Reise-Splitter: Stolperjagd durch Mumbai

© Rainer Krack

Manchmal fühle ich mich wie ein Trüffelschwein. Oder wie ein Suchhund des Rauschgiftdezernats. Oder wie ein pirschender Jäger – obwohl ich es mit Waffen nicht so habe und mich wahrscheinlich versehentlich selbst erlegen würde. Mein Jagdinstrument ist meine Kamera und die Suche nach Motiven treibt mich voran.

Schritt für Schritt stake ich ganz vorsichtig durch die Gassen der ärmsten Viertel Mumbais. Links, rechts, links – Vorsicht, da ist wieder ein offener Gully – nicht reinfallen! Weiter, rechts, links, rechts – verdammt, das war aber jetzt Hundesch …! Hoffentlich wirklich vom Hund, denn die menschliche Variante riecht noch unangenehmer. Weiter geht’s, die Füße bahnen sich ganz vorsichtig einen Weg, denn die Augen haben keine Zeit nach unten zu sehen. Sie schweifen unentwegt durch die Gassen auf der Suche nach Fotomotiven, scannen alles, wie Radargeräte des Frankfurter Flughafens bei Hochbetrieb.

Lotterviertel Falkland Road © Rainer Krack

Und eh ich mich versehe, bin ich wieder da, wo ich vielleicht gar nicht sein sollte: Die Füße und der fotografische Jagdinstinkt führen mich in die schmuddeligen Viertel, in die berüchtigte Falkland Road. Ich mache einem Zuhälter Komplimente für seine poppig-metallisch-rot gefärbten Haare und dieser bietet mir gleich an, mich in einen Frisörladen zu bringen, wo ich eine originalgetreue Kopie seines Schopfes bekommen könnte. „Äh, ne, morgen vielleicht.“. „Okay, kein Problem!“, sagt mein frisch gewonnener neuer Kumpel. Ich verabschiede mich und gehe weiter.

Der Loddel © Rainer Krack

Manchmal stolpern die Füße fast über einen Trinker, der deliriös und platt wie eine Flunder auf dem Bürgersteig liegt und dessen innere Organe gerade mit Batteriesäure und anderen Zutaten kämpfen, die seinem Schnaps zur Verbesserung des Preis-/Wirkungsverhältnisses untergemischt waren. Im Stadtteil Dongri dann, berüchtigt für seine zahlreichen Gangsterbanden, falle ich fast über zwei Junkies, die sich neben einem Müllhaufen getarnt niedergelassen haben. Der eine ist ein richtig netter Kerl. Wir wechseln ein paar freundliche Worte und ich wittere keinerlei Gefahr. Der andere sinkt, nach einem kurzen Versuch der Schwerkraft zu entfliehen und vom Boden hoch zu kommen, komatös zurück auf die harten Pflastersteine. Vielleicht war es ein Versuch, mich in Indien willkommen zu heißen. Kaum zu glauben, aber selbst in den ganz schlimmen Vierteln sind die allermeisten Bewohner Fremden gegenüber sehr respektvoll. Manche kommen auf mich zu und sagen „Welcome to India!“.

Kein Wunder also: Ich liebe diese Stadt – die abgetakelten Stadtteile ebenso wie die Vorzeigeviertel, die einfachen Leute in den „jhopadpattis“, den Slums, ebenso wie die Reichen und Gebildeten in den sündhaft teuren Villen. In den heruntergekommenen Vierteln gibt es aber mehr zu fotografieren. Man „stolpert“ über mehr. Und vielleicht lernt man auch mehr.

Schmuddelstraße Foras Road © Rainer Krack

In der Foras Road, einer Rotlichtmeile, bittet mich eine Dame im Salwar-Kamiz, einer Art indischem Hosenanzug, nach oben auf ihr Zimmer. „Äh, ne, morgen vielleicht.“. Was bei meinem rothaarigen Zuhälterfreund gewirkt hat, wirkt auch hier.  „Okay, morgen. Bestimmt, ja?“. Auf dem Bürgersteig neben ihr liegt ein Freier in feschem blauen Hemd; er schläft einen tiefen Konvaleszenzschlaf, den Kopf gebettet auf einem ordentlich ausgelegten roten Taschentuch.

Ich gehe weiter … Einen Moment lang passe ich wieder nicht auf, wahrscheinlich habe ich irgendein grandioses Motiv ins Auge gefasst. Und da klebt doch schon wieder was am Schuh: ein Stück Kuhfladen! Spitze, super, toll. Kuhfladen riechen nicht, sie bringen Glück. Ich bin gesegnet und jetzt werden alle Fotos gelingen. Es war ein guter Tag – wie immer in dieser verrückten, völlig chaotischen, hektischen und doch so freundlichen Stadt.

Rainer, seit über 30 Jahren in Südostasien unterwegs