ReiseSplitter: Dreißig Jahre später am Prespa-See

 
Von der Passhöhe sieht es genau so aus, wie ich es in Erinnerung habe: Die üppige, grüne Landschaft um die Prespa-Seen leuchtet uns entgegen. Alles beim Alten?
Viele, viele Wochen habe ich in meiner Kindheit hier verbracht, und etwa dreißig Jahre ist mein letzter Besuch her. Es ist Zeit, auf Spurensuche zu gehen.
 
In der Taverne, die wir auf der linken Straßenseite passieren, habe ich so manche Moussaka verdrückt. Beim Vorbeifahren wird erstmals offensichtlich, dass sich doch einiges verändert hat. Das Gebäude sieht eher heruntergekommen aus, die Fenster verriegelt, niemand ist zu sehen. Eine Taverne gibt’s hier nicht mehr. Der Wirt, damals wohl um die 25 Jahre alt, hatte große Pläne, wollte nach New York auswandern. Ob das wohl geklappt haben mag? 
 
 
 
Wir biegen links ab. Ich war noch nicht einmal ein Teenager, als ich das letzte Mal hier war, aber die Gegend hat sich mir eingeprägt. Es hat etwas von „nach Hause kommen“, und ich brauche keine Straßenkarte. 
Aus Berichten anderer Camper weiss ich, dass Thanassis‘ Restaurant am Seeufer schon vor vielen Jahren geschlossen hat, doch auf die Ruine, die sich uns bietet, bin ich nicht vorbereitet. 
Hier begrüßte uns Thanassis‘ Frau fast jeden Abend in der den Griechen eigenen, ehrlichen Gastfreundschaft immer am Treppenabsatz. Oben links stand Thanassis am Grill, schupfte verächtlich einen Fisch von einer Seite auf die andere, dabei immer eine Zigarette im Mundwinkel. Das Restaurant war immer gut besucht, Stimmengewirr der Urlauber mischte sich mit lauter Musik. Jetzt ist es unwirklich still. 
 
Am Strand vor dem Restaurant tobten wir Kinder. Ja, wo ist eigentlich der Strand?
Der Wasserverlust des Prespa-Sees war schon damals ein Thema. Aber ein paar Zentimeter im Jahr, das war kaum zu bemerken. Nach über dreißig Jahren sieht das anders aus. Der Wasserstand des Sees ist massiv gesunken, das ehemalige Restaurant liegt heute nicht mehr am Ufer. Heute muss man schon hundert Meter bis zum Ufer gehen. Der Weg zum See, auf dem man nun geht, fällt steil ab, schließlich war er früher unter Wasser.
 
Eine Schafherde nähert sich. Wir verziehen uns zur Sicherheit in den Camper, mit aggressiven, griechischen Hütehunden haben wir schon so unsere Erfahrungen gemacht. Doch diese Herde wird nicht von Hunden, sondern von einem albanischen Schafhirten gehütet. „Griechen machen diese Arbeit nicht mehr“, behauptet er. Er kaut auf zerknautscht aussehenden Weintrauben herum. Meinen skeptischen Blick auf diese missversteht er wohl, denn plötzlich gehören die Weintrauben uns. Ein Geschenk. Das stresst uns etwas, denn viel haben wir im Austausch nicht anzubieten. Meine Frau gräbt in höchster Not ein paar Müsliriegel hervor, er freut sich. 
 
Wir fahren über den nächsten Hügel nach Psarades. Auch hier bietet sich ein bizarres Bild. Der See ist nicht dort, wo er in meiner Erinnerung hingehört. Stattdessen hat das Fischerdorf nun quasi eine Steilküste. Weit unten liegen irgendwo die Boote. Außerdem gibt es einen neu gepflasterten Dorfplatz (mit großem EU-Hinweisschild), und zwei, drei herausgeputze Kneipen für Ausflugsgäste. Spaziert man weg vom Hauptplatz, findet man kaum mehr intakte Häuser. Fast alles ist verfallen, hier lebt niemand mehr. Vor dreißig Jahren kaufte meine Mutter in Psarades bei schwarz gekleideten Witwen garantiert handgemachten Bio-Feta vom Freiland-Schaf. Auch, wenn damals noch niemand wusste, dass man den Käse verkaufsfördernd so nennen kann. 
Ich möchte nun den Platz finden, wo ich als Kind Drachen aus Schilfrohr und griechischem Plastiktischtuch gebaut habe, an dem ich stundenlang mit dem Fahrrad auf Entdeckungsreise gegangen war und mit dem Schlauchboot am See herumpaddeln konnte.  
 
 
Früher war zwischen der Landzunge, die den großen und kleinen Prespa-See trennt, und dem See nur wenig Strand. Jetzt wuchert hier dichte Vegetation, fast ein Wald auf der großen Sandfläche. Zu Fuß versuche ich mich zu orientieren. 
 
 
 
Ich stoße auf den Bach, der in den See mündete. Aus diesem hatten Griechen immer per Hand Fische unter Steinen gefangen, die wir Camper dann putzten, grillten und gemeinsam mit den Griechen verzehrten. Ich folge dem Bachlauf zum See. Hier, links davon, müsste unser Camp damals gewesen sein. Nur ich mit meiner Familie, zwei bis drei befreundete Camper. Etwas weiter entfernt am Strand noch ein paar „verwegene Abenteurer“ aus Deutschland, den Niederlanden und Österreich. Heute ist hier niemand mehr. Ich fühle mich hier fast wie zuhause, aber es ist plötzlich ganz fremd. Und der See ist hundert Meter zu weit entfernt. 
 
 
Wir fahren hoch nach Agios Germanos. Dort gab es damals den einzigen Laden und einige Restaurants. Der Laden hat geschlossen, die Post auch. Straßen und Plätze sind neu gestaltet, Hinweisschilder weisen auch hier auf EU-Gelder hin. 
Wir kehren zum Essen ein, der Wirt erzählt uns, dass der Tourismus mit dem Bau der Autobahn von Thessaloniki zum Erliegen kam. War früher die Reise ans Meer auf schmalen Straßen eine schwierige Angelegenheit, konnten die Einwohner aus der Region plötzlich für ihren Urlaub ungehindert ans Meer fahren. Der See war nicht mehr interessant. Dazu kam der sinkende Wasserspiegel, geschlossene Restaurants, und so blieben auch die ausländischen Touristen nach und nach aus.  
 
Wir fahren weiter in Richtung Florina. Unterwegs sehen wir, wie eine neue Skipiste in den Wald gegraben wurde. In Griechenland, im Jahr 2016. Guter Plan. 
 
 
Thanassis, unser Wirt von damals, hatte später in Florina ein Restaurant. 
 
 
An Florina kann ich mich kaum erinnern, hier waren wir nur ein paar Mal für Großeinkäufe am Markt. Ich finde mich nicht zurecht, und das Internet ist keine Hilfe.
Wir wollen beinahe schon aufgeben, als uns das alte Garmin-Navi zu Hilfe kommt. Es kennt doch tatsächlich Thanassis‘ Restaurant. Google maps kennt es nicht, und bald sehen wir auch, warum. Hier sind keine weiß gedeckten Tische mehr links und rechts der Marmor-Treppe. Das Tor ist verschlossen, das Haus dunkel. Ich bin gar nicht sicher, am richtigen Ort zu sein. Ein Mann kommt die Einfahrt herunter, die breite Hutkrempe verdeckt sein Gesicht.  Dreißig Jahre lang hat er mich nicht gesehen, und ich war nur eines von vielen Touristen-Kindern. „Hello. I’m Gerfried, from Austria…“ beginne ich. Weiter komme ich nicht. „GERFRIED!” er nimmt den Hut ab, und sieht mich von oben bis unten an. “BIG MAN NOW! You were so small! Where are your parents?“ 
 
 
Als ob es gestern gewesen wäre. Thanassis lädt uns ein, mit ihm unter dem Vordach zu sitzen. Warum wir erst jetzt kommen, fragt er. Fünfhundert Kilometer Umweg können keine Ausrede sein. Wir reden eine Weile, doch wie fasst man dreißig Jahre zusammen? Fragen nach seiner Familie beantwortet Thanassis nur ausweichend. 
Plötzlich springt er auf, wir müssen ihm in den Gemüsekeller folgen. Meinen Eltern und den damaligen Camper-Freunden soll ich mal vernünftige, griechische Paprika mitnehmen. Und Tomaten. Und Zwiebel. 
 
Vollgepackt mit Gemüse nehmen wir Abschied. Von früher, und von einem Fleck Erde, der nicht mehr so ist, wie ich ihn kannte, mich aber dennoch berührt.
 
 
Über den Autor:
Gerfried Reis war schon seit frühester Kindheit mit seiner Familie im Camper unterwegs. Nach einigen Jahren Pause und dank ohnehin zu vieler, beruflich bedingter Flugreisen ist er auch heute wieder bevorzugt im Wohnmobil unterwegs. Er betreibt den Wohnmobil-Ratgeber WoMoGuide und schreibt dort unter anderem über seine Reisen.