Reise-Splitter: „Sir, please move!“

560th Broadway, Manhattan, New York City . Ich stehe an der Kreuzung vor irgendeinem riesigen Hochhaus und rauche. Die Autoabgase paaren sich mit denen der Fressbuden. Die Hochhäuser mit dem Himmel. Die Ratten mit den Tauben.

Ich schaue nach rechts. An dem riesigen Hochhaus hängt eine winzige Plakette. „Don’t smoke in front of the entrance“. Ich gucke nach links. Drei Anzugträger mit Zigarette. Ich werfe meine auf den Boden, trete sie aus, gucke ob sie wirklich aus ist – man weiß ja nie –, werfe sie in den Mülleimer neben mir. Plötzlich steht ein kleiner, sehr dicker Mann mit Anzug, aber ohne Nacken neben mir. „Sir, please move!“ brüllt er mich an, obwohl wir dicht voreinander stehen. Ich reagiere zögerlich. Ein Fehler. „You are not allowed to stand here“, brüllt er weiter und schiebt mich mit seinem bedrohlichen Bauch immer weiter Richtung Straße. Die Taxis warten nur darauf, mich zu überfahren. Ich schlängle mich durch den dichten Verkehr auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dabei gehe ich natürlich über eine rote Ampel. Das macht man hier so. Man will ja nicht spießig wirken. Ich merke mir: Da, wo man stehen will, muss man gehen und da, wo man eigentlich stehen muss, geht man auch weiter.

Danach gehe ich zur High Line. Ein mehr als zwei Kilometer langer Park, der sich auf einem stillgelegten Gleisbett quer durch Manhattan zieht. „Die perfekte Symbiose zwischen urbanem Lebensstil und ökologischer Grünfläche. Ruhe, Entspannung und eine einzigartige Architektur“ versprach mir eine Dokumentation über die Szeneplätze New Yorks, die ich mir zur Vorbereitung angesehen habe. Damals dachte ich: Quatsch! Wie soll das denn funktionieren? Jetzt sehe ich: Tut’s auch nicht! Die High Line ist heillos überfüllt mit Touristen, Künstlern und Eisverkäufern, die Gurken-Limetten-Wassereis mit einer Prise Chilipulver anbieten. An den Seiten stehen zwischen Blumenbeeten kleine Kunstwerke, die sich nur durch ihre Beschriftung als solche erkennen lassen. Ich versuche mir eines genauer anzugucken. BAAAM. Ein Schlag trifft mich an der Schulter. Der Mann, dem ich die Schmerzen zu verdanken habe, dreht sich nicht mal um. Ich konzentriere mich wieder auf das angebliche Kunstwerk. „MOVE!“, ruft mir ein Mann im Anzug mit abschätzigem Blick zu, während er sich an mir vorbei drängelt.  – Wo ist das „Sir, please“ geblieben? – Wie zwei endlose Züge rasen die Menschen aneinander vorbei. Jeder kleinste Stopp scheint zur Katastrophe zu führen.

Ich laufe weiter zum Union Square. Noch ein „MOVE!“ wollte ich nicht riskieren. Mit einem Eistee setze mich auf eine der vielen Stufen. „Made from the best stuff on earth“, verspricht mir das Etikett der Flasche. Ich glaube, das stimmt. Der Union Square ist bekannt für die besten Restaurants, Theater, Kaufhäuser und Läden der Stadt. Andy Warhol hatte hier sein Atelier. Steht so in meinem Reiseführer. Interessiert mich aber gerade nicht. Ich beobachte lieber Menschen. Vor mir versucht ein Skateboarder zum sechsten Mal, die Stufen besonders cool herunterzufahren. POOOW. Schon wieder auf die Fresse gelegt. Ein kitschiges Pärchen teilt sich ein Eis – gleichzeitig. Mir ist schlecht. Ein Banker raucht lässig seine Feierabendzigarette. Ich zünde mir auch eine an. Eine Gruppe Latinos spielt Fußball und mittendrin rennt eine junge schwarze Frau oben ohne herum. Unkontrolliert läuft sie umher und springt Leute an. Die Frauen gucken skeptisch. Die Männer freuen sich über jede Umarmung. Zwei Polizisten beobachten das Ganze. Ist sie vielleicht auf Drogen? Sie grinsen, genauso wie ich. Dann gehen sie zu den fußballspielenden Latinos und zeigen auf ein Schild: „Ball playing is prohibited“. Die Jungs räumen das Feld. Zum Abschied umarmt die barbusige Frau alle Latinos. Ich merke mir: Es kommt auf die richtigen Bälle an.

Christoph, 26 Jahre, 2 Wochen in New York