Reise-Splitter: Am nördlichen Polarkreis

Snow Adventure Day am nördlichen Polarkreis

20 Grad minus. Mein Atem bildet kleine weiße Wölkchen. Trotz der Temperaturen friere ich nicht, die Luft ist trocken und klar.

Ich bin in Finnland, genauer gesagt in Rovaniemi, am nördlichen Polarkreis und das im Februar. Der pure Zufall hat mich hierher verschlagen, nach Lappland, in die nördlichste Region Europas.

© Christine Röder

Ein einheimischer Guide bringt uns hinaus aus der Stadt. „Snow Adventure Day“ heißt das gebuchte Programm. Mit dem Auto fahren wir Kilometer um Kilometer durch die weite Landschaft. Hin und wieder zweigt eine kleine Straße ab, die im Nichts zu enden scheint. Gelegentlich fahren wir an einer Bushaltestelle vorbei, die zu einer kleinen Häusergruppe gehört. Ich frage mich, wie das Leben hier draußen wohl sein mag, einsam, in der schier unendlichen Weite des finnischen Nordens.

Nach einer Stunde Fahrzeit erreichen wir unser Ziel und steigen aus dem Auto. Rings um uns, so weit das Auge reicht, ist nichts als eine traumhafte, unberührte Schneelandschaft. Die Natur hat ganze Arbeit geleistet. Was sofort auffällt, ist das Licht. So weit im Norden, wo sich die Sonne besonders anstrengen muss, schafft sie unvergleichliche Lichteffekte. Ihre Strahlen reflektieren auf der dichten Schneedecke und lassen sie funkeln und glitzern. Die Bäume tragen dicke Schneemützen, für die die Finnen sogar ein eigenes Wort haben, das so putzig klingt wie die Bäume aussehen: tykky.

© Christine Röder

Als erstes fahren wir Tretschlitten (auch hier klingt das finnische Wort potkukelkka irgendwie nett), ein in Nordfinnland weitverbreitetes Fortbewegungsmittel. Sieht einfach aus, aber nur mit der richtigen Technik nimmt der Schlitten Fahrt auf. Keine Chance zu frieren, selbst bei den eisigen Temperaturen.

Danach steht Schneeschuhlaufen auf dem Programm. Vor uns liegt eine Wiese, verborgen unter einer über einen Meter dicken Schneedecke. Unser Ziel ist das Wäldchen auf der anderen Seite. Das ist zum Greifen nah, aber schon nach wenigen Schritten fragen wir uns, ob wir es je bis dahin schaffen. Wir sinken ein und müssen penibel auf die richtige Gehtechnik achten, die der Guide uns zeigt. Für wenige Meter brauchen wir Minuten. Die Anderen bei ihren ersten Gehversuchen mit den „Tennisschlägern“ an den Füßen zu beobachten, trägt unweigerlich zur Erheiterung bei. Nach zwanzig Minuten liegen wir alle im Schnee und halten uns den Bauch vor Lachen, ganze 50 Meter vom Ausgangspunkt entfernt. Wir sind durchgeschwitzt und erschöpft, aber der Spaß war es wert. Das Wäldchen bleibt an diesem Tag unerreicht, aber das stört niemanden.

© Christine Röder

Nach einer Pause fährt unser Guide uns mit dem Schneemobil auf einen nahegelegenen Hügel. Oben angekommen eröffnet sich uns eine tief verschneite Hochebene, die in der Ferne mit dem Himmel verschmilzt. Wir fahren weiter bis auch unser Auto und die Hütte weit weg sind. Als wir anhalten und uns umschauen, sehen wir nichts außer Schnee, kein Zeichen menschlicher Zivilisation. Ruhe. Weite. Plötzlich in der Ferne doch eine Bewegung: Ein paar Rentiere nähern sich. Wir sind ganz still, sie scheinen uns nicht zu bemerken. Nach kurzer Zeit ziehen sie weiter, die Herren hier draußen in dieser grenzenlosen Schneewüste. Dieser magische Moment bleibt, für immer. Selten habe ich mich der Natur so nahe gefühlt. Und mir selbst.

Christine, 36 Jahre, 1 Monat in Finnland