Reise-Splitter: Plan B im Bauch des Elefanten

Die Sonne geht unter über Khartum und langsam werden die Temperaturen erträglicher. Durch die Dämmerung fahren Motorrikschas und amjads. Ich sitze in einem von ihnen und fahre durch die hereinbrechende Nacht.

Um uns herum ist die Stadt immer noch lebendig. Durch die Fensterscheiben der neonbeleuchteten Pizzarestaurants sieht man gutgekleidete sudanesische Familien, die zu Abend essen. An der Ampel links neben uns ein Eselskarren, beladen mit Säcken, kutschiert von zwei Jungen um die zwölf. Rechts ein Lastwagen, auf der Ladefläche dicht aneinandergedrängt sechs Chinesen. In der Ferne leuchtet das Logo des Afra-Einkaufszentrums. Als wir am Flughafen vorbeifahren, fliegt über uns eine Maschine von Turkish Airlines die Landebahn an.

Der Bauch des Elefanten, wie die drei aneinandergrenzenden Städte Khartum, Omdurman und Khartum al-Bahri genannt werden, wächst und wächst. Ich bin schon manchmal stundenlang Bus gefahren, bis zum Rand der Stadt, in die endlosen Wohngebiete: tausende Hütten, die quasi über Nacht hochgezogen wurden, mitten im Sand, die einzigen Farbtupfer sind die bunten thobes der Frauen, die aus den Nachbarregionen Blue Nile State, Gezira State oder sogar aus Nigeria hierhergezogen sind. Aber heute  bleibe ich in der Innenstadt.

Ich bin am Ziel angekommen, einem Wohnhaus im Viertel Riyadh. Dem Fahrer, einem alten Mann in weißer jallabiya, drücke ich dreißig Pfund in die Hand und steige aus. Schon von unten höre ich die Bässe. Jamaikanischer Dancehall. Meine ugandische Mitbewohnerin ist wohl schon da und hat ihre Musik mitgebracht. Der britische Gastgeber öffnet mir die Tür. Großes Hallo, wir sind jetzt inklusive mir zu siebt. Auf einer deutschen Party mit dieser Gästezahl würden alle herumsitzen. Hier hingegen sind alle in Bewegung. Meine Mitbewohnerin und ich sind die einzigen Frauen. Ich ziehe meinen langen Rock aus, unter dem ich einen Jeansmini trage, tanze mit einem Sudanesen und einem Ugander und noch einem Sudanesen und verschlinge zwischendurch eine große Portion Reis, die irgendjemand in einem Topf in der Küche zubereitet hat.

Es gibt keinen Alkohol mehr, so dass der Brite und einer der Sudanesen aufbrechen, um Nachschub zu organisieren. Nach einer Dreiviertelstunde kommen sie wieder. Plan A –eingeschmuggelter Whisky oder Wodka – war nicht aufzutreiben. Also Plan B, der schwarzgebrannte Dattelschnaps aragi. Obwohl Alkohol im Sudan illegal ist und der Konsum mit Auspeitschen bestraft wird (bei Ausländern drückt man allerdings ein Auge zu), gibt es überall in der Stadt illegale Schnapsbrennereien. Zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt hat sich eine obdachlose Familie in der Ruine eines ehemaligen Wohnblocks eingenistet und brennt dort Schnaps.

Manchmal ist Plan B gut. Manchmal weniger. Dieser hier ist geradezu bösartig. Ich mische ihn mit Cola und kippe das Gesöff mit Todesverachtung hinunter. Nach fünf Monaten im Sudan habe ich immer noch latente Angst, dass ich irgendwann davon blind werde, aber bisher ist nichts passiert. Ich tanze weiter, verliere mich in der Musik, mache zwischendurch Pause auf dem Sofa, wo ich mich mit den zwei Sudanesen über alles und nichts unterhalte. Irgendwann geht uns Plan B aus, und wir schnorren eine Flasche Whisky von dem Simbabwer aus dem Stockwerk unter uns, der dann hochkommt und mitfeiert.

Gegen vier Uhr werde ich müde und will nach Hause, aber um diese Zeit ist es unmöglich, ein amjad zu kriegen. Ich döse auf dem Bett des Gastgebers vor mich hin. Durch das Fenster höre ich den Muezzin, der zum fajr-Gebet ruft. Gegen sechs machen meine Mitbewohnerin und ich uns auf den Weg nach Hause und haben Glück: gleich nach fünf Minuten hält ein amjad an.

Außer uns ist an einem Freitag um diese Uhrzeit noch niemand unterwegs. Das Wochenende hat begonnen und die Stadt schläft. Nur eine streunende Katze drückt sich am Straßenrand herum. Jetzt, wo es auf den Sommer zugeht, sind die Straßen voll Sand, der von unserem amjad in dicken Wolken aufgewirbelt wird. Der Fahrer, ein hoch aufgeschossener Südsudanese, will vierzig Pfund, weil es noch so früh sei. Meine Mitbewohnerin drückt sie ihm in die Hand, wir haben keine Lust mehr zu verhandeln. Die Treppe hoch zu unserer Wohnung erscheint endlos. Ich falle in mein Bett, schlafe tief und traumlos und erwache erst wieder, als der Muezzin zum jumu'ah -Gebet ruft.

 

 

amjad – ein Taxi in Khartum, normalerweise ein Minibus mit sechs Sitzen. Meist schon in einem etwas klapprigen Zustand.

aragi – sudanesischer schwarzgebrannter Schnaps. Besteht im Idealfall aus Datteln, ansonsten will man eigentlich gar nicht wissen, was drin ist. Von uns nur "Plan B" oder auch "The local" (kurz für "the local drink") genannt.

fajr-Gebet – das erste muslimische Gebet des Tages, findet zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang statt.

jallabiya – traditionelles Männergewand. Langer weißer Kittel, oft mit dazu passender Kappe.

jumu'ah – Gebet am Freitag, dem heiligen Tag der Muslime. Findet am frühen Nachmittag statt.

thobe – traditionelles Frauengewand. Großes Tuch, das um den Körper gewickelt wird.

 

Charlotte, 28 Jahre, 6 Monate im Sudan

Mehr Texte von Charlotte findet ihr unter Die Abenteuer der Frau im Stachelschweinkleid