Styros Weltreisen in der Türkei: Durch das anatolische Hochland auf den Götterberg

© Christian Binder

Südostanatolien unterscheidet sich vom Rest der Türkei ganz tiefgreifend. Weite Ebenen dominieren die Landschaft, die bestimmt im Sommer glühen, wenn der Wind der Trockenheit noch eins draufsetzt. Die Region ist hauptsächlich kurdisch geprägt und Teile dieses Landstrichs sind immer noch bettelarm. Wir sind verwundert, auch hier ein erstklassiges Straßennetzt vorzufinden. Jedes noch so kleine Dorf scheint eine gute Anbindung bekommen zu haben. Aber das eigentliche Mammutprojekt ist das „Südostanatolien-Projekt“, kurz GAP genannt. Kern des Projektes ist der Atatürk-Staudamm, der den Euphrat zu einem 800km² großen See aufstaut.

Insgesamt beinhaltet das Projekt 22 Staudämme, von denen 15 bereits gebaut wurden. Es wurden die beiden weltlängsten Wassertunnel mit einem Durchmesser von je 7 Meter unter die Erde gelegt, um auch den Süden mit Wasser zu versorgen. Ambitionierte Aufgaben, deren Euphorie oft die Nachteile vergessen lassen. Dörfer werden geflutet, Menschen umgesiedelt, antike Stätten müssen dem Wasser weichen, Fauna und Flora verändern sich, all das sind unweigerliche Folgen. Und ob die Türkei diesen „Wasserhahn“ jemals als politisches Druckmittel gegen Syrien und den Irak verwenden wird, weiß man nicht. Auf jeden Fall bestimmt Ankara wie viel Wasser die biblischen Flüsse Euphrat und Tigris noch in jene südlicheren Länder befördern können. Aber natürlich, die nutzbaren Ackerbauflächen in Südanatolien sind um ein Vielfaches gestiegen. Und ganz bestimmt hat das viele Wählerstimmen gebracht

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Wir fahren durch den „Aprikosengarten der Türkei“. Die Marillen sind bereits getrocknet und werden in großer Zahl und variantenreich am Straßenrand angeboten. Das Kilo für € 4,--, wie überhaupt für uns in der Türkei alles sehr günstig ist. Die Märkte bieten auch noch erntefrisch Tomaten, Äpfel, Granatäpfel und Mandarinen – alles sehr köstlich! Gäbe es die künstliche Bewässerung nicht, die Gegend wäre bettelarm, das lässt sich gut erkennen. Ohne Zweifel waren die Staudämme für die Bevölkerung der Sprung ins 21. Jahrhundert.

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Ich für meinen Teil habe noch nie so weite Strecken schnurgerade Straßen gesehen, perfekter Asphalt, der uns über die anatolischen Hochebenen führt. Ein Großteil der Tierherden wurde schon abgetrieben, nur vereinzelt sehen wir noch Schäfer und Ziegenhirten. In den Dörfern dominieren Männer das Bild in den Kaffeehäusern, Frauen sieht man auf den Straßen mit und ohne Kopftuch, ein buntes Bild. Touristen sehen wir hier keine mehr. Bei der langsamen Fahrt durch ein kleines Dorf werden wir angehalten und zum Tee eingeladen. Natürlich sagen wir zu. Viele Häuser wurden neu gebaut, das sieht man, doch es bleibt alles extrem einfach. Plastikstühle und ein Tisch werden für uns im Hof bereitgestellt, Baba sitzt am Teppich am Boden, auf hohe Polster gestützt.

Ich sehe in ein Zimmer, der Betonboden wird gerade gekehrt. Nichts als ein großes Bett und ein Strohteppich am Boden. Man ist sehr um uns bemüht, mindestens drei Generationen versammeln sich um uns und alle versuchen, mit Zeichen und ihren fünf Worten Englisch bzw. wir mit unseren fünf türkischen auszukommen. Ehrlich gesagt, es ist nicht leicht und auch ein bisschen mühsam. Aber die Gastfreundschaft und ihr Bemühen rühren uns. Das Handy kann hier durchaus eine Hilfe sein und wir tippen gegenseitig wie blöd kurze Sätze in unsere Kastln und lassen sie übersetzen. Ja,  es hilft ein bisschen. So habe ich also auch meine erste türkische Freundin auf Instagram gefunden und es werden wohl noch mehr werden! Hier ist eindeutig touristenfreie Zone und wir werden geradezu hofiert. Ein bisschen ändert sich das, als wir auf den Nemrut Dagi fahren, aber wir treffen hauptsächlich auf türkische Urlauber.

© Christian Binder

Der Gipfel des Götterberges liegt auf 2150 m. Riesige Steinköpfe bewachen diesen größten Grabhügel der Welt. Die Straße nach oben ist wieder ganz hervorragend, lediglich die Steigung bringt Styros ganz schön ins Stampfen. Die Landschaft ist grandios, der Blick nach oben lässt einen immer wieder staunen. Irgendwann verschwindet dann das Grün und es dominieren nur noch Braun und Grau. Tagsüber ist es angenehm warm, gegen Nachmittag beginnt es zu regnen, und da prasseln dann Eiskristalle (!!!) auf unser Dach. Mit Sonnenuntergang wird es also nichts. Aber Christian startet trotzdem einen Versuch am Nachmittag und hat Glück, das einzige Sonnenfenster dieser 24 Stunden zu erwischen. Ich hebe es mir für den nächsten Morgen auf.

Irgendwann muss auch die Reisende mal Pause machen – ich mache sie jetzt! Morgens allerdings, um 06.30 geht es hinauf…. Leider nur: es regnet immer noch! Auf halber Strecke sitzen zwei ältere Türkinnen auf den Steinstufen, sind schon völlig erschöpft und bitten uns, sie mit nach oben zu nehmen. Also, links und rechts eingehakt, und langsam geht es Schritt für Schritt nach oben. Es ist kein wirklich großer Auftrag, aber die türkische Großmutter ist uns sehr dankbar für die Unterstützung. Aber wie gesagt, der Götterberg ist uns nicht gnädig und die Sicht ist gleich Null. Also war die ganze Geschichte mehr eine morgendliche, sportliche Aufwärmübung. Fototechnisch also für den Hugo, ansonsten aber trotzdem beeindruckend.

© Christian Binder

Antiochus I. hat sich hier 163 v.Chr. ein Denkmal setzen lassen. Er besaß offensichtlich so großen Reichtum, dass er über Jahrzehnte hinweg unzählige Arbeitskräfte freistellen konnte, um dieses Wunderwerk zu schaffen. Kaum vorstellbar, wie man ohne Dynamit das Gipfelplateau abtragen konnte, um die Steinköpfe dort zu positionieren und aus dem losen, kleingeklopften Gestein eine Bergspitze entstehen hat lassen.  Götterverehrung und Größenwahn gehen hier Hand in Hand, und lassen uns heute staunen – dem kann auch der Regen nichts anhaben. Wir wandern also von der Ostterrasse zur Westterrasse. Man sieht ja nur noch die Köpfe der einstigen Kolossalfiguren. Und auch diese leiden unter der hohen Luftfeuchtigkeit, die seit der Flutung des Atatürk-Stausees eingetreten ist. So setzt die Moderne wieder mal der Vergangenheit nachhaltig zu – das nennt man dann wohl am Ende des Tages Vergänglichkeit.