ReiseSplitter: Vitamin Q in Georgien

Bei den tuschetischen Hirten

Ich reite einen elfjährigen Wallach, der auf den Namen Gledscho hört. Es ist ein Kabardiner mit Sprenkelungen. Ins braune Fell sind schon einige graue Haare eingestreut. Kennen Pferde eigentlich Asrael, den Engel des Todes? In einer nordkaukasischen Erzählung will Asrael einen Menschen für das Jenseits abholen. Der zum Tode ausgewählte bittet um Nachsicht und Aufschub und den Engel darum, sich beim nächsten Mal doch vorher anzukündigen. Als der Engel wieder unangekündigt erscheint, wirft der Mensch dem Engel vor, nicht gewarnt worden zu sein. Der Engel jedoch antwortet: "Der Tod, mein Freund, wird durch das graue Haar angekündigt". Gledscho wird noch ein langes Leben haben, denn Pferde sind vom Totengericht ausgenommen.
 
Mein Pferd tritt sicher. Es sucht sich stets den besten Weg zwischen Steinen, Grasnarbe und, was besonders wichtig ist, auf den rutschenden Schiefergeröllflächen, die kaum Halt bieten. St. Georg ist der Heilige der Reitenden, er ist mit uns unterwegs. Man braucht einige Tage, um Zutrauen zum Pferd zu gewinnen, sich auf sein Gespür zu verlassen, es auch an gefährlichen Stellen einfach gehen, die Zügel lockerzulassen und auf die Klugheit des Tieres zu vertrauen. Anfangs versucht man noch, das Pferd in die vermeintlich richtige Richtung zu leiten. Aus Erschöpfung läßt man dann irgendwann locker. Der kappadokische Reiterheilige sorgt für unsere Sicherheit.  
 
 
Tropfen fallen. Bald gießt es. Dann hagelt es. Die aus Angst, mit den Schnallen der Wanderstiefel in den Steigbügeln des Pferdes hängenzubleiben, am ersten Tag angezogenen Halbschuhe sind bald vollgelaufen. Der Regenmantel ist zu kurz, um die Schuhe in den Steigbügeln an den Flanken des Pferdes vom Regen abzuschirmen. Schon bald bin ich bis auf die Haut durchnässt, steige vom Pferd und führe es langsam den Abhang hinab. Der Rest meiner Reitergruppe ist schon fast im Tal Alasnis Thawi (Quell der Alasani). Die Schäfer im Tal nehmen uns in ihrer Hütte auf. Wir versuchen, die in den Rucksäcken durchnässten Kleider im völlig verqualmten Schuppen zu trocknen.
 
Vitamin “q” bieten uns die Schafhirten an. Ich verstehe “q” wie “ßiqwaruli”, das bedeutet Liebe. Tatsächlich meinte der Schäfer “q” wie qawa (Kaffee). Wer bis auf die Knochen durchnäßt von Scharfhirten in ihrer Hütte aufgenommen, mit Kaffee verwöhnt und gesottenem Schafsfleisch bewirtet wird, versteht und fühlt das “q” wie “ßiqwaruli”.
 
Philipp Ammon
 
Hier finden Sie zwei Videos von Philipp Ammon:
 
Hier gibt es noch mehr Reise-Splitter: Reise-Splitter: Mehr Geschichten von unterwegs
 
Wer sich darüber hinaus über Georgien informieren möchte, findet Reise-, Sprach- und Wanderführer sowie eine Landkarte auf unserer Homepage: