Reisesplitter – eine Reise ins Herz Apuliens

Meine Koffer sind gepackt für eine Reise ins Itriatal. Über das Netzwerk WWOOF (World-Wide Opportunities on Organic Farms) habe ich eine Gastfamilie gefunden, bei der ich jetzt im März vier Wochen verbringen möchte, um in der ökologischen Landwirtschaft zu arbeiten. Bekannt ist das Itriatal vor allem wegen der Trulli, runde Kegelbauten mit Spitzdächern, die wie Zipfelmützen überall aus dem Tal heraus spitzen.  Unberührte, wilde Natur gibt es im Itriatal kaum. Es ist eine Kulturlandschaft, die seit Jahrhunderten von Kleinbauern zum Anbau von Oliven und Wein genutzt wird.

Am Bahnhof werde ich von meiner Gastfamilie herzlich empfangen und habe gleich das Gefühl, die Chemie stimmt. Ich habe ein Zimmer im Haus der Familie mitten in der  Altstadt. Am nächsten Morgen geht es vorbei an blühenden Mandelbäumen und Mohnblumen raus auf das ca. 2 Hektar große Grundstück, das sich seit mehreren Generationen im Familienbesitz befindet. Vorne gibt es ein großes Gemüsebeet, einen kleinen Geräteschuppen und einen Trullo. Hinten stehen Oliven- und Mandelbäume. Ein freies Feld wird gerade von einem Permakulturexperten umgestaltet.

In den folgenden Wochen sieht mein Tagesablauf so aus: nach dem Frühstück nehmen wir alle zusammen einen Cappuccino in der Cafebar im Ort – ein Ritual. Danach fahren wir aufs Grundstück. Katzen füttern, Gummistiefel an. Bruttabella, die neugierigste der Katzen, sieht mir zu, wie ich Unkraut jäte, den Boden lockere und dünge. Bald werden wir das Beet mit Zwiebeln, Salat, Bohnen, Zucchini und Tomaten bepflanzen. Manchmal pflücke ich Chicoree, ein wildes Gemüse, das nach traditionell bäuerlicher Art mit Bohnen und Kartoffeln zubereitet wird.

Zum Mittagessen fahren wir zurück in die Stadt. Da ich mich nicht an italienischen Kochkünsten messen lassen will, übernehme ich das Spülen. Nach dem Essen wieder Caffè, eine Zigarette, ein bisschen ausruhen und dann zurück aufs Land.

An den Olivenbäumen schneiden wir vorsichtig die abgestorbenen Äste ab. Die Feinarbeit wird dann der „Maestro“ machen, ein sehr alter Mann, den ich leider nie kennen lerne. "Wer zu viele Oliven von einem Baum will, dem gibt er keine einzige" heißt es.  Die abgeschnittenen Äste werden gehäckselt und kommen zusammen mit Küchenabfällen, Viehmist von der Weide des Nachbarn und Unkraut auf den Komposthaufen. Immer ist Zeit für eine Zigarettenpause, einen Plausch mit Freunden oder Handwerkern. Es tut mir richtig gut, in der roten, apulischen Erde zu wühlen und nach ein paar Tagen fällt der Großstadtstress von mir ab. Vor Einbruch der Dunkelheit machen wir Feierabend, essen zusammen und meistens falle ich gegen 22.00 müde und sehr zufrieden ins Bett.

Ich stelle mir vor,  wie mühsam es war, dieses Land urbar zu machen. Die kleinen Mäuerchen, die das ganze Itriatal durchziehen, erzählen davon, wie viele Steine die Bauern im Laufe der Zeit von den Feldern entfernt haben. Fast alles ist hier noch Handarbeit und das wichtigste Werkzeug ist ein solide "Zappa" (Hacke). Bei Regen bleiben wir zuhause, kochen Orangenmarmelade oder Nussmus und ich erfahre mehr über das Leben in Apulien.

Kleinbauern verdienen kaum etwas, aber sie können sich mit dem Nötigsten selbst versorgen und Tauschgeschäfte machen. Im wirtschaftlich schwachen Süditalien gibt es nach der Krise 2008 eine kleine mehr oder weniger freiwillige Zurück-aufs-Land-Bewegung. Auch der Agrotourismus  ist ein Versuch, die Wirtschaft Apuliens wieder in Schwung zu bringen und das Itriatal, die Altstädte von Locorotondo, Alberobello oder Martina Franca werden immer beliebter bei Touristen.

Am Ende dieser vier Wochen fühle ich mich unglaublich geerdet und bin mir sicher, dass es nicht meine letzte Reise nach Apulien gewesen ist.

Vielen Dank an Alexandra Horn.

 

Bericht über meine Erfahrungen als Freiwillige in der ökologischen Landwirtschaft im Tal der Trulli.

www.dasmeerundapulien.com

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