Was ist los in Spanien?

Ein Haus mit einer Pro-Katalonien-Minderheit © Hans-Jürgen Fründt

Eine Mail aus Sevilla von unserem Spanienautor Hans-Jürgen Fründt

»Es geht ein tiefer Riss durchs Land und, schlimmer noch, durch Katalonien. Dort haben sich Freunde, Familien, Nachbar zutiefst zerstritten. Das wird sich so schnell nicht legen, nicht nur ich, auch spanische Freunde sprechen davon, dass es erst in der nächsten Generation behoben werden kann. Wenn überhaupt, denn der letzte ähnlich gelagerte Fall (nun ja, war eigentlich viel schlimmer, aber die Katalanen vergleichen beide Ereignisse heute miteinander) liegt 300 Jahre zurück.

Meine Prognose: Es gibt keine Ruhe in Barcelona, erste Berechnungen zum wirtschaftlichen Schaden kursieren bereits, etwa 2000 Firmen haben ihren juristischen Sitz von Katalonien in andere Regionen Spaniens verlegt, um den Zugang zur EU nicht zu verlieren. Am Donnerstag gabs einen Generalstreik. Zum Glück flog ich schon Dienstag zurück. Katalanische Produkte werden in Spanien derzeit boykottiert, der katalanische Chef von Freixenet (katalanische Marke, Schaumwein = Cava) hatte sich frühzeitig gegen die Abspaltung ausgesprochen, jetzt boykottieren die Katalanen(!) seinen Schaumwein, der traditionell zu Weihnachten in Massen verkauft wird.

Das nur als Beispiel, wie vergiftet die Lage ist. Ich selbst hörte von meiner Freundin aus BCN, dass sie keinen Fuß mehr nach "Spanien" setzt. Die spanische Zentralregierung hat die katalanische Regionalregierung abgesetzt, was die Katalanen so interpretieren, dass Madrid mal wieder das Land (Katalonien) besetzt hat und die Katalanen unterdrückt.

Mich persönlich trifft diese Lage ziemlich, emotional und auch ganz pragmatisch. Erst kürzlich erlebte ich es wieder, dass ich in Barcelona in einer Bar und später in einem Hotel etwas bestellte (auf Spanisch) und man mir auf Englisch antwortete. So etwas gab's früher nicht. Die angesetzten Wahlen in Katalonien sind ja bald (21. Dez.), aber was, wenn dort die Befürworter der Unabhängigkeit gewinnen? Dann geht das Ganze wieder von vorne los. Und solange Puigdemont sich in Brüssel aufhält (und dort wird er bleiben!), hält er die Sache am Köcheln.

Wie gesagt, von hier aus Deutschland betrachtet, sieht das Ganze vielleicht ein wenig albern aus, so Kleinkind-Streit in der Sandkiste, aber ihr dürft mir glauben, es ist den Katalanen todernst. Und den Spaniern auch. Wie sonst hätte man die neun Politiker ins Gefängnis stecken und mit 30 Jahren Strafe bedrohen können. Da spielt auch eine Menge Überheblichkeit, Rachegefühl und so etwas wie: Jetzt zeigen wir's den Katalanen mal so richtig, denn die Katalanen können nämlich auch sehr(!) nationalistisch sein in ihrer Wir-sind-besser-Haltung, die sie zweifellos haben und nach außen auch durch die katalanische Sprache verdeutlichen. Frag mal einen Spanier, der in Barcelona arbeiten muss, der kriegt kein Bein an die Erde, da lassen die Katalanen einen echt verhungern - sprachlich.«

© Hans-Jürgen Fründt