Licht am Horizont. Ich bestaunte den langen Sonnenaufgang und frühstückte in aller Ruhe. Shui parkte sicher neben meinem Zelt als aus dem nichts eine starke Windböe kam und direkt auf mein Haus blies. Ein Stück des Gestänges war gebrochen. Zum Glück blieb das Innen- und Außenzelt unbeschädigt. Das Gestänge flickte ich rasch mittels des Reparaturkits und gut wars, hält!

Alles wieder am richtigen Fleck beladen und weiter ging es. Der Anstieg dauerte noch an und das Wetter wechselte schön langsam. Starker Rückenwind entwickelte sich, ouh yeah! Gegen Mittag erreichte ich Hanmer Springs. Der Weg dorthin ist einfach unbeschreiblich! Ich kontaktierte meine Gastgeber für die übernächste Nacht, dass ich gut angekommen sei und nun sicher sagen konnte, wann ich ihr Zuhause erreichen würde. Nur noch über den Lewis-Pass (864 m) und dann bergab bzw. flach hinab nach Reefton. Meine neuen Gastgeber begrüßten mich mit offenen Armen. Er, Don, ein Polizist und Robyn, seine Frau eine Physiotherapeutin, radelten 2015/2016 in 16 Monaten von Spanien nach Singapur und lebten diese Reise noch immer! Seit ihrer Ankunft vor paar Monaten waren sie bereits viermal umgezogen und beschlossen, jetzt in Reefton zu bleiben und Geld für den nächsten großen Trip zu sparen. Das schien ihnen sicherer und einfacher zu sein.

Zwei wunderbare Tage verbrachte ich bei ihnen. Ich backte Vollkornbrote für sie und für meine Weitereise und genoss einfach das Nichtstun. Don und Robyn waren in gleicher Weihnachtsstimmung wie ich, nämlich überhaupt nicht. So aßen Don und ich die ganzen Weihnachtskekse allein und wünschten uns lustiger Weise schon vier Tage früher „Frohe Weihnachten“.

Meine Fahrt ging weiter Richtung Greymouth und dem sehr schönen Westcoast-Wilderness-Trail, dem ich bis nach Hokitika folgte. Hübsch und originell angelegt im Regenwald der Westküste. Dort blieb ich für eine Nacht beim Gastgeber Kevin, der sehr viel aus seinem Leben zu erzählen hatte. Ich kam dabei nur selten zu Wort. Dafür kochte ich uns ein einfaches, aber köstliches Mahl und später spazierten wir noch einen Hügel hinauf, um einen Ausblick auf die Kleinstadt, Meer und die Berge zu werfen. Fast pünktlich zum Sonnenuntergang.

Weiter ging es auf dem Highway No.6 in vier Tagen nach Wanaka. Wenn nicht im Regen, dann mit hunderten Sandfliegen. Weihnachten verbrachte ich irgendwo auf dieser Strecke im Zelt. Klimatisch bedingt fühlte ich mich ganz und gar nicht in Weihnachtsstimmung. Dennoch bereitete ich mir am Tage des Heiligen Abend Pfannkuchen in meinem Topf zu. DIE Krönung meiner Kulinarik auf Radreisen! Sind richtig toll geworden und waren zudem noch absolut sättigend. Ich hatte noch ein kleines Geschenk von Don und Robyn im Gepäck und war richtig neugierig darauf, was sie sich ausgedacht hatten. Leckerste hausgebackene Weihnachtskekse!