Reise-Splitter: Fish? Pork? Chicken? Wodka!

© Thorsten Altheide

Osteuropa beginnt in Lübeck-Travemünde. Die Rezeptionsdame auf der Fähre ins lettische Liepāja versucht es zuerst auf Russisch: „Pazhalsta?“, ich antworte auf Englisch. Als sie dann meinen Pass sieht, wechselt sie fließend ins Deutsche.

Die Touristen sind auf dieser Fähre die Exoten: ein paar Wohnmobilfahrer, ein Schweizer Paar gesetzten Alters und eine holländische Familie. Ein Hamburger Pärchen hat ein Kanu auf den verbeulten Kastenwagen gebunden. Ansonsten ist das Schiff fest in der Hand der Logistikbranche. Ein Blick vom Schiff auf das Skandinavienkai ist eine kleine Konjunkturstudie: Da warten Traktoren mit gewaltigem Reifendurchmesser, wie man sie wirtschaftlich nur im amerikanischen Mittleren Westen und in der osteuropäischen Ebene einsetzen kann. Ein Spezial-LKW mit Generator wird verladen, Neuwagen von deutschen Herstellern und als Stargast ein Red-Bull-Renn-LKW-Team mit einem ebenfalls beeindruckenden Gefährt.

Wir – das sind: meine Frau, unsere Kinder und ich, die paar Touristen und die mehrheitlich russisch- und lettischsprachigen LKW-Fahrer – werden die nächsten 27 Stunden gemeinsam verbringen und einmal die Ostsee überqueren.

Es ist klar, wer sich hier auskennt. Während ich noch die Check-In-Formalitäten erledige, kehren die ersten schon in Freizeitkleidung aus ihren Kabinen zurück. Die übliche Freizeitkleidung umfasst Badeschlappen, Jogginghose und eine Dose Pils. Auch später, in der Essensschlange, sieht man wer hier weiß, wie der Hase läuft. Wer erst beim Gong seine Kabine verlässt, wartet. Der Trick ist, sich vor dem Gong in der Essensschlange anzustellen.

Es ist ein kleiner, schwimmender, europäischer Mikrokosmos, der sich hier auf die Reise macht: Das Schiff wurde in Italien gebaut, die Fernsehkanäle sind vorwiegend dänisch oder ukrainisch (warum auch immer), das Essen mit Blini und Buchweizen russisch inspiriert. Die Auswahl wird von der Dame an der Bedientheke knapp vorgestellt: „Fish, Pork, Chicken“. Morgens gibt es schwedische Butter und französische Marmelade.

Die LKW-Fahrer sind ausnahmslos Männer, und zwar richtige. Meine Frau sagt, sie fühlt sich angegafft. Sie fühlt sich unbehaglich wegen des Nebels aus Zigaretten- und Alkoholgeruch. Auf den Gängen wird über Politik diskutiert. Zwischendurch gucken die Männer meiner Frau hinterher. Sie kann das gerade eigentlich nicht sehen, aber Frauen wissen so etwas.

Wir reisen mit Kindern und gönnen uns eine geräumige Außenkabine. Der genoppte PVC-Boden verströmt keine Queen-Mary-2-Atmosphäre, ist aber gut zu reinigen. Das gelingt dem damit beauftragten Personal auch zufriedenstellend. Lediglich ein einzelnes hartgekochtes Ei auf dem ansonsten offenbar gewischten Boden irritierte. War das das – aus Versehen heruntergerollte – Pendant zu dem obligatorischen Stück Schokolade auf Hotelkopfkissen?

Zwei junge Norddeutsche haben Pullmanseat gebucht, sie sind Abenteurer. Der Nachname von George Mortimer Pullman steht bis heute für Eleganz und Gediegenheit, staatsmännische Karossen. Pullman-Sitz auf der Fähre bedeutet: keine Privatsphäre und in Hörweite der Bar zu schlafen. Wie die beiden berichten kam es am Vorabend zu kleineren Tumulten, als die Bar schließen sollte, aber keiner der Gäste sich betrunken genug fürs Bett fühlte.

Ein Fahrer hat beim Frühstück drei kleine Wodkaflaschen geleert und prahlt damit vor seinen Kollegen. Das Trinken geht auch am Tag der Ankunft weiter. Dieselben Männer werden später in ihre riesenhaften Maschinen steigen – denn riesenhaft erscheinen die LKWs tatsächlich, wenn man sich durch die eng geparkten Reihen auf Deck zum eigenen Auto zwängt –, millimetergenau, teilweise rückwärts aus der Fähre hinaus rangieren und dann auf welligen lettischen Landstraßen Richtung Osten fahren.

Die Kinder sagen, die Fähre ist doof, das Spielzimmer ist kleiner als bei der Konkurrenz, der Shop langweiliger, das Café nicht so schön. Unsere Kinder sind reiseerfahren und kritisch. Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass sie gerade eine authentische Erfahrung machen. Die weite, schöne, blaue Ostsee, ein Tag Auszeit, nichts zu tun, vor uns die einsamen baltischen Strände – das ist wahrer Luxus.

Thorsten, 39 Jahre, 27 Stunden auf der Ostsee