Unser erster Monat auf Reisen

© Rosa und Johann Koppelmann

Am 13. September fahren wir endlich los mit unserer „alten Ella“ – innerhalb von 24 Stunden haben wir das Wohnmobil grob saubergemacht und alles eingepackt, was mit soll. Wir haben schon so lange darauf gewartet, dass unser neues Zuhause aus der Werkstatt kommt, jetzt wollen wir nicht länger warten; wir wollen sofort los. Für die erste Nacht fahren wir nur 15 Kilometer weit auf einen Stellplatz direkt an der Ostseeküste. Es ist dunkel, als wir ankommen, und wir wissen noch nicht mal, wie das mit dem Strom bei uns funktioniert …

Egal, abends essen wir Brote, weil wir auch noch nicht mit dem Gasherd vertraut sind. Wir sind einfach glücklich, dass es jetzt losgeht. Am nächsten Morgen wachen wir früh auf und Nila und Rosa laufen im Schlafanzug an den Strand: Die Sonne geht gerade auf und während Nila sich lachend vor Freude im Sand wälzt, fließt Rosa eine kleine Träne der Freude und Dankbarkeit über die Wange: Willkommen, neues Leben!

Wir lieben alles – wir lieben unser Wohnmobil, wir lieben es, alles daran und darin zu entdecken, anzufangen, zu verstehen, wie alles funktioniert, wir lieben es, in der Natur zu sein, als Stadtmenschen lieben wir auch ganz bewusst die gute Luft, wir lieben es, den Sonnenaufgang und später den Sonnenuntergang sehen zu können; wir sind auf einem totalen High!

© Rosa und Johann Koppelmann

Das High ist so hoch, dass die Tatsache, dass unsere Wohnraumbatterien völlig im Eimer sind und wir neue brauchen, uns nicht runterholen kann und auch, dass das Loch hinten, in dem die Rückfahr-Kamera installiert ist, nicht richtig abgedichtet ist, kann uns irgendwie schlechte Laune machen. Wir sind einfach nur glücklich: Das Wetter ist gut und wir sind frei! Wir fahren erstmal noch ein wenig durch den Norden Deutschlands und schlafen auf Bauernhöfen.

Unterwegs besuchen wir noch Familie und Freunde, die wir zu lange vernachlässigt haben und gerne nochmal sehen wollten, bevor wir jetzt lange weg sind. Nachdem wir auch die neuen Wohnraumbatterien haben, geht es knapp zwei Wochen später rüber nach Holland. Wir sind ganz aufgeregt, als wir Deutschland verlassen, schließlich kommen wir jetzt sehr lange nicht wieder!

Holland ist süß, aber weil wir hier keine Bauernhöfe ansteuern können und „wild“ parken offiziell nicht erlaubt ist (und wir als Anfänger keine Risiken eingehen wollen) wird es uns bald zu teuer, auf den Campingplätzen zu stehen. Außerdem schlägt das Wetter um und es regnet viel, also reisen wir schnell weiter nach Belgien… wo es auch nicht besser ist. Nach drei Tagen in Belgien (wo wir in De Haan einen wunderschönen Strandtag haben und sowieso sehr angetan von der süßen Stadt und der tollen Natur sind) geht es weiter nach Frankreich.

© Rosa und Johann Koppelmann

Hier haben wir wieder einen „Bauernhof-Katalog“ und können somit gratis auf Höfen stehen. Für uns derzeit perfekt, denn so stehen wir auf Privatgrundstück und haben dadurch eine gewisse Sicherheit, sind aber trotzdem abseits sowohl vom Touri-Trubel der Camping- und Stellplätze, als auch der Aufregung des Wild-Parkens. Außerdem kommen wir so sehr schnell und einfach in Kontakt mit den Menschen vor Ort, was uns auch sehr freut. Auf einem Hof wird uns die riesige Apfelplantage gezeigt, auf einem anderen verbringen wir den Nachmittag im Stall und streicheln Ziegen und Kaninchen, wiederum auf einem anderen Hof wird uns alles über die Trakkener (Zugpferde-Rasse) Zucht erklärt. Es ist schön, Land und Leuten so nahe zu sein!

© Rosa und Johann Koppelmann

Wir reisen erst durch den Nord Pas de Calais und sind vor allem vom Cap Nez Blanc beeindruckt: Dort rieselt Wasser aus den hohen weißen Steilküsten-Felsen und Nila hat ihren Spaß, das Wasser durch die kleinen Steine bis zum Strand zu verfolgen. Wunderschön wird es dann auch in der Normandie, wo wir uns ebenfalls überwiegend an der Küste aufhalten. Die D-Day Strände, die weltweit bekannt sind, weil hier 1944 die Alliierten landeten, beeindrucken uns genauso, wie die Strände von Franceville-Merville-Plage oder Hirel.

© Rosa und Johann Koppelmann

Für ein paar Tage fahren wir allerdings doch wieder ins Landesinnere, weil wir eine Pause vom Wind brauchen. Irgendwie regnet es nur, seit wir in Frankreich sind, und dazu stürmt es ohne Ende. Das haben wir uns ein bisschen anders vorgestellt und wir fangen an, zu überlegen, ob wir die Bretagne überspringen, um schneller in den Süden zu kommen. Aber nein, wir entscheiden uns, dass wir mitnehmen, was geht und keine halbe Sachen machen, nur weil es ein bisschen regnet. Und noch was entschließen wir nach knapp drei Wochen unterwegs: Ein Jahr ist eigentlich viel zu kurz für unsere Reise, wir sollten mindestens 1 ½ daraus machen!

Neben schönen Strandtagen, langen Spaziergängen über matschige Feldwege und durch süße Dörfer, haben wir auch Tage, die wir auf Supermarkt-Parkplätzen verbringen, um die Waschmaschinen, die es vor jedem großen Supermarkt gibt, zu nutzen, einzukaufen und zu tanken. Wir arbeiten auch jeden Tag und müssen uns auch da erst wieder in neue Routinen einfinden; Wer arbeitet wann? Wann fahren wir? Das ist nicht immer ganz einfach, weil es oft auch heißt, dass einer im Wohnmobil bleibt und arbeitet, während der Andere mit den Kindern die neue Umgebung erkunden darf. Oft sitzen wir abends noch bis Mitternacht an den Laptops und man hört dann im Wohnmobil nur das Hämmern der Tasten der Laptops – und das leise Schnarchen der Kinder.

Aber wir finden uns ein und schaffen uns mit jeder Woche mehr „Alltag“ im Abenteuer. Rituale sind uns wichtig und geben auch unseren Kindern einen wichtigen Halt im Trubel. Bei uns sind das vor allem die gemeinsamen Mahlzeiten: Frühstück, Mittagessen, Abendessen und der gemeinsame Kakao am Nachmittag werden jeden Tag zelebriert und geben unseren Tagen Struktur. Manchmal trinken wir den Nachmittags-Kakao am Strand und manchmal essen wir abends eine Pommes-To-Go im Park, aber immer sind wir zusammen und nehmen uns Zeit für unser Zusammensein.

© Rosa und Johann Koppelmann

Die Kinder sind völlig zufrieden mit dem neuen Leben: Nino schläft während den Fahrten oder schaut zum Fenster raus. Nur wenn wir zu lange unterwegs sind, hat er keine Lust mehr auf seine Babyschale und will weiter robben üben (was machen wir nur, wenn er so richtig robbt und die 1,50m Breite vom Bett ihm nicht mehr reicht?). Nila hört während der Fahrt Hörbücher oder spielt mit mir mit ihren Schleich- und Kuscheltieren. Da wir fast nur kleine Straßen fahren gibt es auch immer viel zu sehen und so wird uns eigentlich nie langweilig beim Fahren.

© Rosa und Johann Koppelmann

Nila wird mit jedem Tag, den wir überwiegend draußen verbringen, entspannter und ausgeglichener und es ist eine wahre Freude, ihr dabei zuzusehen! Außerdem lernt sie wahnsinnig viel: Was sind Länder, Sprachen, Regionen (sind wir schon in der Bretagne oder immer noch in der Normandie? Spricht man in der Bretagne eine andere Sprache?), was ist das Watt etc. etc. Nach Leipzig will sie nur einmal zurück, als sie ihren rosa Puppenwagen ganz fürchterlich vermisst. Zum Glück ist ja bald Weihnachten…

Am Ende unseres ersten Monats auf Reisen nehmen wir noch ein touristisches Highlight mit: Wir fahren nach Mont Saint Michel, stellen uns auf einen dieser riesigen Stellplätze, auf die 90 Wohnmobile passen, und spazieren 5 Kilometer bis zu der Stadt im Meer! Es ist wirklich beeindruckendm die Stadt auf dem Felsen im Wasser von Weitem zu sehen und ebenso beeindruckend, durch die winzigen Gässchen zu laufen. Wir haben Glück, dass es schon Mitte Oktober ist und heute nur relativ wenige Touristen unterwegs sind; im Sommer muss es hier ganz schön anstrengend sein! Aber wir genießen unseren Tag, essen ein paar überteuerte Pommes mit Blick auf’s Watt und spazieren am späten Nachmittag zurück zu unserem neuen „Zuhause“. Denn danach fühlt es sich seit dem ersten Tag an!

© Rosa und Johann Koppelmann