Reise mit Lust, doch reise bewusst — die Welt lädt dich ein, doch ist sie nicht dein.
Autor unbekannt

KulturSchock
Informative Führer durch fremde Kulturen

Über die Reihe

Die Bücher der Reihe KulturSchock helfen Reisenden, sich im Alltag der besuchten Länder zurechtzufinden, Vorurteile abzubauen und „Fettnäpfchen“ zu umgehen. Sie tragen dazu bei, dass wir als gern gesehene Gäste wahrgenommen werden.

Unterhaltsam und leicht verständlich werden fremde Verhaltensweisen erklärt und viele konkrete Fragen beantwortet, die sich im Kontakt mit Einheimischen stellen:

  • Wie leben und arbeiten die Menschen?
  • Wie verbringen sie ihre Freizeit?
  • Wie sehen uns die Fremden, was erwarten sie von ausländischen Gästen?
  • Wie verlaufen Treffen und Besuche, welche Mitbringsel erfreuen die Gastgeber?
  • Welche Verhaltensregeln gilt es zu beachten?
  • Welche Rolle spielen Religion, Aberglaube und Bräuche und was ist deren Inhalt?
  • Wie stehen Frauen und Männer, Alte und Junge, Reiche und Arme zueinander?

 

Die Reihe KulturSchock wurde von der ITB 2010 mit dem Preis "Besondere Reiseführer- Reihe" ausgezeichnet.

Jede Kultur ist anders, aber niemals falsch.
Autor unbekannt

 

Exkurs: Kambodscha – Umgang mit Spannungen im Alltag

Solange die Dinge laufen, wie sie laufen sollen, sind alle zufrieden. Die Kinder gehorchen, sie geben sich Mühe in der Schule, sie helfen bei der
Reisernte und im Haushalt, die Kunden sind nicht zu knauserig, die Angestellten arbeiten engagiert, der Chef tobt nicht. Es herrscht Harmonie. Im
Zustand der Harmonie ist es nicht notwendig, zusätzliche Kräfte zu mobilisieren, um den Alltag zu bewältigen. Kambodschanische Kinder lernen
recht früh, sich an die gegebenen Umstände anzupassen. Jeder Kambodschaner kennt den Spruch: djol stöng tam bát (wenn du den Fluss entlang
fährst, mache die Biegungen mit). Ob in der Familie, der Schule oder bei der Arbeit, überall wird von dem Einzelnen gefordert, dass er die Hierarchien
respektiert, dass er ein kollektivistisches Denken und Gruppendenken entwickelt und dass er sich die richtige Stütze sucht. In den überlieferten Texten über die Verhaltensnormen und in alten Erzählungen findet man häufig die Empfehlungen, sich in Geduld zu üben und die Wut im Zaum zu halten, sodass kein Schaden angerichtet wird. Und immer wieder empfehlen die Alten ihren Nachfahren, keine Widerrede gegen die Vorgesetzten zu führen. Eine gute Ausbildung, Vorsicht und umsichtiges Verhalten bei der Arbeit werden als wichtige Tugenden angesehen. Ab und zu wird auch die Empfehlung gegeben, sich nicht zu sehr zu bemühen und sich nicht über sein Schicksal hinwegzusetzen. Große Begierde und Rechtsverletzungen werden negativ bewertet.
All die genannten Verhaltensempfehlungen haben ein gemeinsames Ziel: die Vermeidung von Konflikten. Am meisten helfen diese Normen, die Harmonie in den Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer In-Gruppe aufrechtzuerhalten. Die In-Gruppe kann ein Familienverband oder ein Kreis von Freunden und guten Bekannten sein. Sie kann auch ein Netzwerk von vertrauten Personen in einer Institution, von Geschäftsfreunden oder von einer politischen Partei sein.
Im Verhältnis zu den Leuten außerhalb der In-Gruppe (nachfolgend Out-Gruppe genannt) werden die Normen aber nicht mehr so streng eingehalten. Nur ein Mindeststandard zur Aufrechterhaltung der Oberflächenharmonie wird erfüllt, weil der andere z.B. in derselben Institution arbeitet, weil er Nachbar ist oder weil er Verkäufer auf dem Markt ist, wo man häufig einkaufen geht. Kurzum weil man ihn doch irgendwie wieder sieht und  vielleicht irgendwann einmal mit ihm zu tun hat und weil man sein eigenes Gesicht in der Öffentlichkeit auch wahren möchte. Würde man den anderen nie wieder sehen, bräuchte man sich nicht die Mühe machen, die Harmonie aufrechtzuerhalten. Bei scharfen Konflikten zwischen zwei Gruppen, z.B. zwischen zwei politischen Parteien, gelten die Harmonienormen nicht für die gegnerische Gruppe.Man ist nur seiner eigenen Gruppe verpflichtet.

(Exkurs aus: KulturSchock Kambodscha von Sam Samnang, S.175)

Exkurs: Chile – Don Otto der Deutsche

Ein typischer „langweiligerWitz“ ist ein chiste alemán (deutscherWitz). Im Mittelpunkt dieser Scherze steht meist Don Otto, der jedes Wortspiel falsch versteht und stets treuherzig antwortet. So wurde Don Otto einmal von seiner Frau im Wohnzimmer auf dem eigenen Sofa betrogen. Als er von der Sache erfuhr, ordnete er an, das Sofa zu verkaufen. Der platte Klassiker „das Sofa von Don Otto“ avancierte sogar zum geflügelten Wort. Immer wenn jemand ein Randdetail als Ursache eines Misserfolgs erklärt, heißt es: „Verkauf das Sofa und löse das echte Problem“. „Das Sofa von Don Otto“ erklärt indes auch das typische Bild, das man von Deut-schen in Chile hat: ehrlich sowie unerfahren in Liebesdingen, im Gegensatz zum Chilenen, der sich selbst gern in der Rolle des Latin Lovers darstellt. Bereits im Zuge der deutschen Einwanderung entstand die Witzfigur des Don Otto, über die sich das ganze Volk amüsierte und die zur ersten chilenischen Comicfigur (1905) inspirierte, nämlich Federico von Pilsener, der so hoch wie breit ist und einen Dackel namens Dudelsackpfeifergeselle an der Leine (!) mit sich führt. Überaus korrekt gekleidet in Frack, Weste, Hut und Stock benutzt er die damals in Chile seltenen Requisiten Brille, Schirm und ebendiese Hundeleine. Federico und Don Otto vereinen die typischen Klischees des Deutschen: frío, sério, trabajador (kalt, ernst, arbeitswütig). Pünktlichkeit, Effizienz und Ordnungsliebe gehören auch zu den Eigenschaften, für die die Deutschen zwar geschätzt, aber durch die sie auch vom chilenischen Durchschnittsbürger abgegrenzt werden. Zu spüren bekommen das die Deutsch-Chilenen, einstige Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern, die im Süden Chiles seit mehr als fünf Generationen leben. Bis heute sind sie für Chilenen allesamt die alemanes (Deutsche), gringos („weiße Ausländer“) oder colonos estranjeros („ausländische Siedler“), also noch immer Deutsche oder sogar Ausländer. Dass Don Otto bildliche Sprache wörtlich nimmt und alles falsch versteht, zeigt, wie bruchstückhaft die deutschsprachigen Einwanderer lange Zeit Spanisch sprachen. Und tatsächlich, ist man im Seengebiet Südchiles und in der Region um Valdivia unterwegs, hört man ein sauber gesprochenes Deutsch. Man erkennt schnell den wundersam vertrauten Reiz dieser Gegend. Pappelalleen, herausgeputzte Häuschen mit Blumenbeeten und Gartenzaun. Weidende Kühe, Brombeersträucher und Schilder amWegesrand, die auf Kuchen, Ortsfeuerwehr und Gesangsverein hinweisen. Alles auf Deutsch und man glaubt sich auf dem falschen Kontinent. Auch tragen viele Bewohner dieser Gegend deutsche Familiennamen, sind blond und blauäugig. Die deutschsprachigen Einwanderer haben sich eine neue Heimat in der neuen Welt geschaffen, einschließlich Brauchtum und Sitten. Inzwischen sprechen die jungen Deutsch-Chilenen allerdings eher Spanisch als Deutsch und haben mit den alten Traditionen, die die Großeltern- und zum Teil noch die Elterngenerationen pflegen, nicht mehr viel am Hut.
Ob des wirtschaftlichen Erfolgs und ihrer Verlässlichkeit sind die
Deutschen im Allgemeinen hoch angesehen. Überhaupt steht alles, was das Label alemán (deutsch) im Namen führt, für Qualität und Güte, wie etwa óptica alemana (deutscher Optiker) sowie natürlich clínica  alemana (deutsche Klinik) und colegio alemán (deutsche Schule), wo die neue Generation Deutsch lernt. Da die 22 colegios alemanes zu den besten und damit teuersten Schulen des Landes gehören, können sie sich nur die Besserverdienenden leisten. „Deutsch“ wird daher oft auch mit „vermögend“ gleichgesetzt.
Freilich ist die Wahrnehmung der Deutschen auch schichtenbezogen. Während die Deutschen für die unteren Einkommensschichten eher reich und erfolgreich sind, verbinden die Ober- und  Mittelschichten mit Deutschsein eine gute Ausbildung sowie verlässliche Geschäftspartner.
Neben Don Otto, der den friedlichen deutschen Siedler und tüchtigen Bauern verkörpert, gibt es auch das Bild des strengen autoritären Deutschen, der einst Pickelhaube und Gehorsam beim chilenischen Militär einführte, was den Chilenen den Ruf verschaffte, „die Preußen Südamerikas“ zu sein. Deutsche in Uniform mit militärischem Bellton kennen Chilenen heute aus nordamerikanischen Filmen. Im krassen Gegensatz dazu steht der brave deutschsprachige Tourist, von denen es viele ins Land der Nationalparks zieht.Man erkennt sie anWanderhose, Sonnenhut und Outdoorjacke. Verstaubt und verschwitzt, die Frauen ungeschminkt und kurzhaarig, steigen sie aus den Nationalparks hinab in die besiedelten Regionen und schwärmen von den landschaftlichen Schönheiten Chiles. Die alemanes, unter denen sämtliche deutschsprachigen Nationen zusammengefasst werden, gehören zu der beliebten Gringo-Sorte, denn sie sind freundlich, ehrlich und auf sie ist Verlass. Damit gleichen sie Don Otto, allerdings nicht ganz, denn fast überrascht stellen Chilenen fest, dass die meisten Deutschen gar nicht so frío sind und sogar ganz witzig sein können.

(Exkurs aus KulturSchock Chile von Cindy Schönfeld, S. 205)