In der Holzklasse der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland

© Jan Merwitz

Ein Wunschtraum vieler Eisenbahnfans ist die Fahrt über die längste Schienenstrecke der Welt. Jan Merwitz hat sich diesen Traum erfüllt und fährt in seinem Buch „Zügig durch Russland – 3. Klasse Transsib, 3 Wochen und immer wieder Lenin“ von Moskau nach Wladiwostok. Doch mit Eisenbahnromantik im Zarengold hat seine Reise nichts zu tun. Er fährt in der Holzklasse mit dem wenigen Komfort, die ihm die enge Pritsche im Großraumschlafwagen bietet. Dabei ist die Fahrt im 3. Klasse Platzkartnij-Wagon kein Versuch sich in Bescheidenheit zu üben, sondern der Wunsch nach unmittelbaren Begegnungen mit den Menschen und der Kultur Russlands.

Was hat dich zu diesem außergewöhnlichen Abenteuer bewogen?

Eine Reise mit der Transsib ist in mehrfacher Hinsicht ein Wunschtraum für Eisenbahnfans. Die Strecke selbst fasziniert zum einen mit Ihrer Länge von 9.288 Kilometern durch 7 Zeitzonen, zum anderen mit ihrer enormen Bedeutung für die Entwicklung des russischen Reiches seit Ihrem Bau vor über 100 Jahren. Der Zug ist etwas Besonderes, da in der Regel in ihm übernachtet wird, überdies ist er stets pünktlich, egal ob draußen -30 Grad oder +30 Grad herrschen. Die Landschaft hinter den Fensterscheiben beeindruckt mit ihrer unendlichen Weite, den Birken- und Kiefernwäldern und den kleinen Dörfern am Streckenrand. Wer neben dem Land auch seine Menschen kennenlernen möchte, der sollte 3. Klasse reisen. Genau dies war mein Wunsch, während meiner Reise so tief wie möglich in Russland einzutauchen.

Der Jaroslawler Bahnhof ist der Ausgangspunkt der Transibirischen Eisenbahn. © Jan Merwitz

Gab es trotz deiner gründlichen Vorbereitung Überraschungen?

Es gab so viele Überraschungen und alle waren positiver Natur. Die Pünktlichkeit der Transsib ist unglaublich. Nach tausenden Kilometern Strecke kamen wir stets auf die Minute im Zielbahnhof an. Die Schaffnerinnen sorgen auf sympathische Art und Weise für Disziplin und Sauberkeit in den Waggons. Für Tee und Suppen steht jederzeit heißes Wasser parat. Die größte Überraschung, die mich immer wieder berührt hat, ist die Herzlichkeit der mitreisenden Fahrgäste gewesen. Sie waren natürlich sehr erstaunt, dass ich als deutscher Tourist Platzkartnij fahre, und wollten alles über mich wissen. Die vielen Gespräche und gemeinsamen Spaziergänge an den Haltepunkten bleiben mir in besonderer Erinnerung.

Was macht den besonderen Charme der Platzkartnij aus?

Platzkartnij heißt, mittendrin zu sein in Russland. Ein Querschnitt durch die russische Gesellschaft. Studenten, Rentner, Soldaten, Arbeiter, Ingenieure – alle auf engstem Raum, alle aus den unterschiedlichsten Regionen des großen Landes. Mehr Russland geht nicht. Ganz nebenbei ist es mit Abstand die kostengünstigste Alternative das Land zu bereisen. Ich wünschte nur meine russischen Sprachkenntnisse wären besser.

Welches Erlebnis ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Da fallen mir zumindest drei Erlebnisse ein, an die ich mich besonders gern erinnere. Zum einen der gemeinsame Tag mit Artjom und Marc, die ich im Hostel in Moskau kennengelernt habe. Artjom hat im Internet auf einem Verkaufsportal einen Traumwagen entdeckt. Dieses Auto wollte er nun kaufen. Marc und ich haben ihn dabei begleitet. Ein erlebnisreicher Tag. Dann der Tag in der Transsib, den ich komplett im Restaurantwagen mit drei jungen Mitreisenden verbracht habe. Es floss viel Bier und Wodka. Ein unglaublich lustiger Tag an dessen Ende allerdings zwei der Zechkumpane aus der Transsib geworfen wurden. Das dritte besondere Erlebnis war der gemeinsame Tag mit Sascha in Wladiwostok. Ich habe ihn in der Transsib kennengelernt und er hat mir einige der vielen Highlights seiner Heimatstadt gezeigt.

© Jan Merwitz

Hat sich die Bedeutung der Begriffe Privatsphäre und Komfort im Verlauf deiner Reise verändert?

Was mich in der 3 Klasse der Transsib erwartete, konnte ich im Vorfeld durch Fotos und Reiseberichte erahnen. Da ich auch in den Hostels in Mehrbettzimmern übernachtete, habe ich mich schon zu Reisebeginn von Privatsphäre und Komfort verabschiedet. Dies allerdings ganz bewusst. Die ersten Tage war es etwas ungewohnt, später ganz normal. Eine Veränderung konnte ich insofern feststellen, als dass ich es von Tag zu Tag mehr genossen habe, ohne den sonst üblichen Komfort zu reisen. Es hat mich mental unheimlich befreit.

Welcher Ort in Russland hat dich am meisten überrascht?

Es fällt mir schwer den einen Ort zu benennen. Die drei Wochen waren eine einzige Überraschung. Ich könnte wahrscheinlich hunderte Orte aufzählen. Eine Überraschung für jemanden der zum ersten Mal nach Russland reist, ist sicherlich die urbane Wucht der Hauptstadt Moskau.

Moskau-City! Die höchsten Wolkenkratzer Europas © Jan Merwitz

Hast du auf dieser Reise neue Seiten an Russland entdecken können, die dir auf vorherigen Reisen bisher verborgen geblieben sind?

Es war ja meine erste private Reise. Auf den 3 Geschäftsreisen, die mich zuvor nach Russland geführt haben, beschränkte sich das Entdecken auf das Hotel, die Firma und den Weg dazwischen. Wenngleich ich auch hier schon das Kribbeln, welches die Faszination Russland auf mich ausübte, verspürt habe. Insofern habe ich während der drei Wochen zwischen Moskau und Wladiwostok im Sekundentakt neue Seiten entdeckt. Ein stolzes Land, moderne Städte, eine funktionierende Infrastruktur, großartige Natur, herzliche Menschen.

Gab es auch unangenehme oder gar brenzliche Situationen?

Nein, brenzliche Situationen fallen mir einfach nicht ein. Ich habe mich im Nachtleben von Moskau ebenso sicher gefühlt wie auf meinen Wanderungen im Ural oder am Baikalsee. Die vielen Menschen, die ich getroffen habe, waren alle freundlich und hilfsbereit. Die Reise mit der Transsib ist überdies vollkommen entspannt. Unangenehm war vielleicht der Moment als meine beiden Zechkumpane mitten in der Nacht von der Polizei aus der Transsib geworfen wurden. Da hatte ich für einen Moment Sorge auch den Zug verlassen zu müssen. Ich blieb aber unbehelligt.

Hast du schon Pläne für deine nächste Reise?

Ja, ich habe einige Ideen für die nächste Reise nach Russland. In diesem Land gibt es so viel zu sehen, fast zu viel für ein Angestelltenleben. Das Altaigebirge in der Grenzregion zu Kasachstan und der Mongolei; Südrussland vom Kaspischen Meer zum Schwarzen Meer; eine Tour entlang des sibirischen Flusses Lena bis zu seiner Mündung in den Arktischen Ozean; mit einem Buchanka genannten russischen Kleinbus zum Baikalsee, die Halbinsel Kamtschatka im ganz fernen Osten.

Das Buch findet ihr in unserem Shop: "Zügig durch Russland – 3. Klasse Transsib, 3 Wochen und immer wieder Lenin"