Styros Weltreisen in der Türkei: Naturwunder und Antike Schätze

© Christian Binder

Ephesos war schon eine Weltstadt, da war Rom noch nicht mal gegründet. Mit ihrem großen Hafen als Tor zu den Schätzen Anatoliens und Persiens war sie zu ihrer Zeit die reichste Stadt. Der griechische Artesmiskult ließ einen riesigen Tempel im Zentrum der Stadt entstehen. Doch dann kam Krösus, machte alles zunichte, später Alexander der Große und noch später fiel Ephesus an die Römer, bis dann letztlich nach Christus die Goten Stadt und Tempel völlig verwüsteten. Das ewige „Spiel“ - die Geschichte lehrt es uns immer wieder, Ruhm und Reichtum sind vergänglich.

Doch immer noch lässt sich erahnen, wie groß und mächtig diese Stadt einmal gewesen sein muss. Und wenn man im Licht der warmen Nachmittagssonne die alten, glattgewetzten Steinplatten entlang der Hauptroute geht, vorbei am Hadrianstempel und am großen Amphietheater, dann wäre dies schon ein geschichtsträchtiger Moment, wäre da nicht die Tausendschaft von Touristen. Nicht die Zahl alleine macht dies aus, sondern vielmehr ihr Verhalten. Ob meiner Größe habe ich Glück, dass mich die Spieße der Sonnenschirme nicht treffen können, deren chinesische Besitzer ständig unter mir rumtänzeln. Gefährlicher wird es dann schon, wenn ein Telskopstab fürs Handy ausfährt, um den Besitzer im Selfiformat vor dem Heraklestor in Szene zu setzen.

Und genau das ist es, was so absurd anmutet – dieses sich ständig „in Szene“ zu setzen. Vornehmlich asiatische Gäste verwandeln geschichtsträchtige, alte Gemäuer in Windeseile in eine Bühne. Adrett gekleidet, wie Asiaten ja meist sind, mit kleinem Handtäschchen, Hut und Pömmelsandalen (wohl gerade in!) bringen sie noch rasch ihre Frisur in Form und dann sich selbst in Stellung. Es wird gedreht, das Kleid geschwungen, das Bein kokett auf die Zehenspitze gestellt, gelächelt und nochmal hochgehüpft und die Finger zum V geformt. Ein bühnenreifes Schauspiel – unglaublich. Es scheint nur darum zu gehen, „hier gewesen zu sein“ und der Fangemeinde zu Hause, im Netz oder wo auch immer, dies möglichst rasch kund zu tun.

Unser nächster Stopp: die außergewöhnlichen Kalksinterterrassen von Pamukkale. Der erste Blick erinnert an die Alpen, strahlend weiß und doch auch wieder schmutzig. Ursprünglich hieß Pamukkale „Festung aus Baumwolle“, eben so weiß wie Wolle. Die über 50 Grad heißen Quellen, die große Mengen Kalziumbikarbonat enthalten, haben über Jahrtausende dieses Wunderwerk entstehen lassen. Hier hatte die römische Badekultur 190 v. Chr. ihre Entsprechung in Kleinasien gefunden. Hier entstand Hierapolis, eine Stadt mit 100.000 Einwohnern, Zentrum des Kybelekultes, Verehrung der großen Mutter Erde. Dann in den 50ern wollte niemand mehr Mutter Erde verehren, man baute eine Straße mitten durch die Terrassen. Menschen trampelten in Schuhen über die Terrassen, das Wasser wurde in Hotels geleitet, um Pools zu füllen, und das glitzernde Weiß verkam zu unansehnlichem Grau.

© Christian Binder

Heute ist dies so zwar nicht mehr möglich. Und wenn das Frühjahr genügend Wasser bringt, sind einige Becken auch wieder gefüllt, aber bei Weitem nicht alle. Jetzt war in keinem einzigen Naturbecken Wasser. Die einstige Straße bekam einen künstlichen Überzug, ähnlich dem Travertin, eine künstliche Wasserrinne an der Seite und einige künstlich angelegte Becken, die mit Wasser gefüllt sind. Und über diese weiße Trasse nach oben schiebt sich die Hundertschaft barfüßiger Touristen wie ein bunter Wurm. Und überall dort, wo Wasser in einem der künstlichen Becken oder in einer Rinne ist, hockt ein Teil dieses Menschenwurmes, in der Hand sein wichtigstes Spielzeug, sein Handy und fotografiert sich selbst oder sein Gegenüber. Das Auge muss mittlerweile so Vieles wegfiltern, um das wahren Wunder der Natur neben all der Künstlichkeit noch zu erkennen. Immer wedelt irgendwo ein Hut fürs Foto, und daneben rekelt sich eine Badenixe im Tigerbikini in einem Pool. Die strengen Aufpasser müssen ständig Teile des Menschenwurms von den geschützten Bereichen wieder wegscheuchen.

© Christian Binder

Für uns passt das alles nicht hierher, missachtet die Großartigkeit der Vergangenheit, die es zu schützen gilt. Die Sinterterrassen sind zum Funpark verkommen und das stimmt irgendwie traurig. Die ganz wilden Sünden hat man eingestellt, aber so schön wie in der Antike wird es wohl nie mehr werden, dieses Welterbe hat der Mensch nicht annehmen wollen.

Morgens noch ein bizarres aber durchaus unterhaltsames Erlebnis. Ein undefinierbares Grollen weckt uns auf und ein Blick aus dem Fenster macht uns klar, woher es kommt – wir sind umzingelt! Von 21 Heißluftballonen. Einer landet dann wieder direkt neben Styros, ummantelt mit seiner Hülle beinahe unseren Dicken und der Ballonführer kommt kurz auf einen Kaffee zu uns.

© Christian Binder

Wir besuchen die nächste Naturschönheit, eine, die noch in ihrer Unversehrtheit verbleiben durfte – den Salda Gölü. Ein Vulkankratersee, dessen Sedimente Magnesium und Soda eine Farbenlandschaft formten, die Ihresgleichen sucht. Man nennt den Flecken „die türkische Karibik“, und wie wahr! Vielleicht sollten wir hiervon aber auch gar nichts erzählen, vielleicht auch keine Fotos davon zeigen, damit es hier so wunderschön bleiben darf. Damit Naturwunder und Antike Schätze bleiben, was sie sind und nicht zu Ruinen der Neuzeit verkommen.