Piotr Nogal: Rad oder Campingbus?

Fahrrad "Shui" oder Campingbus "Toyotahaus"?

Piotr über seine ideale Art, die „WELT ZU ERFAHREN“

Piotr fuhr mit seinem Rad Shui im Sommer 2015 von seinem Wohnsitz Wien über Nizza bis nach Palermo in Sizilien, durchquerte die gesamte Alpenkette und erkundete Italien.

Die „Toyotahaus“-Geschichte

Am 12. Oktober 2015 begann meine „Toyotahaus“-Geschichte. Shui (Fahrrad) und ich waren von Wien über Nizza nach Palermo unterwegs und kamen in dem „OH-MEIN-GOTT-IST-DAS-SCHÖN-Regionaler-Naturpark-Verdon“ an. Es war eine wunderbare Zeit voller Staunen und Genuss. Ich hatte aber auch unendlich scheinende Regentage – und genau diese Tage waren ausschlaggebend für die kommende Tour.

Als es von oben schüttete und ich bereits seit Stunden im Zelt die Regentropfen gezählt hatte, fragte ich mich: Warum sitze ich jetzt nicht in einem Campingbus mit Standheizung und festem Dach über dem Kopf!? Ich wechselte die Location mit der Absicht online zu gehen, um nach einem Campingbus zu suchen. 

Mein fester Glaube an ein altindisches Zitat: „Ist der Schüler bereit, trifft er seinen Lehrer“ - gilt auch für den Ort, den man besucht, die Liebe, die Menschen, die man trifft, die Gegenstände usw. Ich war bereit, für ein rollendes Zuhause – ein Toyotahaus! 

In einer Gebrauchtwagen-Suchmaschine tippte ich „Campingbus“ ein und da war er! Ein Blick und sofort entschieden! Ich zögerte kein bisschen und rief den Verkäufer per Skype an. Vor lauter Aufregung zitterte ich ein wenig. Leider meldete sich nur die Mailbox. Also schrieb ich eine ausführliche Email, u.a. mit der Bitte, den Bus für mich zu reservieren, da ich erst im Dezember wieder im Land sein würde. Der Verkäufer freute sich über mein Interesse, denn er wollte den Campingbus nur an jemanden weitergeben, der mit ihm weiterhin die schönen Plätze auf der Welt  besucht. Er willigte ein und wartete auf mich.

Bei meiner Ankunft in Wien und 5207 Kilometern geradelten Kilometern auf Shuis Tacho später wurde ich Besitzer meines ersten „Hauses“: voll ausgestattet mit Dach, Standheizung und Scheibenwischern. Nach ein paar Monaten Eingewöhnung und kleinen Trips durch Österreich war es an der Zeit eine erste Reise mit meinem Toyotahaus zu unternehmen. Ich musste nicht lange überlegen wohin: Apulien! Dorthin hatte ich es auf meiner Radreise nicht geschafft. Die Menschen herzig, die Landschaft wild und das Klima angenehm warm, auch in fortgeschritteneren Monaten. 

Ich packte Shui auf den Radträger, Falt-Kajak ins rechte Staufach, Inline-Skates, Snakeboard und Klettersteig-Set ins linke Staufach. Knapp 1300 Km weiter und ich war im Gargano National Park an der Küste angekommen. Das Meer im schönen Blau, das Ufer bestückt mit einsamen Stränden oder schroffen Felsformationen. 

Ich parkte den Bus in einem der letzten offenen Campingplätze, pumpte mein Kajak auf und paddelte los. Herrlich, oben ohne, Sonne auf der Haut, warmes ruhiges Wasser, spannende Felsen, für mich ein Paradies! Ich durchquerte dunkle, gruselige Höhlen und lichtdurchflutete Schluchten, göttlich dieser Anblick, diese Geräusche. Ich hatte noch immer nicht genug und so fuhr ich weg von der Küste, dem scheinbar unendlichen Horizont entgegen, einfach in Richtung „Nichts“. 

Am nächsten Tag zog es mich weiter Richtung Süden, gen Bari und schließlich landete ich bei den hübschen Trulli-Häuschen in Alberobello. Dort erkundete ich die Gegend mit Shui. Ich entdeckte einen schönen Platz, wo ich den Toyota zum Nächtigen parken konnte und fuhr anschließend mit Toyotahaus dorthin.

Die Zeit im Bus verbrachte ich entweder mit Kochen, Studieren von Reiseführern und Landkarten oder eben mit Fahren. Mich interessierte auf dieser Reise speziell nur das Erlebnis „Campingbus-Reise“, alles dabei zu haben, was mir gefällt und das tun was mir gefällt. Ich wollte erfahren, wie es auf mich wirkt.

Ich hatte Lust auf Berge und nahm mir vor, die schönen Orte zu besuchen, die ich im letzten Jahr mit dem Rad besichtigt hatte. Besonders freute ich mich dabei auf Episcopia (Provinz Potenza) in der Basilikata am Nationalpark Pollino. Dort fuhr ich vor einem Jahr mit fast leeren Gepäcktaschen hinauf und rollte mit voller Ladung Gemüse und Obst weiter. Egidio, ein Verkäufer im Obst- und Gemüseladen, war von meiner Radreise so begeistert, dass er mich mit seinen lokalen Lebensmitteln reichlich beschenkte. Dieses Mal war er leider nicht im Laden, doch als ich im Ort spazieren ging, traf ich ihn wieder! Welch ein schönes Treffen. Ich zeigte ihm mein neues Zuhause und wir plauderten noch ein wenig. Er sagte, er habe sich vorgenommen mit dem Radreisen zu beginnen und mich dann auch mal zu besuchen.

Auf ruhigen windigen Straßen ging es weiter Richtung Viggianello.  An einer großen Lichtung kurz vor dem Parkplatz zur Besteigung des Monte Pollino (2248m), parkte ich den Bus und genoss das Leben im Hier und Jetzt. Am nächsten Morgen freute ich mich wie ein Kind auf die Besteigung, noch knapp 2 Stunden und ich war oben auf 2248 m. Für nur wenige Minuten hatte ich eine klare Sicht, bis die dichten Wolken kamen und es sehr windig wurde. Wieder unten beim Toyota, bereitete ich mir ein kleines Gericht zu und überlegte, wohin es mich als nächstes führen würde. Ich entschied mich für „indirekt Meer“. Sprich: Land und Küste, aber dort, wo ich letztes Jahr noch nicht gewesen war, nach Maratea und der 21 Meter hohen Christusstatue. Eine schöne Kleinstadt und auch eine sehr schöne Wanderung hinauf zum „Christus“. Der Ausblick: Traumhaft!

Nach dem Stop fuhr ich langsam weiter entlang der malerischen Küste. Wenig Verkehr, immer wieder gute Haltestellen und Ausblicke. Die Amalfiküste ..., so viele schwärmen von ihr und auch die Fotos sind verlockend. OH MEIN GOTT!! Doch ehrlich gesagt: nichts für mich. Extrem viel Verkehr auf der engen Fahrbahn. Genuss war das nicht, sondern eher eine reine Durchfahrt Richtung Sorrento. Für zwei Nächte bezog ich Quartier auf einem Campingplatz und genoss das gute Essen am Marina Grande Hafen, ein sehr schöner, ruhiger Fleck. Auch gut geeignet, um die Tage ausklingen zu lassen und die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. 

Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres besuchte ich Neapel. Nun ja, Neapel hat halt etwas, dass mir gefällt. Funktionierendes Chaos, wie in Indien. Ach, und die Pizzen. Mit dem Zug hin und der Fähre zurück. Nach diesem perfekten Aufenthalt beschloss ich weiter zu fahren. Jetzt hatte ich Lust bekommen auf Kroatien. Ich recherchierte im Internet nach Fähren und wurde auch schnell fündig. Ich wollte nämlich nicht wieder durch Italien auf der Autobahn nach Triest fahren.

So wählte ich die Strecke von Neapel nach Ancona und weiter mit der Fähre nach Triest. Sechs Stunden auf dem Meer und schließlich wieder am Lande unterwegs auf die Insel Losinj. WUUUNDERSCHÖN und ruhig und das Wasser TÜRKIS!! Auch hier wohnte ich auf einem Campingplatz. Die Tage füllte ich mit Schnorcheln, weit hinaus fahren mit dem Kajak, mit Shui zu entlegenen Stränden radeln, kroatische Kulinarik, Maronis aus der Pfanne und einfach nur die Seele baumeln lassen in der Hängematte, bevor es zurück nach Wien ging.

Ein Fazit dieser schönen abwechslungsreichen Tour:

Ich war es gewohnt, solche Reisen nur mit dem Rad oder per Anhalter zu machen. Auf diese Weise spürte ich, dass ich wirklich unterwegs war, dass ich draußen war. Mit dem Bus ist es zwar genial, weil man alles dabei hat, was einem Freude bereitet und nützlich ist, zugleich kann man vorwärts kommen und einen Schlafplatz hat man auch gleich dabei.

Dennoch brauche ich mehr das Wilde, weniger kontrollierbare, den Kontakt zu den Einheimischen und dem „Dazwischen“ von zwei Ortschaften, mehr Naturbezug und langsamere Geschwindigkeit, um mich auf Reisen zu fühlen. Somit bevorzuge ich nach wie vor das Radreisen als die ideale Art die WELT ZU ERFAHREN.

Herzlichst,  Piotr

Fotos: ©Piotr Nogal

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