Rucksack und Rentner unterwegs im Norden Irans

Iran - Fuman © Christiane Bogenstahl | Reinhard Junge

BACK TO THE ROAD – Christiane und Reinhard von Rucksack und Rentner berichten über "ne geile Zeit im Norden Irans"

Kein Smog, kein Dauergehupe, keine Marktschreier in überfüllten Gassen. Auch keine berühmten Moscheen, keine antiken Grabstätten oder prunkvolle Paläste.

Wir sind auf dem „platten Land“.

Fleißige Bauern schuften auf den Feldern, um das iranische Hauptnahrungsmittel Reis anzubauen, Häuslebauer stapeln Ziegel und die meisten Dorfbewohner pflegen ihre Gemüsebeete. Der klassische Tourist hat hier so viel zu suchen wie der Osterhase unterm Weihnachtsbaum. Warum zum Teufel sind wir also hier?

Eigentlich hatten wir ein paar besinnliche Tage am kaspischen Meer geplant. Die ewige Packerei und Umzieherei schlaucht uns auf Dauer ganz schön. Seeluft schnuppern, spazieren gehen, gutes Essen genießen. So malten wir uns das aus. Aber da kannten wir Hamed noch nicht.

Als wir wenige Tage zuvor per Couchsurfing-App einen Host für Qazvin suchten, hatte uns auch ein junger Iraner eine Nachricht geschickt.

„This is Hamed from north of Iran. I saw your request for Qazvin but I thought you may also like to visit Fuman. I live with my parents in a village near Fuman city. Fuman City is near both the mountains and Caspian Sea. To be honest it is an invitation and a call for help too.(…)“

Als wir nun unseren Aufbruch aus Qazvin planten, fiel mir seine Bitte wieder ein. Ich dachte nach. Wir haben so viel Gutes im Iran empfangen. War es da nicht an der Zeit, etwas zurückzugeben? Reinhard musste nicht überzeugt werden. Noch bevor ich die Frage zu Ende gesprochen hatte, war die Sache klar. Wir wollten gerne helfen.

Am Dienstag fahren wir also in einem Savari, einem Sammeltaxi, nach Fuman, das sich als netter, bunter und quirliger Ort herausstellt. Wenige Minuten, nachdem ich Hamed angetextet habe, kommt ein großer schlaksiger Bartträger, Anfang Zwanzig, auf uns zu. Hameds Grinsen ist so breit, dass wir seine Zähne zählen können. Die Freude wirkt echt. Er heißt uns erst willkommen - und dann ab ins nächste Auto. Da wartet schon ein Cousin von ihm und fährt uns über leere Landstraßen durch schier endlose Reisfelder. Endlich sehen wir eine Toreinfahrt. Dahinter eine große Grasfläche, bevölkert von zwei Dutzend Küken, die hinter ihren Müttern herlaufen. Links das kleine Wohnhaus, weiter hinten ein steinerner Stall. Hameds Vater Mehdi, 83, krummbeinig am Krückstock humpelnd, pflockt gerade die einzige Kuh zum Grasen an.

Iran - Fuman - Hameds Vater Mehdi © Christiane Bogenstahl | Reinhard Junge

Uns wird klar:

Wir sind hier am Ende der Welt.

Ein getauschter Blick genügt.

Jau, wir finden es richtig geil!

Hameds Mutter kommt auf uns zu und nickt. Sie heißt Shah Khanom. Dann deutet sie entschuldigend auf das Federvieh. Sie hat zu tun. Gebückt nähert sie sich den Küken und versorgt sie mit einer Mischung aus Reis und Maisstärke. Wir schauen gebannt zu, wie sie eine Ente einfängt. Die soll dich nicht etwa …? Hamed lacht. „Nein, sie wäscht sie nur.“ „Warum?“ „Ihre Küken schlüpfen bald. Wenn die Kloake sauber ist und die Eierschalen feucht sind, kommen die Kleinen leichter raus.“

Iran - Fuman - Hameds Mutter Shah Khanom © Christiane Bogenstahl | Reinhard Junge

Wahnsinn. Kaum angekommen, lernen wir schon das ABC des Landlebens. Unser Gastgeber stellt uns auch seinen Vater vor. Dann zeigt er uns unser Zimmer. Ein großer Raum mit rotem Teppich und Sitzpolstern an der Wand. In der Ecke ein einsamer Stuhl und ein kleiner Schreibtisch. Wie es aussieht, überlässt Hamed uns sein Zimmer. Nur eines finden wir nicht. Ein Bett, eine Matratze, nicht mal eine Yogamatte. Okay, denke ich. Couchsurfing ohne Couch. Mal sehen, was der Rücken dazu sagen wird. Später zaubert Hamed dann doch ein paar bequeme Unterlagen hinter einem Vorhang hervor.

Kaum haben wir unsere Klamotten ausgepackt, höre ich erst Shah Khanom in Farsi, dann Hamed in Englisch rufen. „Das erste Baby schlüpft. Wollt ihr gucken?“ „Jaaa, Babies“, schreie ich begeistert und springe auf. Shah Khanoms Lachen tönt über den Hof. Während Hamed die Entenmama hält, sehen wir zu, wie das feuchte Küken sich den Weg in die Freiheit bahnt. Leben. Faszination pur. Dann überlassen wir der zu recht fauchenden Mutter ihren Nachwuchs und schließen die Stalltür.

Fast ohne Pause geht die Arbeit für die beiden Eltern in Garten und Küche weiter. Für das Gemüse sorgen sie weitgehend allein, aber auf dem Reisfeld hinter dem Gehöft muss Hamed helfen. Dieser Hof erinnert Reinhard an einen der deutschen Heimatfilme der 50er Jahre. Doch statt „Und ewig singen die Wälder“ müsste der Titel vielleicht „Und ewig raschelt der Reis“ lauten. Totale Idylle? Nicht auf den zweiten Blick. Der gesamte Hof wirft offenbar gerade genug ab, um das Überleben zu sichern. Das Geld reicht nicht, den Vater mit dritten Zähnen zu versorgen, die Mutter zu einem Rückenspezialisten zu schicken und das Wohnhaus um ein Zimmer und einen weiteren Zugang zum Bad zu erweitern. Eine Rente für die greisen Eltern scheint es nicht zu geben, die Banken geizen mit Krediten. So führt der nächtliche Weg zum Klo wohl noch eine ganze Weile durch das Esszimmer, wo die komplette Familie auf dünnen Matten schläft.

Und hier setzt die Geschichte an. Es ist an der Zeit zu reden.

Hamed hatte eine Idee. Seit 2012 hosten er und seine Familie kostenlos Couchsurfer, Übernachtung und Verpflegung inklusive. Geld verdienen wollten sie damit nie, und Hameds Eltern waren von der Idee anfänglich ganz und gar nicht begeistert. Bis der Sohn einfach gegen den ausdrücklichen Wunsch eine Gruppe europäischer Jungs mitbrachte. An diesem Tag hatte Schah Khanom gesundheitliche Probleme. Die Jungs brachten sie mit dem gemieteten Wagen in ein Krankenhaus. Und dann blieben sie dort. Stundenlang, bis klar war, was los war, und sie die Mutter nach erfolgreicher Behandlung (es war wohl ein sehr leichter Schlaganfall) wieder mitnehmen konnten. Das änderte alles.

Hamed lernte Englisch. Und es passierte noch viel mehr. Er änderte sich. Früher wollte er wie alle jungen Leute raus aus dem Dorf. Aber nun eröffneten sich ganz neue Perspektiven. Eine Idee entstand. Könnte man nicht Touristen und Backpackern helfen und den Leuten aus dem Dorf? Was könnte einen Ausländer dazu veranlassen nach Fuman zu kommen oder in die umliegenden Dörfer? Gemeinsam mit seinem Freund Yasin, einem Informatikstudenten, überlegte er. Und sie überlegten lange und gründlich.

Das Ergebnis ist die Website: www.iranorth.com

Bloß: Wie macht man so eine Seite bekannt, wenn die professionellen Veranstalter den Norden Irans meiden als hätte Trump dort ein Basislager aufgestellt. Und hier kommen wir ins Spiel.

Unser Vorschlag lautet wie folgt:

1. Wir übersetzen die Seiten ins Deutsche

2. Wir machen Korrekturen zum Inhalt der Webseite

3. Wir machen Vorschläge zum Bekanntmachen der Seite

4. Wir probieren einige auf der Seite vorgeschlagene Aktivitäten aus

5. Wir berichten davon so, wie wir es erleben, in unserem Blog

Wir drei sind uns einig. Noch am selben Tag beginnen Reinhard und ich mit dem Übersetzen. Bis unser junger Gastgeber uns loseist. „Das Essen ist fertig!“

Iran - Fuman - „Das Essen ist fertig!“ © Christiane Bogenstahl | Reinhard Junge

Danke an Christiane und Reinhard für ihren Bericht aus dem Norden Irans und der Einsicht, dass es wichtig und gut ist, ausgetretene Pfade zu verlassen und auch mal auf dem "Platten Land" im Norden Irans zu landen :-)

Vielen Dank auch für die Info zu iranorth.com, wir geben das gern an die Autoren weiter.

Ihr Bericht ist noch nicht zu Ende und kann auf ihrem Blog weiter gelesen werden:

www.rucksackundrentner.de

Christiane und Reinhard in unserem BACK TO THE ROAD Projekt:

BACK TO THE ROAD mit Christiane & Reinhard von Rucksack & Rentner