Reise-Splitter: Godzilla in Shinjuku?

Als ich kürzlich den neuen Dienstplan aus meinem Postfach fischte, erwartete mich eine Überraschung: Gleich zweimal hintereinander sollte ich nach Tokyo fliegen. Ich freute mich wie ein Schneekönig! Ich bin Flugbegleiter und kann nur wenig Einfluss auf meinen Dienstplan nehmen, aber diesmal hatte ich das große Los gezogen. Nach Japan bin ich schon immer gern geflogen. Ich erinnerte mich daran, dass diese Flüge im Allgemeinen ruhig verlaufen und sich die Japaner durch ihre zurückhaltende Kultur an Bord vornehm verhalten. Man trägt nach dem Start, wie zu Hause, seine mitgebrachten Hausschuhe und nach der Landung wird die zur Verfügung gestellte Decke zusammengelegt auf dem Sitz zurückgelassen. Überhaupt mag ich Japan: Ich liebe Sushi, ich fühle mich völlig sicher und überall ist es blitzsauber – nicht mal ein Papierfetzen liegt auf der Straße.

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Eine Woche später: Ich checkte ein, lernte meine Kollegen kennen, mit denen ich auf dem Flug arbeiten sollte, und flog los. Alles war so, wie ich es mir ausgemalt hatte – nette Kollegen, ein entspannter Flug und bei der Landung lagen alle Decken fein säuberlich gefaltet auf den Sitzen. Nach der Ankunft in Haneda, dem Stadtflughafen von Tokyo, fuhren wir direkt in unser Hotel nach Shinjuku. Der Lift beamte mich in mein Zimmer im 32. Stock und nach der durchflogenen Nacht schlief ich tief und traumlos. Am frühen Abend stand ich wieder auf und traf mich mit meinen Kollegen zum Essen. Während wir zu unserem Restaurant liefen, starrte uns plötzlich Godzilla in Lebensgröße an. Das Monster – und wenn einer diesen Namen verdient, dann Godzilla! – schaute zwischen den vielen Hochhäusern hindurch auf uns hinunter. Allein der Echsenkopf war bestimmt 15 Meter hoch und die riesigen gelben Augen schauten sehr bedrohlich. Wie ich während des Sushi-Essens von der Bedienung erfuhr, war Godzilla erst vor wenigen Monaten offiziell zum Ehrenbürger von Shinjuku ernannt worden. Seitdem thront der König aller Monster majestätisch auf dem Dach eines Kinos und fungiert als Tourismusbeauftragter und Bewacher des Stadtteils. Keine Frage: Godzilla ist Kult in Japan.

Zurück im Hotel fiel ich irgendwann nach längerem Ringen mit einem zähen Jetlag wieder in einen Schlummer – und plötzlich fing es ohne Vorwarnung an. Die Erde bebte erst langsam, dann deutlich heftiger. Auf meinem Schreibtisch fiel eine Flasche um, das Gebäude quietschte und ächzte, der Boden schwankte. Mein erster Gedanke: Godzilla! Hatte er sich auf den Weg gemacht? Sprang er von Hochhaus zu Hochhaus? Hatte er es nach knapp 60 Jahren geschafft, dem Film zu entfliehen? Nach dem nächsten Wanken war es wieder vorbei. Knapp fünfzehn bis zwanzig Sekunden hatte der ganze Spuk gedauert. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Für Panik war ich zu müde gewesen, aber ich fühlte mich gründlich überrumpelt und verwirrt.

Es folgten sehr laute Durchsagen auf Japanisch, Englisch und Chinesisch: »Es gab gerade ein Erdbeben, aber dieses Gebäude ist absolut sicher. Die Aufzüge stoppen aus Sicherheitsgründen automatisch. Wir empfehlen Ihnen, dass Sie dort bleiben, wo Sie gerade sind. Wenn Sie möchten, können Sie das Hotel über die Notausgänge verlassen.«

Und nun? Ich befand mich im 32. Stock. Die Treppe herunterzulaufen würde eine Weile dauern. Augenscheinlich war doch schon alles vorbei und wieder in Ordnung. Aber was, wenn Godzilla wiederkäme? Sollte ich doch das Gebäude verlassen? Aber wo waren überhaupt die Notausgänge? Nachlässigerweise hatte ich mich bei der Ankunft im Hotel nicht mit deren Lage vertraut gemacht. Ich war nur müde ins Bett gefallen. Und das als Flugbegleiter, der seinen Gästen Woche für Woche erklärt, wo sich im Flugzeug die Notausgänge befinden!

Weitere Nachbeben gab es nicht. Die darauf folgende Nacht war sehr ruhig. Auf dem Rückflug erkundigte ich mich bei unseren japanischen Flugbegleitern, wie sie die Situation empfunden hätten. Sie sagten mir, das gestrige Beben sei kein »harmloses« gewesen, allerdings hätten sie auch schon stärkere erlebt. Im Internet wurde es mit einer Stärke von 5,3 auf der Richterskala ausgewiesen.

Ich bin vorgewarnt für die Zukunft. Nächste Woche, wenn ich das zweite Mal in Japan bin, schaue ich sofort nach der Ankunft, wo sich die Notausgänge im Hotel befinden. Wenn Godzilla das nächste Mal anklopft, bin ich besser vorbereitet.

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Helmuth, 39 Jahre, immer wieder gern in Japan