Reise-Splitter: Sri Lanka - Kandy Crush

Weniger als ein halber Quadratmeter Platz, extrem laute, dauerhafte Beschallung mit Höhen deutlich über dem nach Bundesgesetz zulässigen Grenzwert, übler Geruch und bakterielle Belastungen ähnlich gesundheitsschädlich wie ein Besuch in einem durchschnittlichen Fischrestaurant Fukushimas. Dies ist nicht der Albtraum eines Klaustrophobikers, auch nicht Guantanamo Bay, sondern die Realität in der ich mich gerade befinde. Es handelt sich um die bisher kuscheligste Busfahrt hier, im mittlerweile etwas weniger euphorisierenden Sri Lanka.

Bis vor fünf Minuten stand ich mal in der offenen Tür des Linienbusses, der mit gut hundert Sachen nach Kandy ballert, mal zwischen lauter Sri Lankern eingequetscht – die ich zum Glück um 10-20 Zentimeter überrage –, mal hämmert mir der Lautsprecher auf Kurzdistanz indische Schnulzenmusik völlig übertaktet und kurz vor dem Overload stehend schrebbelig in mein Gehirn. Ich kämpfe um einige Zentimeter Platz mit anonymen Gesäßdrückern (zum Umgucken war kein Platz), und versuche die in mir aufsteigende Aggression zu unterdrücken. Vielleicht könnte ich ja mit einem kurzen Schlag in den Halsbereich…. nein, genug aufgeregt. Mit Gottes oder Buddhas Hilfe erkämpfe ich mir am Ende doch noch einen eigenen Sitzplatz.

In dem Wahnsinn um mich herum schweifen meine Gedanken ab: Ist Sri Lanka wie seine Busfahrten – halsbrecherisch, anstrengend, rücksichtslos, aber irgendwie aufregend?

Oder ist Sri Lanka wie sein Essen? Auf den ersten Bissen aufregend und würzig, doch mit zunehmendem Genuss wird das eh schon kalt servierte Essen fad. Kaum Höhen, keine Explosion, auch die Schärfe raubt einem nicht den Atem. So probiert man sich durch die Speisekarten, erwartet hier und dort vielleicht doch noch eine Entdeckung zu machen, aber aus den immer gleichen Zutaten werden nun mal auch durch viel Zuneigung und Liebe [zurück in der Realität: Gerade reibt so'n Typ seinen Schritt auf meiner Schulter hin und her…] keine Weltwunder zu vollbringen sein. So kaut man mal an Gebäck mit mehr Teig und weniger Füllung, mal an dem Gegenteil, hier ein dreieckiges Gebäck, dort ein gerolltes, hier Rice & Curry, da Curry & Rice.

Vielleicht ist Sri Lanka wie seine Strände: Auf den ersten Blick farbenfroh und traumhaft schön, doch schon am Abend fällt einem auf, dass man außer rumzuliegen nichts tun kann?

Oder Sri Lanka ist wie seine Bewohner: unterschiedlich und doch einheitlich, ambivalent und unberechenbar, interessant, vielseitig, dreckig, freundlich, bemitleidens- und beneidenswert. Laut und leise, bunt und grau, unorganisiert und doch zielstrebig.

Man muss wohl Fan sein, um diesen Aufenthalt mit all seinen Facetten genießen zu können, ich habe da meine Probleme [unterdessen im Bus: Typ hustet mir seit zwei Minuten in den Nacken und grinst nur, wenn ich ihn entgeistert angucke]. Es ist noch zu früh ein Fazit zu ziehen. Ich werde mir noch fünf Tage lang alle Mühe geben und keine Busfahrt scheuen so viel zu sehen und zu begreifen wie möglich.

Wayan, 23 Jahre, Tag 24/30 in Sri Lanka