Styros Weltreisen im Iran: Erste Tage im Iran

© Christian Binder

Wir müssen uns insgesamt eingestehen, den Iran noch nicht ganz so ins Herz geschlossen zu haben. Eben nicht so, wie die meisten Reisenden erzählen, dass man von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen allerorts überwältigt sei. So haben wir es in der Türkei erlebt, hier bislang noch nicht. Oft fehlt einfach dieses Bemühen, uns behilflich zu sein. Vielleicht auch sind unsere Erwartungen zu hoch gesteckt. Wir müssen erst richtig ankommen in diesem neuen Land. Das ist bislang noch nicht geschehen. Unwissenheit fühlt sich rasch unbehaglich an, das ist normal. Und so geht es wohl auch uns.

Wir haben noch kein Gefühl für die Dinge. Wissen nicht, welcher Preis wofür adäquat ist. Immer wieder schwingt so ein bisschen mit, man möchte uns übers Ohr hauen. Manchmal wird es so sein, aber ganz sicher nicht immer. Dann  kommt das Problem mit der Sprache. Wir sprechen kein Farsi, unsere Gastgeber meist kein Englisch. Versuchen wir über das Handy unser Anliegen zu übersetzen, dann stoßen wir auch damit oft auf fragende Gesichter. Es mutet manchmal so an, als wolle man uns einfach nicht verstehen. Und ja, ich muss es sagen, z.T. haben wir auch die Erfahrung gemacht, dass man uns richtig unfreundlich und abweisend entgegen tritt. Und das sind jetzt die Erfahrungen von immerhin sechs Personen, die wir unabhängig von einander diesen Eindruck gewonnen haben.

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Der Verkehr im Iran ist auch so eine Sache. Christian meint, es müsse sich hier um lauter „sehr moderne“ Fahrzeuge handeln, da sie anscheinend nur per HandyApp funktionieren!  Was gäbe es sonst für einen Grund, dass ausnahmslos jeder Fahrer das Telefon ans Ohr hält! Abgesehen davon fahren sie völlig regellos, gerade so, wie es passt – oder eben nicht. Und was noch mehr verwundert, sie sind völlig „furchtlos“, kennen keine potentiellen Gefahrenmomente, lassen sich von einem 13 Tonnen LKW nicht im Geringsten beeindrucken und kommen unseren Stollenreifen gefährlich nahe. Es wird links und rechts vorgefahren, reingedrängelt, geschnitten und das alles bei relativ hoher Geschwindigkeit. Und dann noch das leidige Thema mit dem Diesel. Viele Tankstellen geben uns gar nichts, manche maximal 100 Liter. Wir fahren also jede an und hoffen  auf Erfolg. Natürlich zahlen wir den Touristenpreis, also das Doppelte – sind ja trotzdem nur 4,8 Cent. Tanken macht grundsätzlich also echt Spaß ... wenn man denn Diesel bekommt!

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Aber dann wieder machen wir auch ganz andere Erfahrungen. Menschen kommen auf uns zu und heißen uns in ihrem Land willkommen. Ganz einfache Bauern bleiben stehen und schenken uns einen Sack frisch geernteter Äpfel. Es sind wirklich Extreme, die wir erleben und das irritiert. Ich habe noch kein klares Bild. Meine Zuversicht ist aber groß und sagt mir, dass wir bald anders darüber denken werden. Wie gesagt, es sind wohl mehr diese Fremdheit und Ungewissheit, die das ersehnte Wohlgefühl noch nicht zugelassen haben. Ständig auch zupfe ich an meinem Kopftuch zurecht, möchte auf keinen Fall unangenehm auffallen. Mal rutscht es nach hinten, mal so weit nach vorne, dass ich wie ein Fiakapferd zu beiden Seiten nichts raus sehe. Beides hebt meine Stimmung wenig. Christian, mit einem klitzekleinen Hang zum Kontrollfreak ist mit diesem Wesenszug hier natürlich auch auf verlorenem Posten. Denn Erklärungen und Antworten sind Mangelware.

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Mittlerweile haben wir auch unsere Internetprobleme, zumindest zeitweilig, lösen können und sind wieder „mit der Welt verbunden“. Ich weiß nicht, ob es unbedingt notwendig ist, aber auch wir haben uns schon sehr daran gewöhnt, per Internet mit Zuhause oder eben mit anderen Reisenden in Kontakt zu sein. Auch das Recherchieren der kommenden Streckenabschnitte haben wir darauf ausgerichtet. Man macht sich tatsächlich ein bisschen abhängig davon, aber unser Reiseverhalten beinhaltet nun mal diese globale Vernetzung. Christian hat auch eine WhatsApp-Gruppe ins Leben gerufen, mit einer Menge Leute, die derzeit gerade individuell mit eigenem Fahrzeug im Land unterwegs sind. Dieses Netzwerk kann uns im Bedarfsfall allen behilflich sein. Ja, und dieser Austausch macht natürlich auch Spaß.

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Unsere zweite Nacht verbringen wir am größten Binnensee des Iran. Doch dort läuft bereits die Zeit ab. Wer den Urmia-Salzsee noch sehen möchte, muss sich beeilen. Eine Wüste aus Salz und Sand breitet sich dort aus, wo früher noch Wasser zu finden war. Vergängliche Schönheit - aber das wirklich blühende Leben hat er ohnedies noch nie verkörpert. Nur eine einzige Salzwasserkrebsart hält es hier aus und ernährt immer noch unzählige Zugvögel. Doch auch diese Fauna wird bald verschwunden sein. Da hatten wir also noch Glück und waren rechtzeitig vor Ort. Wie schon erwähnt, unsere Erwartungshaltung für den Iran ist hoch und eindeutig – das Land und seine Menschen müssen grandios sein! So haben es uns alle erzählt – also machen wir weiter.

© Christian Binder