»... Ich habe mich sattgeradelt. Die Erde hat mich lange herumgeschüttelt und mich dabei empfindlicher gemacht.«
Claude Marthaler

Reiseberichte

Edition Reise Know-How

Außergewöhnliche Geschichten, Reportagen und Reiseberichte

Reiseberichte als Lesevergnügen (nicht nur) für unterwegs

Hier finden Sie abenteuerliche Storys und informative Reiseberichte, geschrieben von bekannten Autoren, die jeweils bestimmte Aspekte "ihres" Landes oder ihrer Reise(n) hervorheben. Das kann in Form eines Reiseberichtes, eines Romans, einer ironischen Betrachtung oder einer knallharten Reportage geschehen. Eines haben alle Bücher gemeinsam: Sie unterhalten, sowohl unterwegs als auch zu Hause!

»Afrika – mit dem Fahrrad in eine andere Welt« © Joachim Held

Edition Reise Know-How

In dieser Reihe erscheinen außergewöhnliche Abenteuerberichte, Reportagen und Geschichten aus aller Welt. Die Autoren waren zu Fuß, mit dem Rad, Reisemobil oder Motorrad unterwegs. Sie bereisten Länder, interessante Regionen oder durchquerten ganze Kontinente. Alle Titel sind spannend, unterhaltsam und anregend.

Textprobe aus dem Buch „Afrika – Mit dem Fahrrad in eine andere Welt“ von Joachim Held

DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO (km 15.400 – km 17.876)

Als Soldat und Spion unter Verdacht

Die beiden jungen Männer, die mich mit ihrer Piroge über den Ubangui brachten, führten ihre Paddel lautlos durchs Wasser. Wir glitten sanft über den Fluss, der kaum eine Strömung zu haben schien, dafür aber sehr breit war. Lange Zeit erkannte ich am gegenüberliegenden Ufer nur eine dunkelgrüne Dschungelwand, dann entdeckte ich ein paar bergige Anhöhen mit einigen Hütten und schließlich erschien der helle Streifen eines Sandstrandes, auf den wir zusteuerten. Wenig später setzte die Piroge mit Schwung auf den Strand auf, es knirschte unter dem Boot, ich war in der Demokratischen Republik Kongo, auch Kongo-Kinshasa genannt, einst Zaire. Die Jungs hatten während der Überfahrt geschwiegen. Nach meinem Theater bei der Ausreise aus der Zentralafrikanischen Republik hatten sie es vielleicht für besser gehalten, so einen Verrückten erst gar nicht anzusprechen. Jetzt halfen sie mir, das Fahrrad aus dem Boot zu hieven. Sie lächelten ein wenig verunsichert, doch in ihren Augen meinte ich deutlich eine Bitte zu erkennen: „Weißer Mann, reiß’ dich zusammen – dies hier ist der Kongo!“

Der Strand war etwa 30 Meter breit und von feinkörnigem, fast weißem Sand. Der Himmel leuchtete zum ersten Mal seit Tagen tiefblau, es war heiß, an die 40 Grad. Dort, wo der Strand in den Wald überging, erkannte ich ein auf sechs Pfosten errichtetes Palmblätterdach. Im Schatten darunter saßen drei Männer auf Plastikstühlen. Selbst auf die Entfernung sah ich, dass sie staatsmännische Minen aufgesetzt hatten und ich ahnte bereits, was das bedeutete: Sie waren mein Empfangskomitee. Da dieser Grenzübergang offiziell gar nicht genutzt wurde und es deshalb auch kein Zollgebäude gab, hatte man improvisiert und sich unter das Palmblätterdach gesetzt. Außer dem Bürgermeister des nahegelegenen Ortes waren noch der Zollbeauftragte und der Migrations-Chef erschienen, beide aus dem zwölf Kilometer entfernten Libenge. Ich fragte mich, wie sie so schnell von meiner Ankunft erfahren hatten und dann auch noch rechtzeitig erscheinen konnten. War mein Gezeter am anderen Ufer etwa so laut gewesen, dass man es bis nach Libenge gehört hatte? Wie auch immer, die beiden waren auf Mopeds angereist und erwarteten mich jetzt mit bedeutungsschweren Blicken. Abgesehen von den drei Männern auf den Plastikstühlen waren noch etwa 50 andere Menschen gekommen, die wahrscheinlich im Ort oberhalb des Flussufers lebten und mich jetzt in Augenschein nehmen wollten. Sie saßen im Sand oder im Schatten schöner Palmen und beobachteten mich; es war sicher schon lange kein Weißer mehr hier aufgetaucht, schon gar nicht mit einem Fahrrad.

Meine zwei Bootsführer halfen mir, das Fahrrad und die Gepäcktaschen durch den Sand bis zu den Plastikstuhl-Männern zu tragen, danach verabschiedeten sie sich und überließen mich dem Kongo. Ich stand in der prallen Sonne, während die drei Herren meines Empfangskomitees im Schatten saßen, sich meinen Pass hin- und herreichten und die bekannten W-Fragen stellten. Einige ihrer Fragen waren sehr direkt: ob ich von der deutschen Regierung bezahlt würde, ob ich ein Soldat oder Spion sei, welche Waffen ich mitführte. Hin und wieder legten die Herren ihre Fragen an mich auf Eis und besprachen sich untereinander auf Lingála. Ich verstand zwar kein Wort, aber ich hatte den Eindruck, dass sie meinen Angaben nicht den geringsten Glauben schenkten. Die übrigen Anwesenden hatten die ganze Zeit still und aufmerksam meinen Erläuterungen gelauscht.

Da nicht alle Französisch sprachen, gab es in den Besprechungspausen der drei bedeutenden Herren immer jemanden, der meine Ausführungen für sie zusammenfasste und auf Lingála übersetzte. Sah ich mich in der Runde um, hatte ich allerdings ein weiteres Mal das Gefühl, dass mir niemand glaubte: „Er kommt aus Deutschland! Mit dem Fahrrad! Ist seit 15.000 Kilometern unterwegs! Um Afrika kennenzulernen! Ist der verrückt? Oder ist das nur seine Tarnung? Er behauptet, kein Soldat und auch kein Spion zu sein. Aber hat er am anderen Ufer nicht etwas von diplomatischen Verwicklungen geschrien?!“

Etwa eine Stunde nach Beginn der Einreiseprozedur eröffnete mir der Migrations-Chef, dass er mit meinem Reisepass in sein Büro nach Libenge zurückfahren werde. Er sagte, er erwarte mich dort und forderte mich auf, mich zu beeilen. Damit stand er auf und ging zu seinem Moped, das oberhalb des Ufers an einem Feld-
weg abgestellt war. Nun wollte ich meine Taschen aufs Fahrrad 
packen, um ihm zu folgen, doch das war nicht nach dem Geschmack des Zollbeauftragten, der noch immer in seinem Stuhl saß, mich zum Bleiben mahnte und mich anwies, meine Taschen zur Kontrolle auszupacken. Spätestens jetzt wäre ich wohl unter normalen Umständen in inneren Aufruhr geraten und hätte mir überlegt, wie ich dieser Schikane entgehen konnte. Wahrscheinlich hätte ich auch kurz vor einem neuen spektakulären Tam-Tam-Auftritt gestanden. Doch mein theatralisches Geltungsbedürfnis und meine ehrenwerten Prinzipien hatte ich am gegenüberliegenden Ufer zurückgelassen. Ich stand seit über einer Stunde schwitzend in der prallen Sonne, müde, durstig und ausgehungert.

Mir war nur noch danach, diese Situation zur Zufriedenheit aller Kongolesen auf dieser Welt zu beenden. Der Migrations-Chef schrie noch einmal über sein knatterndes Motorrad hinweg, ich solle mich beeilen und verschwand mit meinem Reisepass, während sich der Zollbeauftragte einen Becher mit Wasser bringen ließ und mich mit einer unleidigen Geste anwies, meine Taschen zu öffnen. Die umhersitzenden Menschen kamen nun deutlich näher, um alles zu sehen, was ich mit mir führte und staunten wohl nicht schlecht darüber, was ich alles auspackte. Viele Dinge musste der Zollbeauftragte prüfend in die Hand nehmen: „Was ist das? Rasiercreme? So etwas nutzen wir hier im Kongo nicht! Was ist das? Ein MP3-Player? Musik? Will ich hören! Was ist das? Ein Faltreifen für das Fahrrad? So etwas gibt’s?!“ Gegen 17 Uhr ließ die Kraft der Sonne endlich merklich nach und ich schwitzte nicht mehr ganz so stark. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade dabei, meine zerschundenen Unterhosen zur Schau zu stellen und der Zollbeauftragte zeigte bereits kaum noch Interesse an meinen Sachen, so dass ich es auch schaffte, meinen Fotoapparat und mein Netbook geheimzuhalten. Beides hätte den Spionageverdacht gegen mich nur unnötig wieder erhärtet und mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu irgendeiner „Nutzungsgebühr“ geführt. Als die Kontrolle beendet war, verlangten Bürgermeister und Zollbeauftragter natürlich trotzdem etwas Geld von mir, eine Art Honorar für ihre Arbeit. Ich packte die Taschen aufs Fahrrad und erklärte, dass ich ohne meinen Reisepass keine Zahlungen leisten könne, denn ich bräuchte den Pass, um eine Quittung auszustellen. In Deutschland seien Geldangelegenheiten eine höchst komplizierte Angelegenheit. Manchmal müsse man diverse Formulare beibringen und diese mit diversen Stempeln autorisieren lassen, ehe man an Geld komme. Das Argument mit der Stempel-Bürokratie hatte die erhofft starke Durchschlagskraft. Man ließ mich ziehen, schickte mir aber einen Aufpasser mit auf den Weg. Der etwa 30-jährige Charles war Mitarbeiter des Migrations-Chefs und schwang sich nun auf ein uraltes Fahrrad, um mich die zwölf Kilometer bis Libenge zu begleiten. Da es inzwischen kurz vor 18 Uhr war und der Wald innerhalb von Minuten in tiefschwarze Nacht versinken würde, drückte ich mächtig aufs Tempo, um noch möglichst lange im Dämmerlicht fahren zu können. Charles tat mir dabei ein wenig leid, denn er musste mir keuchend über Stock und Stein auf seinem chinesischen Schrottrad folgen. Auf den letzten Kilometern wurde es dann stockdunkel und ich drosselte das Tempo, um mit dem Rad auf dem schmalen Dschungelpfad nicht in ein Loch zu knallen oder über eine Baumwurzel zu fliegen. Charles holte unter diesen Bedingungen bald auf und so radelten wir gemeinsam in die Stadt hinein.