Corona Tagebuch: Katja aus Oulu (Finnland)

Blick aus der obersten Etage von Oulus Shopping Mall Valkea. Gewöhnlich wimmelt es hier von Menschen. © Katja Schmelzer

Wie erleben Menschen weltweit die Corona-Lage? Wir haben Katja Schmelzer, unsere langjährige Lektorin gefragt. Sie lebt zur Zeit in Finnland. Hier ist ihr Beitrag zur derzeitigen Lage in Mittelfinnland:

In der nördlichsten Großstadt der EU, im finnischen Oulu (knapp 200.000 Einwohner), ist die allgemeine Stimmung gelassen und die Corona-Situation stabil (keine Neuinfektionen seit einer Woche, bislang 28 Corona-Infizierte in Quarantäne). Hier wie national hat man die gängigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriffen, Schulen geschlossen sowie die Landesgrenzen für Nicht-Finnen, Flüge des Personenverkehrs aus dem Ausland wurden bis auf Weiteres gecancelt, gesonderte Einkaufszeiten für ältere Mitbürger eingerichtet, Versammlungen von mehr als 10 Personen wurden verboten. Cafés, Restaurants und Bars sind jedoch nach wie vor geöffnet, möglicherweise jedoch nur noch für kurze Zeit. 

Die allgemeine Stimmung ist auch deshalb gelassen, weil viele Finnen über eine gewisse "Durchhalte-Mentalität" verfügen, hierzulande "Sisu" genannt, was "harte Zeiten" angeht, und damit sind nicht nur die langen und oftmals strengen finnischen Winter gemeint. Erst seit 102 Jahren unabhängig, musste man sich zuvor mit russischen und schwedischen Besatzern arrangieren, die das finnische Volk jeweils auf ihre Weise ausbeuteten und unterdrückten. Das hat den Zusammenhalt der finnischen Bevölkerung untereinander gestählt, und dieser "Spirit" lebt auch in Zeiten wie dieser, der Corona-Krise, merklich auf. 

Café-Bar Keltainen Aitta auf dem Marktplatz von Oulu am Sonntag mittag: Normalerweise ist auch der Außenbereich sonntags im Frühling rappelvoll. Die Beine in warme Decken gehüllt wird gebruncht, Kaffee getrunken und der Musik vom Dj gelauscht. © Katja Schmelzer

Hierzulande finden z.B. keine "Corona"-Parties oder andere haarsträubend riskante Menschenansammlungen statt, man hält sich diszipliniert an Empfehlungen der Regierung, vertraut dieser, verfolgt die Nachrichten, geht aber seinen Tagesgeschäften bis auf Weiteres besonnen nach. 

Die derzeitig wenig befahren Straßen in der somit auch recht verlassen wirkenden Innenstadt, die fast leeren Supermärkte, Geschäfte und Shopping Malls sind kein Resultat von Verboten und Sperren, sondern vom freiwilligen Verzicht der Bürger, sich dort aufzuhalten. Man denkt und handelt modern, nutzt, so dies möglich ist, Online-Bestellungen und -Services sowie diverse Lieferservices.

Verwaiste Fußgängerzone am Montag mittag in der Innenstadt von Oulu © Katja Schmelzer

In den Parks der Stadt, am Flussufer des Oulujoki oder auf den Skilanglaufloipen am Stadtrand wird derweil Sport getrieben, man hält sich fit, geht joggen, radeln, spazieren. Die Kinder rodeln hie und da ein bisschen. Man hält ein wenig mehr Abstand als sonst. Aber eigentlich auch, weil die meisten Finnen sowieso Menschen sind, die sehr viel Wert auf ihre Privatsphäre legen und im Umgang miteinander deutlich distanzierter sind als beispielsweise Franzosen, Spanier oder Italiener, ja, ich würde sogar behaupten als Deutsche. Es ist schon recht interessant zu beobachten: Da ist einerseits dieser mentale Zusammenhalt, aber andererseits auch die physische Distanz, die man hier ohne große Mühe, da eh gewohnt, einhält. Man weiß, man kann sich im wirklichen Notfall immer aufeinander verlassen, es ist ein beinahe familiäres Gefühl (das selbst ich als Besucherin deutlich spüren kann), aber bis dahin geht jeder seiner Wege, ruhig und besonnen. 

Sonntags im Stadtpark von Oulu in Zeiten der Corona-Krise: Wintergrillen zu dritt, einige Spaziergänger, einige Kinder rodeln. Für gewöhnlich ist hier sonntags nachmittags viel mehr los. © Katja Schmelzer

Es ist so etwas wie ein kollektives, starkes Verantwortungsgefühl füreinander und untereinander. Man tut das, was notwendig ist, hält dies diszipliniert ein, bis die Krise überwunden ist, ohne in Panik zu geraten oder sich pessimistischen, ängstlichen Stimmungen hinzugeben, zugleich, dennoch, ist man auf finanzielle Verluste und Todesfälle gefasst. Stoisch und zuversichtlich passt man sich der derzeitigen Situation, der Corona-Krise an. Mit "Sisu" eben, diesem Mix aus Mut, Resilienz, Zuversicht, Durchhaltevermögen, Ausdauer, Rückgrat, Realismus und Optimismus. Nicht umsonst rangiert Finnland seit Jahren in der Liste der "glücklichsten Länder der Welt" auf den obersten Plätzen, derzeit, und dies sogar das dritte Mal nacheinander, auf Platz 1. 

Ich muss sagen, ich bin froh, mich in Zeiten der Corona-Krise hier aufhalten zu dürfen. In dieser unsicheren Zeit fühle ich mich hier sehr gut aufgehoben.

Danke Katja, alles Gute für dich und bleib gesund!