Reise-Splitter: Fauler Zauber am Lake Maninjau

© Stefanie Gaumert

Ankunft: 44 Minuten 44 halsbrecherische Kurven abwärts. Begleitet von 44fachem Erbrechen meines Vordermannes im Minibus. Geschafft! Da liegt er vor mir. Ruht dort friedlich seit einem Vulkanausbruch vor 52.000 Jahren. Der sagenumwobene, 20 Kilometer lange und 8 Kilometer breite Kratersee Danau Maninjau. Verborgen hinter in Dunstschleier gehüllte Bergkuppen, umgeben von dichtem Dschungel, geheimen Wasserfällen, Reisfeldern getaucht in sattes Grün. Fischer mit kreisförmigen Bambushüten schippern in alten Holzbooten in der Abendsonne.

© Stefanie Gaumert

„EY! Where going?? Muaro Bungalow??“ Ein Greis mit abgebrochenem Krückstock haut mich von der Seite an. Ja, why not. „Room 5 bagus! Is free now! Make sure you take room 5!“ Ich durchstreife ein Labyrinth von kleinen Pfaden, bis ich am Seeufer auf neun kleine Holzhütten stoße. Muaro Bungalows, allesamt empty. Wie es das Schicksal will, lande ich in room 5. 

05:00 Uhr morgens, Totenstille vor Morgengrauen. Etwas rüttelt von außen an meiner Tür. Am besten ignorieren und sich einreden, es könnte ein Hund sein. Nach 10 Minuten Gerüttel erneut Totenstille. Was war das? Ich hüpfe in meinem Schlafsack zum Fenster und luge durch die zerbrochene Scheibe. Da ist er wieder, der Alte! Er kehrt meiner Hütte den Rücken zu, humpelt behutsam mit seinem abgebrochenen Krückstock von dannen. Mir schwant nichts Gutes. Ist er ein Schamane? Ein Magier? Animistischer Zauber vor meiner Zimmertür? Ich untersuche meine Terrasse sorgfältig auf Spuren verborgener Zauberzeichen, finde aber nichts. 

© Stefanie Gaumert

Zwischenzeitlich ist es hell geworden, ich gehe zum Markt und miete mir ein Moped. „You wanna go to Bucat Lawang?“ BUKIT LAWANG, so weit entfernt und ich allein in der Fremde, verflucht von schamanischem Zauber, vielleicht wurde mir im Schlaf ein Schrumpftrunk verabreicht! Ja, zurück nach Bukit! Ich vermisse die Heimat!!! „NO! BUCAT (!) Lawang! Der Aussichtspunkt!“ Hmmpf. Ja. Von mir aus auch den. „But better don’t go at 2pm, da bebt immer die Erde, dann ist es ungünstig mit den Kurven.“ Da bebt immer die Erde? Ok, vielleicht hab ich irgendetwas nicht so richtig begriffen. Schätze, es hapert wohl an meinen Indonesischkenntnissen. Das würde allerdings erklären, wieso am Vortag der sonst so friedlich schlummernde See gegen frühen Nachmittag mit unruhigem Wellenschlag aufmuckte. 

Well well, whatever, Erdbeben hin oder her, ich gehe mal vorsichtshalber auf Nummer sicher. Verzichte auf die schöne Aussicht, schlage mich nach 5 Kilometern Fahrt seitwärts ins Buschwerk und begebe mich auf die Suche nach dem Wasserfall, der hier irgendwo landeinwärts sein soll. Ein nicht zu verachtender Dschungeltrack, wie ich feststellen muss. Nach 10 Minuten Marsch sind meine Beine übersät mit brennenden, juckenden, blutenden Bissen, Stichen, Schnittwunden von unbekannten Waldgewächsen und -bewohnern … Was, wenn mich der Zauber jetzt trifft? Was, wenn ich jetzt allein im Dschungel auf die Größe einer Ratte zusammenschrumpele und als Schlangenfutter ende? Oder ein Totenzauber ausgesprochen wurde und ich jetzt hier im Wald tot umkippe? Dieser verdammte Schamane … 

© Stefanie Gaumert

Später zurück im Bungalow. „So you went to the waterfall?“ Ja! Not so easy the way! „Yes yes. Did you touch the poison plant?“ AHA! Das war es also, was seit vier Stunden an meinen Beinen brennt wie Höllenfeuer. „Yeah, but you come from the jungle. 1,5 months in Bukit Lawang, so no problem for you.“ Jaaa, no problem – AUTSCH! „Don’t worry, in 3 days it’s over.” Mhm. Na bravo. Ach übrigens: Kennst Du diesen alten Typen, der da oben an der Kurve wohnt und heut morgen an meiner Zimmertür gerüttelt hat? „Ah ja, that’s my dad.“ Warum wollte der, dass ich in Nr. 5 wohne? „Aaah, that’s because we share the bungalows and he owns no. 5, so he gets the money if someone lives in no. 5. So he probably want to check, if you stay in no. 5 to make sure we don’t cheat him with the money.” 

Aus der Zauber, der faule! 

Es ist 2am, ich wache auf. Es rumpelt und grollt, der See ist unruhig und schlägt Wellen. Tatsächlich! Ein Erdbeben um 2 Uhr nachts (nicht 2 Uhr nachmittags!!!). Aber nur ein kleines, um 3 Uhr hat sich alles wieder beruhigt und ich setze meinen Schlaf fort. Scheint hier ja wohl normal zu sein …

Stefanie, 1985, on the road

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