Reise-Splitter: 24 Stunden Kisch

© C. M.

„Iiiiiiiiiiiiran????????!!!!!!! Du weißt schon, dass du mein einziges Kind bist? IRAN….! Was willst du denn da?“, gehen mir die Worte meiner Mutter durch den Kopf, als ich mit einem Glas Wodka in der rechten und einem Joint in der linken Hand durch das Fenster gucke. Wäre es nicht ein Uhr nachts, könnte ich von hier aus den Persischen Golf sehen. Hinter mir auf dem Bett liegt der Besitzer des Apartments, bei dem wir uns zu einem kleinen Trinkgelage getroffen haben. Seine Freundin sitzt neben ihm. Allergischer Schock meint sie, Alkoholvergiftung denke ich. Heute wohl kein Sex. Ich ziehe an dem Joint und nippe am Wodka. Nur nicht zu schnell. Ich will ihn genießen. 120 US $ für eine Flasche Smirnoff Wodka. Schmuggelpreis.

Vor etwa anderthalb Stunden sind wir gelandet. Zwei Stunden Flugzeit von Shiraz nach Kisch. Mit einer McDonnell Douglas MD-82 der Fluggesellschaft Kish Airlines. Einziger Absturz 2004, 43 Tote. Warum ich das weiß? Ich habe Flugangst und informiere mich vor jedem Flug über die Airline. Kisch ist das dritte Ziel unserer dreiwöchigen Reise quer durch den Iran. Mein Freund und ich bleiben gerade einmal 24 Stunden. „It’s just like Dubai“, steht in unserem Reiseführer. Die Insel der Reichen und Schönen. Und der Einwanderer, die aufgrund ihres Visums alle drei Monate Dubai verlassen müssen und es auf Kisch wieder verlängern lassen können. Die kleine Insel liegt zwischen dem iranischen Festland und eben Dubai im Persischen Golf. Nur knapp vor den unzähligen Bohrinseln, die nachts im Meer vor sich hin blinken.

Die Party ist vorbei. Wir müssen zu unserem Hotel zurück. Die Sonne geht bald auf und ich bin nicht nur betrunken. Alle diskutieren heftig miteinander. Ich muss über die lustige Sprache mit ihren harten und kantigen Lauten lachen, die aus den Tiefen der Kehle kommen. Ich frage sie: „Was sprecht ihr da?“ Alle gucken mich an. Persisch natürlich, antworte ich mir selbst. Weiß ich eigentlich. Keiner reagiert, bis mein Freund auf mich zukommt. Es gibt da einige Probleme, erklärt er mir: Wir sind alle betrunken. Dürfen also alle kein Auto fahren. Natürlich dürfen wir auch eigentlich gar nicht betrunken sein und erst recht dürfen wir nicht betrunken in einem Auto zusammen mit Frauen sein. Passenderweise gibt es zwei Autos. Nach Geschlechtern getrennt schleichen wir zu den Autos. Erst die Frauen. Als wir den Motor hören und die Lichter verschwinden, machen wir uns auf den Weg durchs Treppenhaus. Ganz leise. Wenn uns jemand sieht, passiert wahrscheinlich nichts, denn in Kisch ist man sehr liberal und tolerant. Trotzdem sollte man es nicht darauf ankommen lassen. Im Auto sitzen wir zu fünft und hören iranischen Pop. Eine Mischung aus Lady Gaga und dem Muezzin. Aber nur nicht zu laut, wir wollen keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Bei jedem Auto, dass uns entgegen kommt, bewegen wir uns nicht und halten die Luft an. So fühlen wir uns unsichtbar. Nach zehn Minuten erreichen wir das Hotel.

Am nächsten Morgen stehen wir am Strand. Noch zwölf Stunden bis zum Rückflug. Während mein Kumpel gerade mit seiner iranischen Freundin Jetski fährt, sitze ich in Badehose am Strand und mache mich über die iranischen Frauen lustig. Natürlich darf man hier keinen Bikini tragen. Also eigentlich schon, nur muss man darüber einen sehr sehr roten und sehr sehr weiten Overall mit Kapuze tragen. Bei 30 Grad!!! Es sieht einfach lächerlich aus. Neben mir im Sand sitzt die Freundin der Alkoholleiche von gestern. Er schläft noch. War wohl aber doch keine Alkoholvergiftung. Auch sie trägt so einen Overall. Ich lache sie aus. Sie lacht mit. Sie weiß, dass ich es nicht böse meine. Dann schaut sie zum Jetski. Sie ist sehr sehr reich. Nicht nur für iranische Verhältnisse, sondern auch für unsere. Also eigentlich ist nur ihr Vater reich. Architekt! Sie studiert auf der Insel. Auch Architektur. Sie hat ein schönes Apartment mit Balkon und eigentlich keine Sorgen. Ich glaube, ihr Freund ist sogar noch reicher. Also dessen Vater. Gemeinsam sind sie ein iranisches Jetset-Paar. Fast wie die Geissens denke ich, nur in jung und iranisch. Ich spiele mit meinen Füßen im Sand und versuche Smalltalk zu machen. Ich frage sie, wie es ihr hier gefällt: „Ich will hier weg!“, sagt sie zögerlich. „Für mich gibt es hier als Frau keine Zukunft. Am liebsten möchte ich nach Deutschland.“ Dann schaut sie zu einem riesigen blau-weißen Gebäude mit zwei Türmen. „Das da drüben ist ein Hotel.“, sagt sie „Es ist das teuerste Hotel auf der ganzen Insel und es gehört einem Mullah.“ Sie lächelt traurig. Ich gucke zum Jetski. Im Hintergrund qualmt eine Bohrinsel.

Den Rest des Tages verbringen wir in schicken Restaurants, Bars und im Bowling-Center. Abgefahren. Drei Stunden vor Abflug wollen wir noch mal schwimmen gehen. Natürlich ohne die Frauen. Denn es gibt getrennte Männer- und Frauen-Badestrände. Wobei, eigentlich gibt es nur Männer-Badestrände. Wie in einem Kinderparadies werden wir für eine Stunde abgeliefert. Die Frauen gehen shoppen und wir schwimmen. Der Strand ist fein und weiß, das Meer türkis und der leichte Wind macht die Hitze angenehm. Es ist kaum jemand da. Nur hundert Meter von uns entfernt spielen zehn Männer, glänzend vom Schweiß, zusammen Volleyball und freuen sich gemeinsam lautstark über jeden Punkt. Es ist unfassbar langweilig. Mein Kumpel vermisst seine Freundin und ich die halbnackten Frauen. Nach einer Stunde werden wir endlich abgeholt. Es geht zurück nach Teheran. Wir fahren auf direktem Weg zum Flughafen. Vorbei an den Palmen, am Meer, den riesigen Hotels und Einkaufszentren. „Wahnsinn“, meint mein Kumpel. Eigentlich ein Paradies, denke ich. Dennoch freue ich mich auf den Rückflug. Trotz Flugangst!

Christoph, 26 Jahre, 24 Stunden in Kisch, 3 Wochen im Iran