Heike & Charlotte: Carretera Austral – Schotter und Sand

© Heike Nickel

Argentinien/Chile 24.Februar 2019

Die letzte Nacht im windigen Patagonien auf der Estancia Santa Magarita kann ich nicht schlafen. So sehr stürmt es, und ich will doch am nächsten Tag fahren. Am Morgen scheint es sich ausgestürmt zu haben. Windstille ... Ich verabschiede mich von allen Liebgewonnenen. 

Im 40 km entfernten El Chalten bleibe ich zwei Tage. Ein sauteures Nest, dessen Entstehungsgeschichte einzig und allein auf dem Tourismus beruht. So reiht sich ein Hostel an das andere, dazu Restaurants und einige winzige Supermärkte. Dazwischen finden sich kleine zusammengeschusterte Häuschen, deren zweite Geschosse meistens noch nicht über den Rohbau hinausgekommen sind. Dort wohnen die wenigen 100 Einheimischen. Ich mache ich einen „Spaziergang“ zu einer Lagune. 

© Heike Nickel

18 km und ich bin fix und fertig. Auf dem Rückweg treffe ich auf Aya. Sie kommt aus Japan und reist ebenfalls allein, was für eine 52 Jahre alte Japanerin wirklich etwas außergewöhnliches ist.

Wir haben viele Kilometer Zeit zum Plaudern. Ich frage sie, wo sie so gut Englisch gelernt hat, denn auch das ist sehr außergewöhnlich an Aya. Und auch ihre Antwort ist wieder sehr ungewöhnlich: „Am Küchentisch“. Ich mache große Augen und sie erklärt, ihr Ehemann wollte nicht, dass sie arbeiten geht. Das ist nichts außergewöhnliches. Sie langweilte sich, und da fing sie an, Englisch zu lernen. Als ihre Tochter in Kanada studieren wollte, ergriff sie die Chance, ihre Reiselust zu stillen, und begleitete ihre Tochter nach Kanada. Natürlich nur, um auf sie „aufzupassen“, erzählt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Sie sagte, sie würde so gerne zelten. Sie hat es nur einmal gemacht, früher einmal, eine Nacht, und weil es ihrem Mann nicht gefiel, blieb es bei der einen Nacht.

"Aya, ich hoffe, du glaubst mir, wenn ich sage, dass es wirklich sehr einfach ist, ein Zelt aufzubauen!" Denn daran scheiterte bis dato Ayas Zeltprojekt. 

Aya © Heike Nickel

Eine nicht ganz einfache Strecke liegt vor mir: Mit dem Boot über den Lago del Desierto, danach sieben Kilometer auf unwegsamem Pfad, durch Matsch und Bäche, bergauf zur chilenischen Grenze und weiter per Boot nach Villa O’Higgings. Allerdings kann man sich nie sicher sein, wann die Boote fahren. Ich habe einen Höllenrespekt vor diesen sieben Kilometern. Sie bedeuten, das Fahrrad tragen, rauf und runter laufen, um die Taschen hochzubringen, und das alles mit Essen für drei Tage im Gepäck. Ich habe schon überlegt, jemanden anzuheuern, der mir meine Taschen auf dem Pferd hochträgt. Am Lago del Desierto treffe ich auf Martin und Philippe, die, wie ich, diese Strecke mit dem Rad vor sich haben, und wir schaffen es zu dritt. Wir helfen uns gegenseitig, in dem wir zu zweit die Räder hochschieben. 

Pushing the bike © Heike Nickel

Es macht Spaß, wir haben Glück, die Sonne scheint, die Wege sind trocken. Ja, am Ende muss ich sagen, es war eine tolle Gaudi. In Villa O’Higgings trennen sich unsere Wege wieder: Philippe bleibt noch eine Nacht länger und Martin ist viel schneller als ich. 

Die ersten 100 Kilometer auf der legendären Carretera Austral sind atemberaubend. 

Der erste Teil der Carretera Austral ist atemberaubend © Heike Nickel

Und natürlich bin ich nicht die einzige, die mit dem Rad unterwegs ist. Wildcampen gleicht oftmals wie Übernachten auf dem Campingplatz. Das liegt an der App IOverlander. Eine App, auf der die „tollsten Wildcampplätze“ eingezeichnet sind.

Wilde Overlander-Campsite © Heike Nickel

Hier ist Mensch tatsächlich selten alleine. Es ist nicht einfach, schöne Plätze zu finden, aber ich finde sie!

Schöner Campingplatz © Heike Nickel

Bis Cerro Castillo, einem kleinen Dorf, ist die Carretera Austral bis auf wenige Kilometer unasphaltiert. Ich weiß, das ständige Rütteln tut weder meinem Rad noch der Kamera gut. Alle zwei Tage überprüfe ich die Schrauben und drehe sie wieder fest. Ich treffe erneut auf die australische Familie, zwei Kinder, Banjo und Daisy, sechs und acht Jahre alt, mit Mama Krista und Papa Sam. Eine wunderbare Familie. Die Kinder sind freigestellt von der Schule, was in Australien problemlos möglich ist. Die beiden schreiben jeden Tag hochmotiviert ihr Tagebuch. Krista erzählt, die Kids würden schnell anfangen zu nörgeln, wenn es darum ginge, zu wandern, aber wenn es darum geht, die Räder hochzuschieben, dann schieben sie ohne zu Murren, sehen die Notwendigkeit ein. Ein tolles Team.

Nach einer gemeinsamen Nacht am Lagerfeuer trennen sich unsere Wege vorerst wieder. Sie machen noch einen kleinen Umweg, während ich geradeaus weiterfahre. Hinein in die Hitze, hinein in den trockenen ausgedörrten Landstrich um Cochrane herum. Die Luft ist voll Asche, der Himmel braun.

Cochrane © Heike Nickel

Ein Waldbrand, mehrere 100 ha gross, nähert sich gefährlich nahe der kleinen Stadt. 

Ich bleibe einen Tag und ärgere mich anschliessend unendlich, dass ich nicht noch einen Tag geblieben bin. Ein so schöner Ort, mit einer wirklich besonderen Atmosphäre: die Menschen dort sind so freundlich und aufmerksam. Eine Frau sagte, sie würde so gerne in Cochrane wohnen. Das wäre ihr größter Traum. Ich kann nachvollziehen, warum. Aber ich fahre weiter.

View of Carretera Austral in Racing-Mode © Heike Nickel

Irgendwie gerate ich in eine Art Rasemodus, nehme mir keine Zeit, habe das Gefühl, ich muss doch jetzt hier endlich mal vorwärtskommen, bin unzufrieden mit mir und dieser Staub, die Hitze, der Schotter gehen mir total auf den Keks. Ja, ich bin genervt. In Puerto Rio Tranquilo mache ich Halt, möchte abends noch schnell eine Bootstour zu den Marmorfelsen machen, um dann früh am nächsten Tag weiterzukommen. So spät am Abend gibt es keine Bootstour mehr, ok, dann eben keine Bootstour. Am nächsten Morgen packe ich alles zusammen und dann plötzlich sticht mich eine Wespe in den Arm. Es tut so weh, und mit diesem Schmerz weiterzufahren, geht absolut nicht. Der Wespenstich stoppt mich. Bringt mich aus dieser Rasespur wieder zurück in meine eigene Spur, meinen eigenen Rythmus. Ein wunderschöner Gammeltag mit einer Bootstour zu den Marmorfelsen am Nachmittag geht zuende und am nächsten Morgen setze ich mich auf Charlotte und trete entspannt in die Pedale. 

Bootstour zu den Marmorfelsen © Heike Nickel

Edu und Pferdekacke

Ca. 200 km weiter in Villa Cerro Castillo, treffe ich auch wieder auf Edu.

© Heike Nickel

Er hat noch nie irgendeine Radtour gemacht. Ist nach Buenos Aires geflogen, hat sich ein Fahrrad gekauft und ist einen Monat früher als ich in Ushuaia gestartet. Geld hat er auch nicht sonderlich viel und findet aber immer Möglichkeiten, irgendwo umsonst, bzw. gegen Arbeit zu schlafen. So einen Deal hat er auch mit dem Campsite-Besitzer Felidor hier in Villa Cerro Castillo gemacht. Das wollte ich auch, und so gab mir Felidor mein Geld zurück und am nächsten Tag sammelten wir (am Ende waren wir zu viert) Pferdedung auf. Aus dem Pferdedung sollen (so Felidors Idee und Projekt), Pellets bzw. Brickets zum Heizen entstehen. Eine vernünftige Alternative zu Holz.

Pferdedung einsammeln © Heike Nickel

Von Edu lerne ich viel: Sein Fahrrad stellt sich als absolute Schrottkiste heraus. Nach knapp 1.000 km sind mehrere Speichen gebrochen und die Felge ist kaputt. Ich würde eine mittelgroße Krise bekommen und er nimmt es absolut locker, denn irgendeine Lösung gibt es immer.

Norio Sasaki

Auf diesem Campingplatz treffe ich am letzten Tag auf Norio Sasaki aus Japan. Er ist einen halben Kopf kleiner als ich und in Alaska gestartet, ganz oben im Norden, in Prudhoe Bay, machte im Winter einen Abstecher nach Tuktoyaktuk und danach immer weiter nach Süden, überflog Mexiko, Zentralamerika, Kolumbien und Ecuador, um dann in Peru wieder weiterzu WANDERN.

Norio Sasaki © Heike Nickel Das 10te Paar Schuhe © Heike Nickel

Er zeigte mir Fotos, wie er über das Eis nach Tuktoyaktuk lief. Was für einen Respekt und welche Hochachtung habe ich vor diesem außergewöhnlichen Menschen.

Asphalt 

Ab Villa Cerro Castillo ist die Carretera Austral asphaltiert, durchgehend bis zu ihrem Anfang, bzw. ihrem Ende in Puerto Montt. Das macht das Radfahren natürlich einfacher, aber irgendwie fehlt der Reiz des Abenteuers. Landschaftlich ist es immer noch außergewöhnlich schön. Nun ja, der nächste Ripio (= unbefestigte Straße) kommt bestimmt ...

Bis dahin genieße ich das leise Dahinrollen.

Carretera Austral © Heike Nickel

Mehr zu unserem BACK TO THE ROAD Projekt mit Heike Nickel und ihrem Fahrrad Charlotte