Saddlestories: Endet hier unsere Reise?

Vietnam © saddlestories

Ist unsere Reise zu Ende?

In den letzten Wochen hatten wir mit so vielen unerfreulichen Ereignissen zu kämpfen, dass wir uns entschlossen haben hier von unserer mehrwöchigen Pechsträhne zu erzählen und unsere chronologische Berichterstattung über den Haufen werfen. 

Nun, alles begann in Vietnam, Mitte Dezember. Wir waren schon fast wieder auf den Rädern, als wir neben dem kleinen Restaurant, in dem wir zuvor zu Abend gegessen hatten, eine lustige Truppe Volleyballspieler entdeckten. Als hätten sie das Kribbeln in meinen Fingern gespürt, winkten sie uns sofort auf das Spielfeld. Unfähig, dieser Versuchung zu widerstehen, spielten wir mit den älteren Herrschaften ein paar Runden Volleyball. Eine fetzn Gaudi!! Doch nach einer halben Stunde tat mein unterer Rücken bereits so weh, dass wir das Spiel leider beenden mussten. In der Abenddämmerung machten wir uns noch auf die Suche nach einem Zeltplatz für die Nacht. Am nächsten Tag hatten sich die Schmerzen verstärkt und nach nur 30 Kilometern  beschlossen wir, meinem Rücken eine Nachmittagspause zu gönnen. Von nun an stand ein allabendliches Dehnen auf dem Programm. 

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Tage später überschritten wir die Grenze zu Laos und wurden bereits auf den ersten Radelmetern in den Bann dieses Landes gezogen. Wir hatten das Gefühl, im Radreisehimmel gelandet zu sein: Kein Verkehr auf den Straßen, winzige Dörfer aus Holzhütten, dünn besiedelte Gegenden, wilde Natur, schöne Landschaften und vor allem Ruhe. Kein Lärm, kaum Hupen, keine laute Musik - alles so ganz anders als in Vietnam! Als Tüpfelchen auf dem I wurden wir in jedem Dorf von den Menschen mit einem herzlichen „SABAIDIIII“ (=Hallo auf Laotisch) begrüßt. Wir konnten das, was uns in Laos erwarten würde, kaum noch erwarten, so sehr freuten wir uns auf das Radfahren hier!  

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Eines Tages mussten wir unsere Taschen mit einem Essensvorrat für 3 Tage füllen, weil wir eine abgelegene Bergkette im Norden Laos‘ überqueren wollten. Am Ende des Tages freuten wir uns ein Dorf gefunden zu haben, in dem wir auf dem Schulhof unser Zelt aufschlagen durften. Mit all den Schulkindern um uns herum wurde es ein ganz besonderer Abend. Wie nun schon gewohnt, machten wir vor dem Abendessen unsere Dehnungsübungen und es war das erste Mal seit unserer Volleyball-Einlage, dass ich einen erheblichen Fortschritt in der bis zu diesem Zeitpunkt nur langsam wiederkehrenden Beweglichkeit meines unteren Rückens zu bemerken glaubte. Wenige Minuten später wollte ich eine Flasche vom Boden aufheben und da passierte es: Mir schoss es gewaltig in den Rücken ein. Und im nächsten Augenblick wiederholte sich das Ganze noch einmal, nur noch viel heftiger. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten und Reini musste mich ins Zelt hieven. 

Am nächsten Morgen beobachtete uns die ganze Schule. Der Englischlehrer lud uns ein, Englisch zu unterrichten und viele Dorfbewohner winkten uns in ihre Häuser. Trotz meiner heftigen Schmerzen versuchte ich mein Bestes, um diesen einzigartigen Moment genießen zu können. 

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Dieses gastfreundliche Dorf war so abgelegen, dass wir ein paar Stunden warten mussten, bis ein Auto vorbeikam, das uns in ein etwas größeres Dorf 80km weiter südlich bringen konnte. Am Abend des 23. Dezember hatten wir es in ein Gästehaus geschafft. Dort wurde uns dann bewusst, dass in meinem derzeitigen Zustand nicht weiter an Radfahren zu denken war. Und das würde sich bis Jahresende auch nicht so schnell ändern. Ein ziemlich beschissenes Gefühl, noch dazu so knapp vor Weihnachten.  

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Die nächsten Tage verbrachte ich vollgestopft mit Schmerztabletten im Bett, während Reini alles alleine meistern musste. Drei Mal täglich sorgte er für mein leibliches Wohl, er bereitete mir meinen täglichen Tablettencocktail, ging zum Markt und ließ geduldig meine Jammerei über sich ergehen. Mit Hilfe der Tabletten ging es dann auch langsam bergauf und nach vier Tagen war ich zumindest wieder fähig, länger als zwei Minuten mein Bett zu verlassen. Diese Besserung wollten wir nutzen, um mit einem kleinen Bus in den nächstgrößeren Ort zu fahren. Von dort sollte dann auch eine Weiterreise nach Luang Prabang möglich sein, wo wir uns mit anderen Radreisenden für Silvester verabredet hatten.  

Besagter Bus, ein Van, sollte uns 50 Kilometer in die nächste kleine Stadt namens Phonsavan bringen. Die Fahrräder am Dach verstaut, ging es in den frühen Morgenstunden gemeinsam mit drei weiteren Fahrgästen los. Die Straße führte über kleine Berge, die morgens noch von dichtem Nebel verhangen waren. Ganz oben hatte es sogar leicht zu regnen begonnen. Ob das unserem Busfahrer entgangen war? Vermutlich, denn er war übermütig und fuhr die kurvige Bergstraße so wild, dass er plötzlich die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. In einer Rechtskurve kamen wir ins Schleudern, der Bus drehte sich um 180 Grad, ein Vorderreifen verfing sich im Straßengraben und der Van kippte mit voller Wucht um.  

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Wir und alle anderen Insassen  krochen schnell aus dem Auto und es war gleich klar, dass sich außer mir niemand verletzt hatte. Unter Schock stehend, spürte ich zunächst noch keinen Schmerz, deswegen konnte ich das Blut auf meinen Fingern erst nicht zuordnen. Auf meiner Hüfte entdeckten wir dann eine große, aber Gott sei Dank nicht besonders tiefe Schürfwunde. Erst einige Minuten später begann mein Oberschenkel wild zu pochen und noch immer unter Schock stehend gingen mir die schlimmsten Befürchtungen durch den Kopf. Reini, der mit dem Schreck davongekommen war, deckte mich gleich mit der Notfalldecke aus unserem Erste Hilfe Set zu, um mich vor dem Regen zu schützen. Nach und nach blieben Passanten stehen, der Fahrer telefonierte, das Gepäck wurde aus dem umgefallenen Van geholt und letztlich wurden auch unsere Räder vom Dach genommen. Und da wurde uns mit einem Schlag klar: Das sieht nicht gut aus. Reinis Rad hat es richtig schlimm erwischt!

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Da an Englischkenntnisse der uns umringenden Personen nicht zu denken war, waren wir zunächst ziemlich ratlos. Würde hier je ein Rettungswagen kommen?  Oder die Polizei? Anders als in China funktioniert in Laos die Sprache mit Händen und Füßen so weit, dass wir klar machen konnten: Wir müssen so schnell wie möglich in ein Krankenhaus! Und während wir wild gestikulierend „besprachen“, in welches Dorf wir gebracht werden wollen, machte es nur 10 Meter hinter uns erneut einen lauten Knall. Dieses Mal war es ein LKW, der um die Kurve geflogen kam. Gleicher Ort, gleicher Unfall, und wieder war keinem was passiert -  Hochsaison für Schutzengel!

Ein älteres Ehepaar erklärte  sich letztlich bereit, uns und unser Gepäck mit ihrem Pritschenwagen in das 30km entfernte Krankenhaus in Phonsavan zu fahren. Auf einem Auge blind, fuhr der Fahrer nur halb so schnell wie unser Unfallverursacher zuvor. Trotzdem kauerten wir (oder vielleicht nur ich?) zitternd vor Angst auf dem Beifahrersitz. 

Eine knappe Stunde später kamen wir im Krankenhaus an -  ein Erlebnis für sich! Anstatt mir den Rollstuhl unter den Hintern zu schieben und mich die Rampe hochzufahren, stellte die Krankenschwester den Rollstuhl bei der Treppe ab und wartete, bis ich mit Hilfe Reinis und des einäugigen Fahrers auf einem Bein hochgesprungen war. Der Zustand des Gebäudes, der Einrichtung oder die (fehlende?) Ausbildung der Krankenschwestern – mir wurde immer mehr bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten, dass uns hier nichts Ernsthaftes passiert war. Reini riss dann irgendwann der Geduldsfaden und er übernahm die Arbeit der (angeblichen) Krankenschwester, indem er mich zum Röntgen fuhr, mir Verbandsmaterial und Antibiotika aus der Apotheke organisierte, mir warme Socken anzog, als meine Zehen schon ganz blau vor Kälte waren, und die Schwestern auf meine mit Erde verdreckte Wunde aufmerksam machte. Der Arzt sprach etwas Englisch und entließ uns, nachdem zu unserer großen Erleichterung feststand, dass meine Knochen heil geblieben waren. Bevor wir das Krankenhaus wieder verließen, konnten wir die Dame, die als Krankenschwester verkleidet war, doch noch davon überzeugen, meine Wunde zumindest vom größten Dreck zu befreien.  

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Beim Röntgen. Bekommt man da für Gewöhnlich nicht eine Bleiweste umgehängt?

Mit einem Tuktuk fuhren wir zur nächstgelegenen Unterkunft, in der wir zum ersten Mal über die Geschehnisse nachdenken konnten. Wir verbrachten den Rest des Tages mit langen Telefonaten mit unseren Eltern und Freunden. Es war wichtig, das alles loszuwerden. 

Was nun folgte, war eine Achterbahn der Gefühle, wie wir sie bisher noch nicht gekannt hatten. Unsere Gefühlspalette reichte von „wir sind die glücklichsten Menschen der Welt, weil wir am Leben sind!“ bis zu „ich will nach Hause“, von Heulkrämpfen bis zum Glücksrausch, von „wir schaffen das“ bis zu „wir geben auf“. Natürlich zogen wir nie ernsthaft in Erwägung, aufzugeben. Nur in den geheimsten Momenten habe ich mir vielleicht kurz gewünscht, aufzugeben. 

In Phonsavan, jener Stadt, in der wir die erste Woche nach dem Unfall verbrachten, mussten wir entscheiden, wie es weitergehen sollte. Letztendlich konnten wir uns dazu durchringen, über den Landweg bis nach Bangkok zu reisen, wo die beste Möglichkeit bestand, unsere Räder wieder fahrtauglich zu machen. In einer 12-stündigen Busfahrt ging es so schließlich zunächst nach Vientiane, in die Hauptstadt von Laos. Dort konnten wir ein zweimonatiges Visum für Thailand beantragen, bevor es in einer 11-stündigen Zugfahrt nach Bangkok ging. Diese Woche - von der Abfahrt in Phonsavan bis zur Ankunft in Bangkok - war mit Abstand die schrecklichste, die wir bisher durchgemacht hatten. Die Organisation dieser 1000 Kilometer langen Reise hatte uns nicht nur eine Falte ins Gesicht gezeichnet. Zwei kaputte Räder, das gesamte Gepäck und eine halb lädierte Person mit öffentlichen Verkehrsmitteln über eine Landesgrenze hinweg 1000 Kilometer zu transportieren - wirklich keine einfache Aufgabe! Die Erleichterung, als wir endlich in Bangkok angekommen waren, war dafür umso größer. 

In optimistischen Momenten sagten wir uns: „Das neue Jahr kann nur besser beginnen, als das alte aufgehört hat!“ Ganz unrecht hatten wir damit zuerst nicht: Wir bekamen nämlich Besuch von zuhause! Reinis Eltern kamen am gleichen Tag in Bangkok an wie wir. Was für ein Wiedersehen!

Nur wenige Tage später flog ich in den Süden Thailands, um dort meinen Bruder, seine Frau und meine kleine Nichte zu sehen. Ich schwebte vier Tage wie im Himmel.

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Balsam für die Seele! 

Aber anscheinend nahmen wir das Glück während dieser schönen Tage so stark in Anspruch, dass das Pech nach Aufmerksamkeit krächzte und erneut gnadenlos zuschlug: Reini fing sich einen Grippevirus ein und liegt nun schon seit Tagen mit Fieber im Bett. Zwei Wochen ist kein Sport erlaubt. Aber weil unsere Fahrradersatzteile, die wir in Deutschland bestellt haben, auch irgendwo fest hängen und immer noch nicht geliefert wurden, haben wir ja ohnehin noch keine Räder, mit denen wir weiterfahren könnten. Vielleicht schaffen wir es ja, den Pechvorrat des gesamten Jahres 2020 bereits im Jänner aufzubrauchen, dann können wir das restliche Jahr sorgenfrei durch die Welt radeln. Liebes Pech: Deal? 

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