Reise-Splitter: Neulich in Aserbaidschan

„No, no!“, sagte einer der beiden prächtig dekorierten Offiziere und deutete auf die Hauptstraße, die vor uns lag. „You ...“, begann der andere, mühevoll nach Worten suchend, „ ... here!“ Dabei zeigte er auf eine Abzweigung, die in ein winziges Dorf führte. Wir sahen uns ratlos an. „Was sollen wir da?“, erwiderten wir auf Englisch und verliehen der Frage mit Schulterzucken und Kopfschütteln Ausdruck. Doch das interessierte die beiden nicht. „You no!“, formulierte nun der erste, sichtlich stolz, ebenfalls einen kompletten Satz kreiert zu haben, und deutete abermals auf die Straße. „Presidente!“, begründeten die beiden ihre Aufforderung immer wieder. Wir fanden noch heraus, dass wir in besagtem Dorf einen Chai trinken könnten, doch selbst das überzeugte uns nicht. In der muslimischen Kultur des Landes ist Gastfreundschaft sehr wichtig, daher wird uns Ausländern bei allen erdenklichen Gelegenheiten ein Tässchen des starken, süßen Tees angeboten – meist mehrmals täglich.

Als das Auto mit den beiden Offizieren außer Sichtweite war, schwangen wir uns wieder auf unsere Fahrräder und fuhren weiter – natürlich auf der Hauptstraße. Obwohl der Verkehr deutlich abgenommen hatte, konnten wir uns nicht vorstellen, dass der Präsident wirklich die komplette Straße sperren lässt, denn es ist die einzige Verbindung vom Westen des Landes zur Hauptstadt Baku. Doch unsere Unsicherheit nahm zu. Alle paar hundert Meter stand ein junger Soldat am Straßenrand, in jeder Ansiedlung gab es Straßensperren. „Fahr du voraus“, sagte mein Mann Michael, „wenn sie eine Frau sehen, sind sie nachsichtiger.“ – also gut, und immer nett lächeln und unverbindlich zunicken.

Auf dem Weg quer durch Aserbaidschan sind einige Hürden, aber dafür kaum Höhenmeter zu überwinden. © S. und M. Fleischmann

Die Strecke durch die ewig gleiche Steppenlandschaft wird bald etwas eintönig – es bleibt Energie für Späßchen © S. und M. Fleischmann

Seit Tagen schon befuhren wir den schnurgeraden Teerstreifen, der einmal quer durch das Land führt. Rechts und links dehnt sich eine riesige, flache, braun-graue Steppe aus, nur vereinzelt wächst etwas Gestrüpp. Es genügt trotzdem für die vielen Schafherden, die hier von ihren Hirten durch die Einöde geführt werden. Normalerweise rauschten ständig Autos und Lastwagen an uns vorbei – doch jetzt waren so gut wie keine Fahrzeuge unterwegs. Mit der 'Lächeln-und-Zunicken-Taktik' schafften wir noch drei Straßensperren, dann war es vorbei. Ein grimmiger Mann in Uniform winkte uns hektisch von der Straße und bellte anschließend einen Wortschwall in sein Funkgerät. So blieb uns nichts anderes übrig, als uns zu den anderen Wartenden zu gesellen. Einige hatten auf den Stühlen eines Imbiss-Standes Platz genommen und nippten an ihren Teetassen. Andere standen in kleinen Grüppchen und unterhielten sich. Zahlreiche Autos, Traktoren und Lastwagen standen herum – niemand durfte mehr die Straße befahren. Auch die Eselskarren, die wir bis zuletzt noch gesehen hatten, waren nun zum Stillstand gekommen.

Wir konnten es noch immer nicht ganz glauben. Der Präsident legt tatsächlich den gesamten Verkehr lahm – warum? Ich suchte nach jemandem, der Englisch sprechen konnte – kein einfaches Unterfangen im ländlichen Aserbaidschan. Könnte ich Russisch, so wäre ich weit besser dran – fast alle hier sprechen Russisch. Doch ich habe Glück und finde bald einen jungen Mann, der mich versteht. Ich will wissen, ob heute vielleicht ein besonderer Feiertag ist. Es war zwar niemand in Feierlaune, doch wir hatten im letzten Dorf eine Familie gesehen, die in festlicher Kleidung erwartungsvoll am Straßenrand stand – Eltern und Kinder. "Kein Feiertag. Die wollen den Präsidenten sehen", erklärte mir der Mann in recht gutem Englisch. "Hat früher jeder gemacht, aber jetzt nicht mehr. Keiner freut sich mehr. Der Präsident fährt von Baku nach Ganja [in den Osten des Landes]. Dann darf niemand auf die Straße. Das passiert ständig. Wir müssen warten, bis er hier vorbei kommt. Ich habe einen wichtigen Termin und werde nun zu spät kommen – aber was soll ich machen? Keiner weiß vorher, an welchen Tagen die Straße gesperrt wird. Mein Cousin wohnt in Baku, dort werden ganze Stadtteile lahmgelegt, wenn der Präsident unterwegs ist. So ist das eben.“ Er spricht wie jemand, der längst weiß, dass es sinnlos ist, sich richtig zu ärgern. Ein bisschen wie ein deutscher Bahnfahrer.

Bei der kleinen Zwangspause kommen wir (Michael und Sybille) mit den Einheimischen in Kontakt. Viele leiden unter der korrupten Regierung des Landes. © S. und M. Fleischmann

Der Präsident ist der 'demokratisch' gewählte Nachfolger seines Vaters und der reichste Mann des Landes. Aserbaidschan hat viele Bodenschätze wie Gold, Uran und vor allem Erdöl und Erdgas. Der Gewinn aus dem Erdölverkauf spült jedes Jahr Milliarden in die Staatskasse. Doch die Bevölkerung hat nichts von diesem Reichtum, das Geld wandert in die Taschen der Mächtigen. Hammer und Sichel auf den Kanaldeckeln lassen erahnen, wie lange es her ist, dass in die Infrastruktur investiert wurde. Kein Wunder, dass manche Bewohner des Landes sich heimlich die „gute alte Sowjetunion“ zurückwünschen.

Nach einer weiteren Kanne Tee war es endlich soweit. In einem Konvoi aus 15 schwarzen Autos raste Präsident Alijew mit circa 200 Sachen über die Landstraße. Unmöglich zu sagen, in welchem der Fahrzeuge er überhaupt saß. Dann wurde es geschäftig unter den Wartenden, die Zwangspause war vorbei, jeder wollte nun endlich weiter. Auch wir brachen wieder auf. Obwohl wir es bis zum Schluss ausgereizt hatten, mussten wir drei Stunden warten. „Das müssen wir morgen wieder reinholen“, bemerkte Michael im Hinblick auf unseren knappen Zeitplan. Doch daraus wurde leider nichts. Der Präsident fuhr am nächsten Tag nämlich wieder zurück nach Baku.

 

Sybille und Michael Josef Fleischmann, reisten mit dem Fahrrad und zwei Hunden von Deutschland nach Kambodscha

 

Ungewöhnliche Botschaft: “Good Luck” wünscht ein Schild kurz vor der aserbaidschanischen Grenze

Jeden Abend gilt es, ein flaches, möglichst ungestörtes Plätzchen zum Übernachten zu finden. © S. und M. Fleischmann

Der 45-kg-Rüde “Gomolf” reist bequem in seinem Fahrradanhänger mit © S. und M. Fleischmann

 

Die Beiden veröffentlichten über ihre Rad-Reise ein Buch: 7 Räder und 8 Pfoten – eine (fast) unmögliche Radreise nach Asien.