Ein halbes Jahr

on the road

 

Die vier Nomaden reflektieren zum Bergfest

Juliane, Mischa und die beiden Töchter Anouk und Sóley sind die 4-wheel-nomads. Die Vier leben auf Spiekeroog und starteten von dort ihre große Afrika-Reise mit dem Land Rover: 388 Tage – 27 Länder – 4 Personen – 1 Land Rover.

Bergfest!

Die Hälfte unseres Sabbatjahres ist »schon« vorbei. Oder »erst« vorbei!? Das hängt stark vom Standpunkt und der Situation ab ... Auf jeden Fall ein guter Grund, Zwischenbilanz zu ziehen. Was sind unsere Gedanken zu dem vergangenen halben Reisejahr mit Blick auf das halbvolle Glas der Weiterreise?

Seit Jahren hatten wir diese Reise geplant. Es war unser großer Traum und unser liebstes Hobby, teilweise das einzige, was unser straffer Arbeitsalltag zugelassen hat. Aber Pläne sind nur Richtlinien und sollten nicht zu ernst genommen werden, um volle Freiheit erleben zu können. Und so waren wir jederzeit flexibel und wechselten sogar ein halbes Jahr vor Beginn unseres Sabbatjahres den Ziel-Kontinent von Südamerika nach Afrika.

Viele Schlenker auf der Route nach Afrika hatten wir angedacht, z.B. über die Türkei (Oh, wie sehr hatte sich Juliane auf Istanbul gefreut!), Georgien, den Iran und schließlich wieder verworfen. Wir entschieden uns gegen Herausforderungen gleich zu Beginn der Reise und für mehr Zeit als Familie. Die Kinder mussten erst verstehen, dass dies nicht nur ein kurzer Sommerurlaub werden würde. Spannende Länder würden wir in Afrika noch genügend bereisen.

Albanien

Griechenland

Und so gaben wir uns gern mit weniger Kilometern auf der Straße und mehr Zeit am Strand oder in den Bergen zufrieden. Die Kinder gaben oft das Tempo vor. So war die erste Zeit der Reise von Übelkeit und Spuckerei der Beiden geprägt. Dies kannten wir von bisherigen Reisen nicht und zog jedes Mal einen Rattenschwanz an Arbeit und Stimmungsschwankungen nach sich. »So können wir doch nicht ein Jahr durch Afrika fahren!« Also: Ein Zeichen, noch ein paar Gänge runter zu schalten, fit zu werden für die Sahara-Durchquerung und alles, was uns danach noch erwarten würde – innerlich wie äußerlich!

Im Nachhinein war aber genau diese Entscheidung Gold wert, da die Etappe von Cairo bis Nairobi uns allen extrem viel Energie abverlangt hat. So spannend und bereichernd sie auch war, für Entspannung war wenig Raum!

Äthiopien

»Afrika!« Was wurde uns im Vorfeld dieser Reise vorgeworfen. »Mit Kindern durch Afrika reisen!?« »Unverantwortlich!«, »Politisch unreif!«, »All diese Länder sind failed states!«, ... Afrika stellt sich für uns jedoch bisher deutlich besser dar, als sein Ruf! Nur selten – vermutlich nicht häufiger als in Europa, möglicherweise sogar weniger häufig als dort – hatten wir unangenehme Begegnungen. Bedroht wurden wir nirgendwo und ein Bestechungsgeld haben wir bisher nicht bezahlen müssen. Hier und da haben uns allerdings Polizisten gefragt »Do you have something that makes an officer happy?« ... Wir schenkten ihnen immer unser breitestes Lächeln, worauf sie dieses erwiederten und uns fahren ließen! Gerade die Muslime (wir erinnern uns an »Fahrt nicht zu den Muselmännern, die sind alle fanatisch und kriminell!«) und deren Gastfreundschaft sind wirklich beeindruckend.

Im Sudan sind wir im Gegensatz dazu zwei Mal von katholischen Europäern abgewiesen worden, als wir unser Camp im umzäunten Bereich ihres für Nobeltouristen errichteten »Tented Camp« aufbauen wollten ... mitten in der Nacht mit zwei kleinen Kindern!

Sudan

Sudan

Neben den beeindruckenden Landschaften und spannenden Kulturen begeistern uns vor allem die Menschen Afrikas, die trotz unsäglicher Schwierigkeiten im Alltag, von Korruption über Malaria bis hin zu Arbeits- und Geldmangel, nahezu durchweg freundlich, fröhlich und positiv sind.

Auf unserer Route wollten wir von Nairobi aus einen Schlenker über Uganda und Ruanda machen, bevor wir nach Tansania weiterreisen wollten. Gesundheitliche Gründe ließen uns jedoch umkehren und mit Hilfe moderner Medizin in Nairobi konnten wir uns auskurieren.

Das Thema Krankheit hat sowohl uns als auch Verwandte und Freunde im Vorfeld der Reise sehr beschäftigt. Letztendlich waren alle Erkrankungen, außer den Botflies, Krankheiten, die einen auch in Europa treffen können: Sóley hatte eine Mandelentzündung, wir alle einen Magen-Darm-Virus (Juliane 8 Tage lang, Sóley zwei Mal) und eine Erkältung, die sich bei Juliane allerdings zu einer beginnenden Lungenentzündung ausgewachsen hatte.

Die Krankenhäuser, die wir aufsuchten waren insgesamt überall gut, in Nairobi über dem mitteleuropäischen Durchschnitts-Standard, in Äthiopien und Griechenland dagegen am schlechtesten ausgestattet. Die Malariaprophylaxe, die wir täglich nehmen (Malarone) scheint nebenwirkungsfrei, möglicherweise bedingt sie aber einen leichten Hang zum Durchfall und bei Juliane Probleme mit der Immunabwehr.

Anouk vermisst ihre Freunde – alle, die alten und die neuen

Mental war nach den Botflies für Anouk vorübergehend die Reise vorbei, sie wollte nach Hause. Wir riefen den Familienrat ein und beschlossen, gemeinsam Kurs auf Strand, also Tansania zu nehmen und mehr Zeit mit gleichaltrigen Freunden zu verbringen. Diese Flexibilität hat sich schon nach wenigen Tagen ausgezahlt und Anouk macht das Reisen wieder Spaß. Nur würde sie am Liebsten alle 'on the road' gewonnenen Freunde mitnehmen. Die Reise ist für sie ein hartes Training im Abschied nehmen von ungewohnt herzlichen Menschen.

»Travel School«

Ohnehin lernen wir alle unterwegs sehr viel und nicht unbedingt das, was wir im Vorfeld geplant hatten, jedoch nicht weniger wertvolle Fähigkeiten. Vorallem Sóley und Anouk. Absolut bemerkenswert sind beispielsweise die Englischkenntnisse unserer Kinder. Während Sóley englische Wörter in deutsche Sätze einbaut und jeden damit zutextet, spricht Anouk mittlerweile relativ flüssig Englisch. Lange hat sie den Erwachsenen aufmerksam aber still zugehört und Wörter aus ihren bilingualen Hörbüchern wiedererkannt. Seit unserer Zeit in Äthiopien spricht sie sehr aktiv mit ihren Freunden Englisch und entwickelt in den letzten Wochen sogar einen leichten französischen Akzent, da wir viel gesellige Zeit mit drei französischen Familien verbracht haben.

Gerade für Mischa als Lehrer ist dieser »Spracherwerb ganz nebenbei« beeindruckend. »Learning by doing« im Realkontext mit Menschen, die man bei Bedarf um Rat fragen kann, ist um vieles effektiver als Klassenraum-Unterricht ohne Bezug zur Lebenswelt der Kinder. Grammatik wird intuitiv verstanden, Selbstständigkeit gefördert und Erfolgserlebnisse stellen sich ganz von Selbst ein, wenn man in der fremden Sprache verstanden wird.

Sóley ist entspannter und offener geworden und mit Mischa deutlich stärker zusammengewachsen, den sie vor der Reise eher weniger akzeptieren wollte. Manchmal greift Sóley, als jüngstes Familienmitglied, penetrant in die Kleinkindkiste, um ausreichend Aufmerksamkeit von uns zu bekommen. Wir nehmen das jedoch als sportliche Herausforderung. Allgemein stellen wir fest, dass beide Kinder zusammengewachsen sind. Überhaupt ist unser gesamter Familienzusammenhalt deutlich intensiver geworden.

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Die vielen Reisebekanntschaften haben die Entwicklung unserer Kinder definitiv positiv beeinflusst. Man trifft nicht viele andere »Overland-Familien«, kann sich jedoch mit den wenigen, die derzeit in Afrika unterwegs sind, gut über die modernen Kommunikationsmittel verabreden und treffen. Beispielsweise haben wir eine Facebook-Gruppe mitinitiiert, über welche sich Overlander unterwegs austauschen können. Gemeinsam mit anderen Overlandern einen Teil der Strecke zu reisen, klappt mehr oder weniger gut – das hängt gaz von der Chemie ab. Manchmal muss man auch feststellen, dass man einfach nicht auf der gleichen Wellenlänge ist und besser getrennte Wege geht bzw. fährt. Wir persönlich hatten bisher fast nur gute Erfahrungen, wie mit »den Franzosen«.

Eine große Hilfe, sich in einem neuen Land, in einer neuen Kultur zurecht zu finden und Fuß zu fassen, sind die vielen lieben Menschen, die einen bei sich zu Hause aufnehmen.

Unsere Freundin Flora aus Nairobi

Teilweise wurde dies schon lange über das Internet geplant, teilweise entwickeln sich spontane Geschichten einfach, weil man zusammentrifft. Dabei ist unser Land Rover zum Teil ein wirklich gutes »Mittel«, neue Freunde zu treffen. So wie Konstantinos in Athen, Sam in Kairo, die Bundu Rovers und Lars und Flora in Nairobi.

Oder unser Treffen mit Ian, dem Manager der Land Rover Werkstatt, wo unser liegengebliebenes Auto wieder »fit« gemacht wurde und der uns kurzerhand zu sich nach Hause einlud.

Begegnungen sind mit modernen Medien wie Reiseblog und Facebook gut planbar, aber nicht zu 100%. Es bleibt weiterhin spannend, wen man 'on the road' zufällig kennenlernt, auch wenn es nicht immer nur positive Erfahrungen sind. Riesengroße Fragezeichen tun sich bei uns auf, wenn wir Reisenden begegnen, die laut rassistische Äußerungen kundtun: »Wann eigentlich nimmt sich ein Weißer eine Bimbo-Frau und wann ist es umgekehrt?« oder »Lad' sie nicht ein, wir haben zuhause genug von Denen!« Solche Sätze bekamen wir mehrfach von deutschen Pärchen zu hören, die schon seit Jahren und Jahrzehnten Afrika bereisen.

Für uns kristallisiert sich durch die vielen bereichernden Begegnungen auf unserer Reise heraus, dass eben dieser zwischenmenschliche Austausch für uns zentraler Bestandteil ist. Wichtiger als Sightseeing, wichtiger als das Abhaken bestimmter Hotspots, wichtiger als Tiere, Nationalparks, usw.

Diese vielen spannenden Begegnungen können aber auch von wohlverdienter Entspannung ablenken. Gern verquatscht man sich bis spät in die Nacht und schenkt den Kindern weniger Aufmerksamkeit, was kein Problem ist, sobald gleichaltrige Kinder zum Spielen da sind. Doch tatsächlich ist es erschreckend, dass Juliane es in dem ersten halben Jahr nicht geschafft hat, eine Slackline oder Hängematte aufzuspannen und außer Reiseführern und Kinderbüchern einfach mal ein Buch für sich selbst zu lesen. Ja, man muss aktiv aufpassen, dass man nicht auch unterwegs in ungesunde Alltagsstrukturen verfällt. Der Reisealltag, insbesondere mit Kindern, kann einen genau so sehr im Griff haben wie der Berufsalltag zu Hause. Und so nehmen wir uns für den zweiten Teil der Reise vor, für uns etwas mehr Zeit als Paar zu nehmen, natürlich ohne die Kinder dabei zu vernachlässigen. Optimalerweise sollten sie durch die so generierte Energie profitieren. Ein Modell, was auch zu Hause sinnvoll wäre...

Zuhause ... Dieses Wort leitet unweigerlich zur Frage über was eigentlich »danach« kommen wird. Werden wir in der Lage sein, zurück in unsere »normalen« Leben zurückzukehren? In Leben, die dominiert sind von Uhr und Arbeitsrhythmus? Wie werden wir unsere Lebensfreude weiter so intensiv halten, die wir trotz aller Herausforderungen auf dieser Reise haben? Und wie bekommen wir den Transfer in unser alltägliches Leben hin? Wie wäre es denn eigentlich komplett auszusteigen? Wie würden wir unsere Töchter dann für ihre Zukunft bilden? Und wie sieht diese Zukunft aus? Entspricht sie unseren jetzigen Lebensvorstellungen, oder verläuft sie komplett anders? Könnte das Reisen auch irgendwann »alltäglich« sein wie ein »neuer Job«?

Wäre Auswandern und das Leben noch einmal neu starten, irgendwo in Afrika oder sonst wo, eine Alternative? Bisher können wir uns – neben Australien – nur vorstellen in Kenia oder (vielleicht auch) Tansania neu Fuß zu fassen.In diesem Zusammenhang sind wir auch sehr gespannt auf unsere geplanten Reiseziele Botswana, Namibia, Südafrika und Swaziland ...

Geld! Wieder so ein eher unangenehmes Thema! Ein gutes Gefühl und damit Entspannung im Umgang mit Geld haben wir uns zum Glück über mehrere Jahre durch Sabbatsparen angeeignet.

Auch wenn Länder wie Äthiopien deutlich teurer als erwartet ausfallen, da wild campen aus verschiedenen Gründen nicht möglich war, sind wir überrascht, wie gut wir mit unserem geplanten Budget von 100€ pro Tag (Tagesdurchschnitt von 100,72 €, inkl. Verschiffung) trotz vieler zu zahlender Übernachtungen, zurechtkommen. Besonders erstaunt sind wir, dass wir durchschnittlich nur 8,71 € pro Tag für Diesel ausgeben.

Fast die Hälfte des Reisebudgets, also den Mammutanteil, investieren wir in Essen, Eintritte etc. Das versöhnt uns wieder mit der Grundidee unserer Reise, dass wir in erster Linie eine hochwertige Familienzeit verbringen wollen. Ja, dieser Plan scheint uns aufzugehen. Dabei ist es gut zu wissen, dass dieses Geld nahezu komplett im Land bei den Einheimischen landet. Denn wir kaufen in kleinen Läden, an Straßenständen und auf dem Markt.

Wofür haben wir Geld ausgegeben?

Wo haben wir übernachtet?

Nie haben wir uns als Familie so stark verbunden gefühlt. Wir alle freuen uns auf die nächsten sechs Monate und blicken gespannt auf das halbvolle Reiseglas.

»Und, würdet Ihr die Reise aus der jetzigen Sicht wieder machen?« Da gibt es ein ganz klares und uneingschränktes »Ja!« von uns!

Vielen Dank an die 4-wheel-nomads für den Blick auf das vergangene halbe Jahr.

 

Weitere Informationen zu den 4-wheel-nomads und ihrer Reise